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Kölner Opfer im NSU-Prozess : Applaus im Gerichtssaal für Masliya M.

Masliya M., die deutsch-iranische Zeugin und Opfer eines Bombenanschlags kommt durch einen Nebeneingang zum NSU-Prozess im Ober

Masliya M., die deutsch-iranische Zeugin und Opfer eines Bombenanschlags kommt durch einen Nebeneingang zum NSU-Prozess im Oberlandesgericht in München.

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dpa

München/Köln -

„Ein lauter Knall, ein helles Licht, danach alles dunkel.“ So beschreibt Masliya M. den Augenblick der Explosion am 19. Januar 2001 im Hinterzimmer des Lebensmittelladens ihrer Eltern an der Probsteigasse in der Kölner Innenstadt. Die damals 19-jährige Schülerin hatte gerade die Stollendose ein bisschen geöffnet, die dort seit etlichen Tagen in einem Präsentkorb stand. „Ich war interessiert, was in der Dose ist.“

Sie schloss die Dose sofort wieder, als sie einen blauen Stahlbehälter in ihr erblickte. Bis zur Explosion dauerte es noch rund 10 Sekunden. In dieser kurzen Zeitspanne hatte sie sich in einem Meter Entfernung von dem Korb auf einen Stuhl gesetzt, unter den Schreibtisch gebeugt und einen Spiegel aus der Schublade geholt. Sie wollte sich fertigmachen für die Schule.

Die Wucht der Explosion schleuderte Masliya M. zu Boden. Sie war bei Bewusstsein. Sie merkte, dass sie ihre Augen nicht mehr öffnen konnte, weil die Lider völlig verklebt waren. Sie spürte die Brandverletzungen. Ihre Mutter und ihr Vater trugen sie vor das Geschäft. Im Krankenwagen bekam sie Beruhigungsmittel, später wurde in ein künstliches Koma versetzt. Wochen später, nach dem Aufwachen kam der Schock, als sie sich im Spiegel sah. Das Gesicht war grün und blau, verbrannt, voller Schnittwunden. Die Haare fehlten.

Die Eltern hatten am Krankenbett gewacht. Die Familie, die Freunde stabilisierten sie. Masliya M. ließ sich gegen ärztlichen Rat entlassen. Sie musste erst wieder lernen zu laufen. Sie konnte zunächst nicht selbst essen, sie konnte sich nicht selbst waschen. Es folgten etliche weitere Klinikaufenthalte, viele Arztbesuche. Die Trommelfelle mussten ersetzt, die Narben korrigiert, in zahllosen Laserbehandlungen die Flecken vom Schwarzpulver der Sprengladung gebleicht werden. Die Holzsplitter mussten aus dem Kiefer entfernt werden. Etliche befinden sich heute noch im Knochen.

Noch heute Holzsplitter im Kiefer

Masliya M. musste lernen, sich wieder auf die Straße zu trauen. Sie wird heute noch immer wieder angesprochen, auf ihre Narben. „Das ist das Schlimmste.“ Wenn sie sich abschminkt, tauchen die schwarzen Flecken auf. Von all den anderen Gebrechen, die geblieben sind, sagt sie: „Damit habe ich gelernt zu leben.“

Masliya M. ist Ärztin. Sie berichtet dem Oberlandesgericht München ruhig, sehr sachlich, auch selbstbewusst von ihrem Schicksal. Die Polizei ermittelte damals einige Monate. Dann sagten die Ermittler der Familie, die Fahndung sei abgeschlossen. Es sei wohl ein Einzeltäter und Masliya M. ein Zufallsopfer gewesen. Man habe keinen Verdächtigen gefunden. Das Opfer dachte damals: „Es ist gelaufen, wie es gelaufen ist, man muss es hinnehmen.“ Und: „Ich konnte mit dem Einzeltäter gut abschließen.“ Heute fügt sie hinzu: „Wir waren naiv, muss ich sagen.“ Die Eltern gaben den Laden auf, verloren ihre berufliche Existenz.

2011 erfuhr die Familie, dass sich der rechtsterroristische NSU auch mit der Explosion in ihrem Laden brüstet. „Wir waren unter Schock.“ Neue Angst kam auf, ob es noch Mittäter gibt: „Keiner wird uns garantieren können, dass es nicht zusätzliche Leute gibt, die morgens vor der Türe stehen.“ Und sie fügt hinzu: „Ganz abgeschlossen ist es nicht.“ Auch die Geschwister haben eine akademische Ausbildung, alle sind bestens integriert. Auch sie müssen mit der Erkenntnis leben, so Masliya M.: „Es gibt Menschen, die dich wegen deiner Herkunft angreifen.“ Eine kleine Pause. „Das ist traurig.“ Für sie und für ihre Familie. Und der letzte Satz: „Schade.“

„Ich lasse mich nicht rausjagen - jetzt erst recht“

Masliya M. wird noch gefragt, ob sie daran gedacht habe, Deutschland zu verlassen. Natürlich habe sie zunächst gedacht, „was soll ich denn noch hier?“ Aber dann: „Das wäre die Absicht dieser Leute gewesen. Ich habe mir hier alles aufgebaut. Ich lasse mich nicht aus Deutschland rausjagen. Jetzt erst recht.“

Zuschauer im Gerichtssaal applaudieren nach dieser Aussage. Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl lässt es an diesem Tag ausnahmsweise kommentarlos zu. Der Bombenanschlag war ein Mordversuch. Daran kann es keinen vernünftigen Zweifel geben. Daran konnten die Fahnder schon damals keinen Zweifel haben.

Ein Polizeibeamter, der Masliya M. kurz nach dem Attentat in der Spezialklinik für Verbrennungsopfer besuchte, beschreibt jetzt als Zeuge ihren Zustand damals: „Verbrannt, aufgedunsen, blutende Verletzungen im Gesicht, nicht ansprechbar. Es gibt keine passenden Worte dafür. Es war ein Bild des Grauens.“ Er habe schon viel Blut, Leichen und Elend gesehen, „dieses Opfer war an der Spitzenposition.“ Man glaubt diesem, sonst eher unbeholfenen Beamten, dass er versuchte, das Beste zu geben. Die Kölner Polizei hatte damals aber noch nicht einmal eine Mordkommission eingerichtet.