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Geldtransporter in Wolfsburg überfallen: RAF-Terroristen offenbar für weiteren Überfall verantwortlich

Die Ex-RAF-Terroristen Burkhard Garweg (l-r), Ernst-Volker Wilhelm Staub und Daniela Klette

Die Ex-RAF-Terroristen Burkhard Garweg (l-r), Ernst-Volker Wilhelm Staub und Daniela Klette

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dpa

Berlin -

Die Meldung des NDR kam am Montagabend wie der Blitz aus heiterem Himmel. „Spuren nach Raubüberfall bei Bremen weisen zur RAF“, schrieb die Deutsche Presse-Agentur unter Berufung auf den Sender.

Bald sickerten Namen durch. Demnach sollen die seit Jahrzehnten flüchtigen Daniela Klette, Ernst-Volker Staub und Burkhard Garweg am 6. Juni vorigen Jahres auf dem Parkplatz eines Verbrauchermarkts in Stuhr nahe Bremen auf einen Geldtransporter geschossen, allerdings nichts erbeutet haben, da sie die Tür des Transporters nicht öffnen konnten. Später verlautete seitens der Staatsanwaltschaft Verden, vermutlich seien die drei Ende 2015 auch Urheber eines Überfalls auf einen Geldtransporter in Wolfsburg gewesen.

Keine neue Generation

Die Frage lautet nun, was das zu bedeuten hat. Der RAF-Experte Butz Peters sagt: „Dass jetzt eine vierte Generation losmarschieren will, glaube ich nicht.“ Eher handele es sich um „so eine Art Altersvorsorge“. Die drei Flüchtigen der Jahrgänge 1958, 1957 und 1968 bräuchten Geld für ihr weiteres Leben in der Illegalität.

Klette, Staub und Garweg sind unter den RAF-Terroristen jedenfalls, nach allem was bekannt ist, weniger bedeutend. Morde werden ihnen nicht zur Last gelegt.

Die Geschichte der RAF

Die Rote Armee Fraktion ging Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre aus den militanten Teilen der 68er-Bewegung hervor. Die bekanntesten Namen waren Andreas Baader und Ulrike Meinhof. Ihr Protest entzündete sich am Vietnamkrieg, ihre Taten richteten sich bis 1972 vor allem gegen US-Einrichtungen.

Führende Köpfe der zweiten Generation waren Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt. Sie wollten die erste Generation aus der Isolationshaft befreien. Als sich der Staat 1977 im so genannten Deutschen Herbst auch nicht mit der Entführung von Arbeitgeber-Präsident Hanns Martin Schleyer und einer Lufthansa-Maschine erpressen ließ, begingen Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe im Gefängnis Stuttgart-Stammheim Suizid. Schleyer wurde daraufhin ermordet. Er war eines von insgesamt 34 Todesopfern der RAF. Meinhof wählte ein Jahr vorher den Freitod.

Unaufgeklärte Morde

Auf das Konto der dritten Generation gingen Mitte der achtziger und Anfang der neunziger Jahre zahlreiche Morde, die bis heute ungeklärt sind: an dem MTU-Vorstandschef Ernst Zimmermann (1985), dem Siemens-Manager Karl Heinz Beckurts (1986) und seinem Fahrer Eckhart Groppler, dem Bonner Spitzendiplomaten Gerold von Braunmühl (1986), Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen (1989) und Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder (1991).

Als Anführer dieser Generation gelten Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams. Letzterer wurde 1993 auf dem Bahnhof der mecklenburgischen Stadt Bad Kleinen bei dem Versuch, ihn zu verhaften, erschossen.

Bei Hogefeld gelang die Festnahme. Sie wurde verurteilt und kam 2011 frei. Klette und Staub hatten zu beiden Kontakt. Zehn RAF-Terroristen lebten derweil jahrelang mit falschen Identitäten in der DDR, darunter Susanne Albrecht, Silke Maier-Witt und Inge Viett. Im März 1998 erklärte die RAF ihre Auflösung mit dem Satz: „Die Stadtguerilla in Form der RAF ist nun Geschichte“. Die Opfer ihrer Terroranschläge und Überfälle erwähnte sie nicht.

Klette wird verdächtigt, 1991 auf die Bonner US-Botschaft geschossen zu haben – mit 250 Projektilen über den Rhein hinweg. Damals fand man von ihr ein Haar im Fluchtwagen. Gemeinsam mit Staub, mit dem sie zumindest zeitweilig auch privat liiert gewesen sein soll, und Garweg verübte Klette dann 1993 offenbar einen Sprengstoffanschlag auf die neue Justizvollzugsanstalt im hessischen Weiterstadt.

Raubüberfälle für den Unterhalt

Dies war Reaktion auf Prozesse gegen RAF-Mitglieder aus der einstigen DDR. Überdies stehe der „Abschiebeknast“, und das klingt hochaktuell, „für die rassistische staatliche Flüchtlingspolitik“, hieß es. 1993 wurde das Asylrecht verschärft. Schließlich sollen die drei 1999 in Duisburg einen Geldtransporter attackiert und dabei eine Million D-Mark erbeutet haben – Altersvorsorge Teil eins, sozusagen. Das Vorgehen ähnelte dem in Stuhr und Wolfsburg. Dabei gehören Raubüberfälle seit jeher zum Rüstzeug von Terroristen, um das eigene materielle Überleben zu sichern. Der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) beging 15 davon.

Klette, Staub und Garweg sind seit über 20 Jahren untergetaucht, was den Ermittlungsbehörden nicht zur Ehre gereicht. Und es gibt von ihnen keine heiße Spur. Wie sie das gemacht haben, ist auch dem RAF-Experten Peters schleierhaft. „Das ist ein riesengroßes Rätsel“, sagt er, „praktisch das größte Rätsel, das die dritte Generation der RAF hinterlassen hat.“


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