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Terror-Verdacht in Pulheimer Baumarkt: „Brandgefährliche Mischung“ für weniger als 30 Euro

Gefährliche Chemikalien in großen Mengen einzukaufen, kann Terrorängste hervorrufen

Gefährliche Chemikalien in großen Mengen einzukaufen, kann Terrorängste hervorrufen

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Bjrn Wylezich - Fotolia

Köln/Pulheim -

Dieses Sortiment kam Wolfgang B. (Name geändert) gleich verdächtig vor. Der 49-jährige Fachverkäufer im Knauber Baumarkt in Pulheim kennt sich aus, hat sämtliche Schulungen nach der Chemikalienverbotsverordnung absolviert. Der Mann, der am vergangenen Freitag gegen 15.30?Uhr in der Gartenabteilung vor ihm stand und nach Ammonium-Nitrat verlangte, hatte eine „brandgefährliche Mischung“ frei verkäuflicher Chemikalien in seinem Einkaufswagen: Salzsäure, Brennspiritus, Rohrreiniger, Karamba-Starterspray und Azeton. Das alles hat keine 30 Euro gekostet. „Ammonium-Nitrat ist ein schnell wirksamer Stickstoffdünger, der ausschließlich in großen Mengen in der Landwirtschaft verwendet wird. So etwas führen wir gar nicht. Das habe ich ihm gesagt.“

Es habe keine Handhabe gegeben, den Kunden aufzuhalten. „Alles in seinem Wagen war frei verkäuflich. Es gab keine Veranlassung, nach einem Ausweis zu fragen.“ Die Sache habe ihm nach Feierabend keine Ruhe gelassen, sagt Wolfgang B. „Ich habe drüber geschlafen und am Samstag mit meinem Filialleiter gesprochen. „Es ist ja schon belastend, wenn man einen Kunden verdächtigt. Gemeinsam haben wir dann den Kassenbon herausgesucht. Wir wussten ja die ungefähre Uhrzeit.“ Anschließend kontrollierten Filialleiter und Verkäufer die Überwachungsvideos und informierten die Polizei.

Öffentlichkeitsfahndung funktionierte

Aber die Experten von der Abteilung Staatsschutz kannten den Mann auf dem Foto nicht. Da der 44-Jährige die Chemikalien in bar bezahlt und keine EC-Karten-Daten hinterlassen hatte, schieden weitere mögliche Ermittlungsansätze aus. Den Fall aber einfach auf sich beruhen zu lassen, sei keine Option gewesen, sagt ein Ermittler. Der Ernst der Lage sei nicht von der Hand zu weisen gewesen. Ergänzt um „zwei, drei weitere Substanzen“ hätte man mit den Zutaten, die der Verdächtige gekauft hatte, in der richtigen Mischung hochexplosives Tri-Azeton-Triperoxid herstellen können.

Weil die Polizei bei der Identifizierung nicht vorankam, gab ein Richter am Dienstagnachmittag gegen 16.30 Uhr schließlich einem Antrag auf Öffentlichkeitsfahndung statt. Es war wohl die letzte Chance – und das Kalkül ging auf.

Keine vier Stunden später, nachdem die Fotos des 44-Jährigen über die Medien verbreitet worden waren, meldete sich der Gesuchte in Begleitung eines Freundes auf der Wache in Pulheim. Er hatte von der Fahndung erfahren und wollte den Terrorverdacht ausräumen.

Zähe Vernehmung

Die nächtliche Vernehmung im Kölner Polizeipräsidium gestaltete sich zäh. Zwar war den Ermittlern ziemlich schnell klar, dass hier weder ein Bombenbauer noch ein religiöser Fanatiker vor ihnen saß. „Er zeigte kein Interesse an religiösen Belangen und hatte auch kaum Ahnung davon. Das war glaubhaft, so gut kann man gar nicht schauspielern“, berichtete ein Ermittler. Aber den wahren Grund für den Verdacht erregenden Einkauf wollte der 44-Jährige anfangs nicht verraten. Sprach zunächst davon, er habe mit den Chemikalien sein Mofa beizen wollen.

Die Polizisten glaubten ihm nicht. Als Fahnder zeitgleich bei einer Durchsuchung seiner Wohnung in Pulheim noch Marihuana fanden, und zwar in einer Menge, „bei der zweifelhaft ist, ob man noch von Eigenbedarf sprechen kann“, wie es ein Ermittler ausdrückte, gab der 44-Jährige schließlich zu, er habe mit den gekauften Flüssigkeiten Drogen herstellen wollen. Welche genau, ist noch unklar, angeblich „etwas zum schnüffeln“, heißt es. Aus den Ermittlungen zu seiner Person und seinem Lebensumfeld ließen sich „keine Anhaltspunkte dafür ableiten, dass er die Chemikalien zu anderen Zwecken erworben hat“, betonte ein Polizeisprecher. Damit ist ein Terrorverdacht vom Tisch.

Liste gefährlicher Kombinationen

Der 44-Jährige muss nun wegen des Marihuanabesitzes mit einem Strafverfahren wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz rechnen. Der Kauf der Chemikalien sei nicht strafbar, bestätigte Oberstaatsanwalt Ulf Willuhn. Am Mittwoch durfte der Pulheimer das Präsidium wieder verlassen.

Nach dem Vorfall macht sich der Knauber-Mitarbeiter Gedanken, wie es sich verhindern lässt, dass derartig brandgefährliche Chemie-Kombinationen problemlos verkauft werden. „Es müsste regelmäßige Schulungen geben. Ich bin der einzige in unserer Filiale, dem das überhaupt auffallen konnte, weil ich schon lange in diesem Bereich arbeite.“

Hilfreich könne sein, wenn in den computergesteuerten Kassen der Baumärkte und anderer Branchen, die mit Chemikalien handeln, verdächtige Einkaufs-Kombinationen hinterlegt werden. „Wenn ein Kunde so etwas kauft, könnte an der Kasse ein Warnhinweis erfolgen. Auch wenn das alles frei verkäuflich ist.“ Das könnte kriminelle Handlungen erschweren, „weil dann zumindest auffällt, wenn eine bestimmte Warenkombination gekauft wird“.


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