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Berliner Zeitung | Handgranaten-Angriff auf Flüchtlingsheim in Villingen-Schwenningen: Politiker warnen vor rechtem Terror
29. January 2016
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Handgranaten-Angriff auf Flüchtlingsheim in Villingen-Schwenningen: Politiker warnen vor rechtem Terror

Einsatzkräfte der Feuerwehr sichern vor der Flüchtlingsunterkunft in Villingen-Schwenningen in Schutzkleidung den Tatort ab.

Einsatzkräfte der Feuerwehr sichern vor der Flüchtlingsunterkunft in Villingen-Schwenningen in Schutzkleidung den Tatort ab.

Foto:

dpa

Berlin -

Die Angriffe auf Flüchtlingsheime werden immer häufiger und gefährlicher. In Baden-Württemberg haben jetzt Unbekannte eine scharfe Handgranate auf eine Erstaufnahmestelle in Villingen-Schwenningen geworfen. Die Granate ist aus unbekannten Gründen nicht explodiert. In dem Freitag morgens attackierten Haus leben derzeit 170 Asylsuchende.

Die Tat zeigt eine neue Eskalation in der wachsenden Zahl der Attacken gegen Flüchtlingsunterkünfte in ganz Deutschland. Erst Anfang des Monats hatten Unbekannte Schüsse auf ein Asylheim im hessischen Dreieich abgegeben und trafen einen 23-jährigen Bewohner. Insgesamt haben sich die Straftaten gegen Flüchtlingsheime 2015 im Vergleich zum Vorjahr verfünffacht und lagen bei insgesamt 1005 Fällen. Das meldete das Bundeskriminalamt erst am Donnerstag. Darunter waren 173 Gewalttaten, 145 mehr als 2014. Die Zahl der Brandstiftungen stieg von 6 auf 92. Laut BKA hatten 901 der Taten einen rechtsradikalen Hintergrund.

Sicherheitsdienst alarmierte Polizei

In Villingen-Schwenningen hatten die Täter die Handgranate laut Polizei gegen 1.15 Uhr über den Zaun des Heims geworfen. Ihr Sicherheitssplint sei zuvor entfernt worden, sodass sie also im Normalfall hätte explodieren müssen. Sie war mit Sprengstoff gefüllt, ob sie auch einen funktionierenden Zünder hatte, ist unklar. Der Sicherheitsdienst hatte die Granate entdeckt und die Polizei alarmiert. Entschärfer des Landeskriminalamtes sprengten die Handgranate kontrolliert. Die Kriminalpolizei richtete eine Sonderkommission ein. Die Ermittlungen laufen in alle Richtungen, konkrete Spuren oder ein Verdacht liegen laut Polizei noch nicht vor. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) nannte es „unfassbar, dass jetzt schon mit Handgranaten – quasi mit militärischen Waffen – auf Asylsuchende losgegangen wird“. Extremismus, der zu Gewalt übergeht, müsse radikal geächtet werden.

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) sagte, die Täter dürften nicht ungestraft bleiben. Angriffe gegen Flüchtlinge, Helfer und Polizisten seien insgesamt dramatisch angestiegen. „Wir dürfen nicht abwarten, bis es die ersten Toten gibt“, so Maas. Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) sprach angesichts der Tat von Terrorismus.

Auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) bezeichnete die Tat am Freitag als inakzeptabel. Er verstehe die Sorgen angesichts des Flüchtlingsthemas, „aber bei Gewalt hört es auf“. Es sei ein neues Phänomen, dass die Gewalt in einen Teil der Mitte der Gesellschaft krieche. Dagegen helfe nur eine harte Verfolgung durch die Justiz. Zudem brauche es klare Grenzen in der politischen Auseinandersetzung.

Grünen-Chefin Simone Peter forderte Angela Merkel auf, den Kampf gegen rechten Terror zur Chefsache zu machen.


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