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„Wer das christliche Abendland betont, sollte die Botschaft Jesu wenigstens kennen“

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Bodo Ramelow spricht im Interview über Gott und die Welt.

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imago/Jacob Schröter

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow ist Linker – und Protestant. Ein Gespräch über Gott und die Welt und das, was nicht vom Menschen beeinflusst ist.

Herr Ramelow, Jesus Christus wurde am Karfreitag ans Kreuz geschlagen und ist Ostern „auferstanden von den Toten“. Was sagt uns das 2016?

Mit Ostern ist die Hoffnung verbunden, dass man am Ende von etwas immer auch den Anfang wieder erkennen kann. Für mich als Christ ist die Osternacht ein sehr wichtiges Datum meines Glaubens – denn das Osterfest ist immer verbunden mit der Hoffnung auf Versöhnung. Die Welt hat noch nie so viel Hoffnung auf Versöhnung nötig gehabt wie heute – egal ob in Ankara, Paris und Brüssel Bomben explodieren oder in Aleppo Bomben fallen. Wir brauchen viel Kraft für Hoffnung.

Wo brauchen wir hier Versöhnung?

Wir sollten deutlich machen, dass wir in der Lage sind, Herausforderungen wie die Flüchtlingskrise zu meistern. Wir haben doch die organisatorischen Dinge inzwischen ganz gut im Griff. Von zehn Erstaufnahmeeinrichtungen, die wir in Thüringen aus dem Nichts geschaffen haben, stehen im Moment sogar sieben leer. Und seit einer Woche spreche ich mit Wirtschaftsvertretern, die händeringend sagen: Wir können junge Flüchtlinge oder junge arbeitslose Europäer als Auszubildende dringend brauchen. Die Situation ist beherrschbar. Integration ist nötig und möglich. Wir sollten diese Menschen auch wollen.

„Es gibt starke religiöse Wurzeln im Marxismus“

Trotzdem, das Christentum politisch umzusetzen ist schwierig, wie man an der Flüchtlingskrise sehen kann. Ist die Bibel nur was für Sonntage?

Auf allen politischen Seiten wird gerade versucht, die Bibel zu okkupieren. Wer das Christliche am Abendland betont, der sollte die Botschaft von Jesu wenigsten kennen. Statt die christlichen Werte zu instrumentalisieren, wäre es besser, man würde sie leben – und zwar in Gemeinschaft mit denen, die uns am dringendsten brauchen. Zur Besinnung hilft immer auch der Gottesdienst. Die christliche Botschaft ist die Botschaft der Nächstenliebe. Jesus Christus ist für uns gestorben und hat dabei die Sünden der Welt auf sich genommen. Dabei hat er uns vergeben als Chance für einen immer wiederkehrenden Neuanfang. Manch einer täte gut daran, in dem anderen Menschen den Freund, nicht den Feind zu sehen. Wer das Christentum verteidigt, gleichzeitig aber meint, den Islam verdammen zu müssen, der tut den Muslimen Unrecht. Man sollte sich nicht selbst erhöhen, indem man andere erniedrigt. Es kommt doch auf das Gemeinsame an. Und ja, Religion muss immer friedlich und verbindend, aber nie unterdrückend gelebt werden.

Kann man das Christentum in Politik überführen?

Man kann mit christlichen Werten Politik gestalten. Selbst Karl Marx hat sich intensiv mit dem Christentum und der Bibel auseinandergesetzt. Es gibt starke religiöse Wurzeln im Marxismus. Der Satz vom Opium fürs Volk wurde erst unter Lenin dann massiv anti-klerikal. Und unter Stalin wurden die Kirchen geschändet und entweiht. Da wurde der Marxismus zur religiösen Konkurrenz, weil man an die Entscheidungen der Partei als unfehlbar glauben und deren Repräsentanten Verehrung entgegenbringen sollte.

Was hat das Christentum, was der Marxismus nicht hat?

Im Christentum wohnt die Erkenntnis, dass es etwas gibt, was nicht vom Menschen beeinflusst ist. Das ist das Göttliche. Am Ende kam auch Marx immer wieder an Punkte, die er nicht erklären konnte. Diese Erkenntnis über das Vorhandensein des Unerklärbaren gibt mir wiederum Kraft. Ich bin froh, dass ich nicht auf alles eine Antwort habe. Man muss Widersprüche aushalten und daraus Kraft ziehen können. Versöhnung heißt, aufeinander zuzugehen – selbst in Fällen, in denen das nicht möglich erscheint. Wie sollte Jesus Christus auf Pontius Pilatus zugehen?

„Wir brauchen Spiritualität“

Sie sind in einer Partei, in der Religion unter Verdacht steht. Über zwei Drittel der Thüringer sind konfessionslos. Dennoch fahren Sie nach Rom und Jerusalem. Warum?

Konfessionslosigkeit heißt ja nicht Religionslosigkeit. Konfessionslosigkeit ist eher ein Erbe der DDR. Dennoch hatte meine PDS in Thüringen nie ein Problem mit mir als Gläubigen. Es gab aber Debatten bei der Vereinigung mit der WASG, als Alt-68er aus Westdeutschland dazu kamen und vereinzelt anti-klerikale Parolen vor sich hertrugen. Das hat sich beruhigt.

Haben Sie das Gefühl, dass mehr Spiritualität dem Osten gut tun würde?

Dort, wo es spirituelle Angebote gibt, werden Menschen neugierig. Und in Familien, in denen Menschen ans Ende des Lebens kommen, wird die Frage wieder wichtig: „Was ist denn da noch außer uns?“ Aus meinen 26 Lebensjahren in Thüringen nehme ich mit: Der Arbeitskampf in Bischofferode wäre ohne die ökumenischen Andachten gar nicht möglich gewesen. Das Zweite war das Massaker am Erfurter Gutenberg-Gymnasium. Ohne die offenen Kirchen hätte es eine Heilung der zutiefst verletzten Seelen in dieser Stadt nicht gegeben. Wir brauchen Spiritualität. Sie kann nur nicht verordnet werden.

Tut sich denn da etwas?

Ich sehe, dass sich Gemeinschaften neu aufbauen. Und das hat einen Grund. Denn – jetzt werde ich mal marxistisch – die kapitalistische Verwertungslogik basiert ja auf Vereinzelung. Und diese Vereinzelung lässt keine Räume mehr, um Druck und Schmerz auszuhalten. Wir brauchen also eine Gemeinschaft, die sich spürt und wahrnimmt. Spiritualität wäre wichtig, um wieder mehr Gemeinschaft herzustellen.

Um zum Ausgangspunkt zurückzukommen: Was geht Ihnen näher – der Karfreitag oder die Osternacht?

Die Osternacht. Der Karfreitag ist das „Kreuzigt ihn!“ Die Osternacht ist Freude auf die Auferstehung.

Was ist näher an der Wirklichkeit?

Beides. Das Dunkle und das Helle lösen sich ab. Beides gehört zusammen und macht das Gewicht unserer Welt aus. Wer die Hoffnung verliert, ist irgendwann dem Irrsinn preisgegeben. Doch gerade unser Land sollte Hoffnung haben und Hoffnung verbreiten.