17.12.2011

Ägypten: Ein bisschen Glamour im arabischen Winter

Von Julia Gerlach
„Wir müssen alles daran setzen, die moderaten  Muslimbrüder in die politische Mitte zu ziehen“, sagt Amr Hamzawy.
„Wir müssen alles daran setzen, die moderaten Muslimbrüder in die politische Mitte zu ziehen“, sagt Amr Hamzawy.
Foto: afp
Kairo –  

Amr Hamzawy ist in Ägypten ein Polit-Star. Als einer von wenigen Liberalen hat er ein Direktmandat fürs Parlament gewonnen. Eine Begegnung mit dem Feind der konservativen Frommen - aber auch der Jugendlichen der Revolution.

Die erste Sitzung des neuen ägyptischen Parlaments soll erst in gut einer Woche stattfinden, doch wie es dort aussehen wird, hat ein Karikaturist schon einmal vorweggenommen. Seine Zeichnung zeigt die Abgeordneten allesamt als strubbelige Strichmännchen. Alle tragen die Strubbeln unterm Kinn und sind so als Islamisten zu erkennen. Alle? Nein, einer nicht, der trägt die Strubbeln auf dem Kopf. Und wer das ist, weiß in Ägypten jeder, auch wenn kein Name darunter steht.

Zwei Drittel für die Islamisten

Das Ergebnis der ägyptischen Parlamentswahlen soll an diesem Wochenende offiziell verkündet werden. Wer gewonnen hat, ist allerdings schon bekannt: Gut zwei Drittel der Sitze entfallen auf Islamisten.

Die Partei der Muslimbruderschaft, die sich selbst als moderat-islamisch bezeichnet, habe rund 45 Prozent der Sitze gewonnen, berichtete am Mittwoch die regierungsnahe Nachrichtenwebsite Al-Ahram Online.

Die Partei des Lichts, die den radikal-islamischen Salafisten zugeordnet wird, kam demnach auf 25 Prozent.

Die liberale Traditionspartei Al-Wafd wird mit rund neun Prozent der Sitze drittstärkste Kraft im Parlament.

Amr Hamzawy, der 44-jährige Politologe mit den langen Locken, ist einer der wenigen Liberalen, die es per Direktmandat ins neue Parlament geschafft haben, und auch wenn sein Wahlkreis im gutbürgerlichen Heliopolis im Nordosten von Kairo liegt, grenzt sein Erfolg an ein Wunder. Denn eigentlich scheinen alle gegen ihn. Allein die Erwähnung seines Namens löst sowohl bei den konservativen Frommen als auch bei vielen Jugendlichen der Revolution wüste Schimpftiraden aus.

Den Islamisten ist er mit seiner Vergangenheit als Politikwissenschaftler in Deutschland und den USA und seinen Liebesaffären zu westlich. Vielen der einstigen Aktivisten vom Tahrir-Platz hingegen gilt er als Verräter, weil er nach Kompromissen zwischen den verfeindeten Lagern sucht. Derzeit denkt er etwa laut darüber nach, den Generälen Straffreiheit für alle früheren Vergehen anzubieten, wenn sie im Gegenzug die Regierung in zivile Hände legen. Amr Hamzawy hat ein Talent dafür, zwischen die Fronten zu geraten.

Andere hätte das längst die Karriere gekostet. Doch er hat dieses gewisse Etwas, das ihn von anderen Politikern abhebt. Auf Facebook wird allen Ernstes und mit großem Eifer die Frage debattiert, ob es seine Koteletten oder eher seine braunen Augen seien, die ihn so sexy machten. Als er im vergangenen Sommer in einer lauen Ramadannacht in seinem Auto überfallen und ausgeraubt wurde, gab es tagelang Schlagzeilen auf den Klatschseiten.

Denn Hamzawy war nicht allein, neben ihm saß die attraktive Schauspielerin Basma. Inzwischen sind die beiden ein Paar, und der Politiker und die Schöne bringen ein bisschen Glamour in den tristen arabischen Winter, der ansonsten von der Wirtschaftskrise dominiert wird und von zunehmender politischer Konfrontation.

Erst mal Waffenstillstand

(Fast) allein unter Langbärten: Was kann Hamzawy im Parlament ausrichten? Zunächst will er seine liberalen Kollegen zu einem sofortigen Waffenstillstand gegenüber den Muslimbrüdern bewegen. „Wir müssen mit ihnen kooperieren“, sagt er. „Das Allerwichtigste ist zu verhindern, dass sie sich mit den Salafisten zusammentun.“

Bei vielen aus dem liberalen Lager kommt dieser Rat schlecht an. Doch er kommt aus berufenem Munde. Denn Hamzawy erforscht seit mehr als zwanzig Jahren den Islamismus. Über dieses Thema hat er an der FU Berlin promoviert und bis vor einem Jahr für die US-amerikanische Carnegie-Stiftung wissenschaftlich gearbeitet, zunächst in Washington, dann in Beirut.

Auch ihn, den Fachmann, hat der Wahlausgang überrascht. Nicht der Sieg der Muslimbruderschaft – mit dem hatte er gerechnet. Der starke Auftritt der Salafisten aber kam für ihn unerwartet. „Sie sind in ihren Forderungen viel radikaler, simpler und direkter“, sagt er. Damit erreichten sie vor allem arme, wenig gebildete und zugleich sehr religiöse Ägypter – eine Beschreibung, die auf mehr als die Hälfte der Wählerschaft zutrifft. „Die starke Präsenz der Salafisten stellt die Muslimbrüder vor große Herausforderungen“, analysiert Hamzawy. „Das ist vergleichbar mit der Lage konservativer Parteien in Europa angesichts von Rechtsradikalen in den Parlamenten.“

Bis vor einem Jahr in Ägypten der Aufstand gegen Präsident Husni Mubarak losbrach, war Amr Hamzawy den Ägyptern in erster Linie aus Interviews bekannt, in denen der TV-Sender Al Dschasira ihn als Experten befragte. Die Bilder vom Tahrir-Platz lockten ihn zurück an den Nil. Im Gebäude der Zeitung Al Shorouk bezog er ein gediegen getäfeltes Büro, in dem er seither residiert, Interviews gibt, Artikel verfasst und neue Initiativen plant.

Als unabhängiger Kandidat

Nicht alles gerät ihm zum Erfolg. Ende Januar 2011 – die ersten großen Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz hatten Mubarak gerade zu ersten Zugeständnissen gezwungen – gründete Hamzawy mit einigen angesehenen Intellektuellen einen Rat der Weisen, der vermitteln sollte zwischen den aufbegehrenden jungen Leuten und dem Regime, auf dass das Land bald zum Alltag zurückfinden möge. Es kam bekanntlich anders.

Hamzawy ließ sich durch die Vorwürfe, er habe sich zum Handlanger Mubaraks gemacht, nicht beirren. Er gründete mehrere Parteien und entschied sich schließlich doch, als unabhängiger Kandidat in die Parlamentswahlen zu gehen. „Das war eine gute Entscheidung, denn viele Wähler können mit Parteien und der Polarisierung der Politik nichts anfangen“, resümiert er.

Dass er in keinem politischen Lager richtig dazugehört und alle auf ihn schimpfen, kommt ihm nun zugute. Denn die meisten Ägypter sind revolutionsmüde und wollen insbesondere mit den jugendlichen Rebellen nichts mehr zu tun haben. Hamzawys Distanz zu ihnen hat ihm bei den Wählern Sympathiepunkte eingebracht.

Jetzt allerdings muss er sich eines neuen Verratsvorwurfs erwehren. Ein Anwalt hat Klage eingereicht: Hamzawy sei Deutscher, und als Ausländer dürfe er nicht im Parlament sitzen. Ein Gericht klärt jetzt, unter welchen Umständen Hamzawy, der in Berlin verheiratet war und mit seiner ersten Frau zwei Kinder hat, zum deutschen Pass gekommen ist. Hatte er dafür die ägyptische Staatsbürgerschaft aufgegeben, wie es das deutsche Recht von ihm verlangte? Und hat er den Pass wirklich zurückgegeben, bevor er in den Wahlkampf zog?

Ägypten ist sehr nationalistisch und nimmt es mit solchen Fragen sehr genau. „Ich versichere euch, dass sich alles aufklären wird und dass alles in Ordnung ist“, sagt der gewählte Abgeordnete in seiner wöchentlichen Videobotschaft an seine Wähler und schaut freundlich in die Kamera. Hamzawy wäre nicht Hamzawy, wenn er sich von dem neuen Hindernis aufhalten ließe.

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