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„Friedenswinter“ vor Bellevue: Verschwörungstheoretiker kapern Friedensdemo in Berlin

Mit Plakaten demonstrieren Menschen am 13.12.2014 bei der Friedenswinter-Demonstration vor dem Schloss Bellevue in Berlin unter dem Motto "Verantwortung für unser Land heißt: Nein zu Krieg und Konfrontation".

Mit Plakaten demonstrieren Menschen am 13.12.2014 bei der Friedenswinter-Demonstration vor dem Schloss Bellevue in Berlin unter dem Motto "Verantwortung für unser Land heißt: Nein zu Krieg und Konfrontation".

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dpa

Nein, sie wollten sich nicht einschüchtern lassen, weil es ja um die gute Sache gehen sollte: den Frieden. Also stehen nun, trotz vieler Bedenken im Vorfeld, vereint in Berlin: Gewerkschafter der Lehrervertretung GEW, Atomkraft- und Atomkriegsgegner, Bundestagsabgeordnete der Linkspartei, kommunistische und antiimperialistische Gruppen, die Globalisierungskritiker von Attac und vor allem Hunderte besorgte Bürger mit Peace-Fahnen und Friedenstauben-Logos – bereit für einen Protestmarsch, der am Ende mit 4000 Teilnehmern tatsächlich die größte Friedensdemo des Jahres wird.

Verschwörungstheoretiker, Antisemiten, Neurechte und Paranoiker

Sie wissen, dass auch deshalb so viele Leute da sind, weil die „alte“, linke Friedensbewegung hier erstmals gemeinsame Sache mit den neuen, oft zwielichtigen „Mahnwachen“-Gruppen macht. Die hatten im Sommer jeden Montag bundesweit Tausende Kriegsgegner auf die Straße gebracht – darunter allerdings reichlich Verschwörungstheoretiker, Antisemiten, Neurechte und Paranoiker. Falls die traditionellen Friedensbewegten nun gehofft hatten, die Mahnwachen hätten solche Leute inzwischen ausgeschlossen oder würden ihrem Anliegen weniger schaden als nutzen, ging das in Berlin am Ende gründlich daneben.

Dabei hat alles so ermutigend begonnen: Pünktlich zum Demo-Start am Samstagmittag vor dem Hauptbahnhof kommt die Sonne raus, wie der Redner auf dem Planenwagen mit der Lautsprecheranlage jubelt. Auf dem Poster hinter ihm steht das Demo-Motto „Stahlhelm ab, Herr Gauck!“, er ruft: „Herr Gauck und diese Bundesregierung sind auf Kriegskurs, aber wir werden uns dem in den Weg stellen!“ Als er ausdrücklich klarstellt, dass die Demonstration „antifaschistisch ist – ohne Wenn und Aber“, erntet er viel Applaus. Jeder hier sei empört über die fremdenfeindlichen Pegida-Demos und dass in Deutschland schon wieder Asylheime abgefackelt werden. „Wir sagen Nein zu Neurechten, Antisemiten, Reichsbürgern!“, ruft er, und wieder wird geklatscht.

Grußwort der Publizistin Daniela Dahn

Später wird ein Grußwort der Publizistin Daniela Dahn verlesen, die sich angesichts der Ukraine-Krise um den Frieden in Europa sorgt und sich vom Bundespräsidenten Gauck eher Rufe nach Deeskalation gewünscht hätte als nach mehr internationale, auch militärische Verantwortung für Deutschland. Ein Sprecher von Attac Leipzig beklagt deutsche Rüstungsexporte und eine „Kriegsfront, die vom Bundespräsidenten über die Grünen bis hinein in die Linkspartei reicht“. Es werden kommunistische Zeitungen und antiimperialistische Flugblätter verteilt, vieles sieht aus und klingt so harmlos wie ein Die-Linke-Parteitag.

Neben der Bühne steht Lars Mährholz, der Gründer der Mahnwachen-Bewegung, der mit Neurechten, Antisemiten und rechten „Reichsbürgern“ bislang zumindest diverse Ansichten geteilt hat, und lächelt mild. „Im Sinne des allgemeinen Friedens“ habe er darauf verzichtet, heute zu sprechen, erklärt er einem Fan, der das bedauert hatte. Aber 70 Prozent der Teilnehmer seien „unsere Leute“, raunt er. Nebenan stürzt sich das Kamerateam von SPIEGEL-TV dankbar auf einen Pöbler unter den Demonstranten, der ihnen bereitwillig „Ihr Kriegstreiber! Meinungsmanipulateure!“ in die Kamera brüllt. Aber er ist hier der einzige seiner Art.

So ist man, als sich der Zug nach einer knappen Stunde in Bewegung Richtung Schloss Bellevue setzt, fast geneigt, der „alten“ Friedensbewegung Recht zu geben: Vielleicht haben sich die Spinner ja tatsächlich aus den Reihen der Mahnwachen verabschiedet, sind zu den offiziell rechten Aufmärschen gewechselt oder daheim geblieben. Klar, einige der Anti-Gauck-Plakate sind deftig, aber es gibt auch milde: „Du sollst nicht töten, Herr Pfarrer!“ Oder „Es ist 5 vor 12! Wacht auf!“, „Frieden mit Russland“ oder einfach nur ein riesiges „FRIEDEN“ samt Taube. Zwar pflegen einige Teilnehmer hier ein reichlich einseitiges Russland-Bild, und auf exotischen Postern mit Putin-Konterfei steht schon mal „Achtung, an alle Deutschen! Eure Medien lügen!“ Der Träger, Anfang 40 und ausgewählt freundlich, ist extra aus Bielefeld angereist, „für den Frieden“, sagt er, und dass er das Poster gerade hier erstanden hat. Aber es tauchen auch Gegendemonstranten auf, vor allem Ukraine-Freunde und einige linke Verschwörungs-Gegner. Und weil sie – anders als oft bei den Mahnwachen – von keinem angefeindet werden, laufen sie einfach mit. Fast könnte man das als Zeichen der Annäherung sehen.

Doch dann melden sich die Köpfe der „Mahnwachen“ zu Wort. Der ehemalige Attac-Aktivist Pedram Shahyar schaut plötzlich aus einem Planenwagen mit Lautsprecher, ruft „Wir sind die neue Friedensbewegung!“ – und peitscht die Menge erfolgreich ein. Buhrufe gegen die Grünen, gegen Verteidigungsministerin von der Leyen, Sprechchöre wie: „Brecht! Die Macht! Der Banken-und-Konzerne!“ Dann kommt er in Fahrt. Ein deutscher Bundespräsident, findet Shahyar, hätte am Jahrestag des Beginns vom Zweiten Weltkrieg nicht in Polen sprechen dürfen, er müsste „nach Moskau fahren, um auf die Knie zu gehen!“ Dafür erntet er viel Jubel, noch mehr für seine Worte an – alle! – deutschen Medien: „Eure Lügen glaubt euch keiner!“ – „Hört auf zu schreiben, was die Atlantikbrücke euch vorgibt!“ Shahyar begrüßt die Bundestagsabgeordneten der Linken: „Willkommen in der Friedensbewegung! Schön, dass ihr nicht gehört habt auf irgendwelche Nato-Thinktanks in eurer Partei!“

Ken Jebsen springt ans Mikro

Als der Zug an seinem Ziel vor Schloss Bellevue, dem Amtssitz des Bundespräsidenten, ankommt, springt plötzlich und unerwartet Ken Jebsen aus dem Inneren des Planenwagens ans Mikro. Einige der linken Friedensgruppen hatten ihre Teilnahme damit gerechtfertigt, dass der umstrittene „Mahnwachen“-Redner bei der Demo ja nicht auftauche. Auch ihnen ist mulmig angesichts von Jebsens Auftritten bei neurechten Veranstaltungen, seinen Äußerungen zu Israel und seiner Verschwörungstheorien, wonach die USA selbst hinter den Anschlägen des 11. Septembers stecken.

Zuletzt hatte er auf dem deutschen Ableger des Kreml-Senders „Russia Today“ erklärt, dass Putin die berechtigte Abspaltung der Ostukraine zu Recht unterstütze. Auf dem Planenwagen poltert er nun zuerst gegen die „embedded journalists“ der deutschen Presse, die schreiben, was die Nato ihnen einflüstere. Gauck sei ein Kriegshetzer, zu dem ihm nur einfalle: „Schluss Bellevue!“ Die Massen jubeln. Danach darf Rapper Photon seine Mahnwachen-Hymne über die Weltverschwörung der US-Zentralbank zum Besten geben. Nebenan fliegen Dutzende Schuhe auf den Rasen vor dem Schloss Bellevue. „Zum Zeichen der Verachtung“, erklärt Mahnwachen-Star Shahyar.

Auf der Hauptbühne müht sich da noch ein Redner der alten Friedensbewegung bei dem Versuch ab, dagegen anzureden, aber es wehen nur Wortfetzen wie „Pazifismus“ und „Entspannungspolitik“ herüber. Danach übernehmen die neuen Kräfte auch die Hauptbühne: noch ein Deutschrapper, der über die Allmacht der Nato fantasiert, Gesichter von „Russia Today“, und ein Gauck-Parodist, zu dessen kabarettistischen Höhepunkten zählt, dass seine Gauck-Figur ihr Herz sprechen lässt - und plötzlich klingt wie Hitler. Als Adolf himmelt er die ukrainische Ex-Oppositionsführerin Julia Timoschenko an, mit der er viel mehr erreicht hätte als mit Eva Braun. Jubel.

Dass die neue Regierung der Ukraine „faschistisch“ sei, gilt hier bei vielen als ausgemacht.

"Die NATO ist das aggressivste Bündnis, das die Welt je gesehen hat"

Am Ende tritt der friedensbewegte Kirchenkritiker und Schriftsteller Eugen Drewermann auf – und bleibt bei altlinker Folklore: gegen einseitige Schuldzuweisungen, für die Auflösung der Nato, da diese „nur den Kapitalinteressen und dem Hegemonialstreben der USA dient“. „Die NATO ist das aggressivste Bündnis, das die Welt je gesehen hat“, ruft Drewermann, beklatscht von Tausenden. Am Bühnenrand applaudieren, ein Stück erhoben und Schulter an Schulter, der Linken-Bundestagsabgeordnete Dieter Dehm, und die verschwörungswirren Mahnwachen-Köpfe Ken Jebsen und Lars Mährholz.

Die neuen Kräfte der Bewegung sind am Ende beglückt: „4000 Leute in Berlin, knapp 1000 in Hamburg, 500 in Bochum“, twittert Pedram Shahyar, dazu am Vortag einige Hundert in Leipzig, München, Aachen. Die „neue“ Friedensbewegung sei nun nicht mehr aufzuhalten. Noch glücklicher können sie freilich darüber sein, dass auch die Traditionalisten nach dem Aufmarsch verkünden, sie seien „höchst zufrieden“. Denn das heißt, dass die Friedensbewegung entweder nicht gemerkt hat, dass ihr Anliegen gekapert wurde – oder dass es ihr egal ist.


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