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„Die Landtagswahlen sind mit den Reichstagswahlen von 1928 vergleichbar“

Paul Nolte, 52, Berliner Historiker

Paul Nolte, 52, Berliner Historiker

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dpa

Der Berliner Historiker Paul Nolte sieht eine Erosion der Volksparteien.

Herr Nolte, die AfD hat hunderttausende Nichtwähler zum Wählen gebracht. Was ist für die Demokratie gefährlicher – wenn die Menschen AfD wählen, oder wenn sie gar nicht wählen gehen?

Das kommt sehr darauf an, was aus der AfD wird. Der Anstieg der Wahlbeteiligung, besonders in Sachsen-Anhalt, ist vielleicht das wichtigste Signal überhaupt, das von diesen Wahlen ausgeht. Das ist das eine. Das andere ist, und ich rede jetzt im Konjunktiv: Wenn die AfD sich als rassistische und antidemokratische Partei erweisen würde, wäre es besser, wenn diese Menschen nicht zur Wahl gegangen wären. Jetzt müssen wir alles tun, um diese Wähler für die Demokratie und für demokratische Parteien zu gewinnen.

Was könnten die anderen Parteien bei der Mobilisierung von Nichtwählern lernen?

Es heißt, die Wahlergebnisse seien ein heilsamer Schock für die etablierten Parteien. Aber wenn man etwas heilen muss, liegt auch etwas im Argen. Die etablierten Parteien, die SPD, die Union und auch die Linkspartei im Osten müssen sich darauf einstellen, Wähler anders und effektiver anzusprechen. Sie müssen die Sorgen von Menschen ernst nehmen, die sich abgehängt und mit ihren Ängsten allein gelassen fühlen. Sie müssen auch wieder deren Sprache sprechen – und zugleich Ängsten und Feindseligkeiten entgegentreten.

„Damals gab es das plötzliche Hochschießen der NSDAP auf 18 Prozent“

Erleben wir das Ende der Volksparteien?

Wir sehen eine Erosion, die schon vor Jahrzehnten begonnen hat, bei der SPD in den 80er Jahren und dann bei der Union Ende der 90er. Jetzt aber beschleunigt sich das dramatisch. Wobei man sagen muss, dass sich in Baden-Württemberg eine neue Volkspartei zeigt, die Grünen haben diesen Status nun gewonnen.

Die AfD hat in Sachsen-Anhalt aus dem Stand heraus eine Volkspartei wie die SPD überholt.

Das ist das eigentliche Beunruhigende für mich - und zwar völlig unabhängig vom Programm der AfD. Wenn solche erdrutschartigen Bewegungen in einer Demokratie auftauchen, dann stimmt etwas nicht. Das ist ein Alarmsignal.

Was alarmiert Sie?

Ich will und kann die AfD nicht mit einer anderen Partei in der deutschen Geschichte vergleichen, aber wir müssen, wenn es um unsere historische Erinnerung geht, bis in die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts zurückgehen. Damals ist die NSDAP auch deshalb so gefährlich geworden, weil sie innerhalb ganz kurzer Zeit das Parteien- und Wahlsystem Deutschlands derart überrollt hat, dass an ihr kein Weg mehr vorbei führte. Wenn es um diese Dynamik geht, kann man die Landtagswahlen vom Wochenende durchaus mit den Reichstagswahlen von 1928 vergleichen. Damals gab es dieses plötzliche Hochschießen der NSDAP auf 18 Prozent. Das sind Dynamiken, die nur sehr schwer zu kontrollieren sind in einem demokratischen System. Was vielleicht nur als Protestsignal gemeint war, gewinnt eine gefährliche Eigendynamik.

Ein Drittel der Wähler hat in Baden-Württemberg Grün gewählt, ein Viertel in Sachsen-Anhalt die AfD. Ist das Land immer noch gespalten in Ost und West?

Man kann schon von einer Spaltung sprechen, die Frage ist nur, wo die verläuft. Ich glaube, es geht weniger um Ost und West, denn auch im Osten sind ja 70 Prozent der Wähler eher in der Mitte angesiedelt, wie die Wahlen gezeigt haben. Übrigens: Der Erfolg der AfD zieht auch die Linkspartei in die Mitte. Ich denke, die Spaltung ist eher eine in Insider und Outsider. Die Grenze in Deutschland verläuft zwischen denen, die sich in unserem politischen System beheimatet fühlen, und solchen, denen es völlig fremd geworden ist.