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Pfefferspray, Elektroschocker: So gefährlich ist die persönliche Aufrüstung

Deutschland rüstet auf

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DPA

Berlin -

Die anhaltende Flüchtlingskrise und die Terroranschläge in Paris und Istanbul verunsichern die Deutschen immer mehr. Das führt offenbar auch zu einem größeren Bedürfnis nach Selbstschutz und individuelle Bewaffnung. Die Nachfrage nach Schreckschusspistolen, Reizgas und anderen Abwehrmitteln wie etwa Elektroschockern habe sich im vergangenen Jahr „mindestens verdoppelt“, sagte der Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Büchsenmacher und Waffenfachhändler, Ingo Meinhard. Auch wenn die Händler seines Verbands von dem gestiegenen Absatz profitierten, beobachte er die Entwicklung mit Sorge, sagte Meinhard.

Um genauen Aufschluss zu bekommen, hat die Organisation eine Studie bei der Gesellschaft für Konsumforschung in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse Anfang Februar vorliegen sollen. Nach Einzelbeobachtungen in verschiedenen Städten ist der Umsatz nach den Ereignissen in der Kölner Silvesternacht noch einmal sprunghaft angestiegen. Besonders groß ist die Zahl der Frauen, die sich schützen wollen. Genaue Zahlen gibt es bisher auch deshalb nicht, weil alle möglichen Formen von Reizgas frei in Ladengeschäften und im Internet erhältlich sind. In Baumärkten werden sie zum Teil neben den Kassen angeboten.

Kleiner Waffenschein

Immer mehr Menschen beantragen bundesweit einen „kleinen Waffenschein“. Nach einer Prüfung durch die Polizei berechtigt er zum Erwerb einer Schreckschusspistole. Weil es zu Jahresbeginn außerdem eine Fülle von Anfragen über das Dokument etwa in Köln nach den Ereignissen in der Silvesternacht gab, stellte die Kölner Polizei einen Hinweis auf ihre Facebook-Seite mit Tipps zum Erwerb des kleinen Waffenscheins.

Zur Zeit erreichen die Polizei Köln zahlreiche Anträge zur Erteilung eines kleinen Waffenscheines. Viele dieser Anträge...

Posted by Polizei NRW Köln on Dienstag, 12. Januar 2016

Während die Kölner Polizei also von ungewöhnlich vielen Anträgen spricht , berichtete Düsseldorfs Polizeipräsidium von einer spürbaren Antragswelle. Im vergangenen Jahr habe es rund 1500 Anträge gegeben. Seit dem 4. Januar gingen täglich acht bis zehn Anträge ein, sagte Pressesprecher André Hartwich. Die Entwicklung werde mit Besorgnis verfolgt. „Wir glauben nicht, dass die Sicherheitslage in NRW das Tragen einer Waffe in der Öffentlichkeit nötig macht“, sagte Nina Vogt, Sprecherin der Dortmunder Polizei. Oft verleihe sie ein selbstbewussteres Auftreten.

Doch dies sei kein Garant dafür, nicht angegriffen zu werden. „Eine persönliche Aufrüstung birgt hohes Eskalationspotenzial“, warnt auch Katrin Streich vom Darmstädter Institut für Psychologie und Bedrohungsmanagement. Besser als solche Gegenwehr sei es daher, zu fliehen oder auch Passanten anzusprechen. Sie plädiert für eine stärkere Polizeipräsenz.

Schrillende Alarmanlagen

Ähnlich argumentiert Ingo Meinhard vom Verband der Waffenfachhändler mit Sitz in Marburg. Die „freien Abwehrmittel“ dürften auf keinen Fall „proaktiv eingesetzt werden“, sondern allenfalls, um den eigenen Rückzug zu ermöglichen. Nach den Erfahrungen seiner Mitgliedsgeschäfte werden überwiegend Flaschen mit Reizgas gekauft, aber nicht eingesetzt. „Sie dienen vor allem der Verbesserung des persönlichen Sicherheitsgefühls.“

Für wirksamer als Schreckschusswaffen und Reizgase hält Meinhard tragbare schrillende Alarmanlagen und blendende Minitaschenlampen mit Stroboskop – nicht nur, weil sie Angreifer orientierungslos machten. Und dann kommt von ihm ein unerwartetes Lob auf die strengen deutschen Waffengesetze. „Jeder weiß, wie scharf die Abgabe und Haltung von Schusswaffen kontrolliert wird“, sagt Meinhard. „Deshalb ist die Nachfrage nach scharfen Waffen auch in diesen aufgeregten Zeiten nicht gestiegen.“ (mit dpa)


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