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Berliner Zeitung | Interview zur AfD: „Ignorieren funktioniert nicht mehr“
01. September 2014
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Interview zur AfD: „Ignorieren funktioniert nicht mehr“

Die AfD hat bei der Sachsen-Wahl große Erfolge erzielt

Die AfD hat bei der Sachsen-Wahl große Erfolge erzielt

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dpa

Herr Niedermayer, wie realistisch ist die Hoffnung der CDU, dass sich die AfD in absehbarer Zeit wie die Piraten selbst zerlegen wird?

Oskar Niedermayer: Ich glaube, dass kann man noch nicht definitiv abschätzen. Die AfD hat durch ihren Erfolg in Sachsen einen großen Schritt hin zur Etablierung getan und wird damit auch auf Bundesebene stärker als ernst zu nehmende Partei wahrgenommen. Aber sie muss sich jetzt erst mal auf Landesebene bewähren. Wenn sie es nicht schafft, die permanenten Querelen und Personalauseinandersetzungen zu beenden und vor allem das Ausufern in Rechtspopulismus zu stoppen, sehe ich eher Schwierigkeiten für die Etablierung.

Anders als andere rechtspopulistische Parteien, die in der Vergangenheit immer schnell verglüht sind, scheint die AfD allerdings ein größeres Wählerpotenzial zu haben. Spricht das nicht für einen längerfristigen Erfolg?

Niedermayer: Ich glaube schon, dass die AfD größere Chancen hat, sich zu etablieren als das bei einigen anderen rechtspopulistischen Parteien der Fall war. Aber wie gesagt, nur unter bestimmten Bedingungen. Wenn sie in Zukunft weiter bürgerlich-konservative gesinnte Wählerschichten ansprechen will, muss sie sich in den Augen ihrer Wähler glaubwürdig vom rechten Rand absetzen.

„Die AfD ist in allen Bundesländern präsent”

Die AfD profitiert aber schon jetzt von einer sehr straffen Organisationskultur, es gibt ein AfD-Milieu, sie ist längst nicht mehr die Ein-Themen-Partei. Die Piraten hatten schlechtere Startbedingungen.

Niedermayer: Nach außen hin dringen aus der AfD immer nur Personalstreitigkeiten und inhaltliche Auseinandersetzungen. Dabei vergisst man leicht, dass viele Leute, die in der AfD organisiert sind, über politische Erfahrungen verfügen, weil sie von anderen Parteien kommen. Das ist anders als bei den Piraten, wo die meisten politische Laien waren. Darüber hinaus hat sie ein durchaus gefestigtes Organisationsfundament. Sie ist in allen Bundesländern präsent, auch das nützt ihr. Die Piraten wurden in ihrer Selbstzerstörung sehr schnell als Chaostruppe wahrgenommen, die man nicht mehr ernst nehmen kann. Das sehe ich bei der AfD nicht, auch wenn es viele Berichte über Querelen gibt.

Wenn man sich das Programm und das überwiegend ältere Personal der AfD anschaut, erstaunt es sehr, dass sie Stimmen von sehr vielen jungen Wählern bekommen hat. Warum?

Niedermayer: Die AfD spricht Ängste und Sorgen gerade von jungen Männern an. Bei denen sind Parteibindungen längerfristiger Art noch nicht so ausgeprägt, so dass sie sich schneller für so eine neue Partei entscheiden.

Wie sollte die Union mit der neuen Konkurrenz von rechts umgehen?

Niedermayer: Sie zu ignorieren wie es noch bei der Bundestags- oder der Europawahl versucht wurde, wird nicht mehr funktionieren. Das gilt auch für den Versuch, sie einfach zu verteufeln, denn die Wähler, die die AfD anzieht, sind aus bestimmten inhaltlichen Gründen von den anderen Parteien enttäuscht. Sie fühlen sich benachteiligt, diesen Ängsten muss man durch Argumente begegnen. Man muss die AfD jetzt mit Sacharbeit bekämpfen und nicht mit Pauschalurteilen oder Missachtung.

Man muss sie ernst nehmen, auch auf die Gefahr hin, dass man sie damit aufwertet?

Niedermayer: Sie ist jetzt Bestandteil der Realität, und da nützt das Leugnen nichts. Wenn sie mit fast zehn Prozent in einem Landtag ist und vielleicht in zwei Wochen in drei Länderparlamenten, dann sollte man das anerkennen. Die Wähler müssen mit Argumenten wieder zurückgewonnen werden. Das ist sinnvoller als die Strategie, sie zu tabuisieren. Die Partei ist nicht mehr wegzudiskutieren, deshalb sollte man sich auch mit ihr inhaltlich auseinandersetzen.

Das Gespräch führte Mira Gajevic.