26.01.2012

Ärger um Flugrouten über Berlin: Ungerecht, aber unausweichlich

Von Ralph Kotsch
Ein Flugzeug fliegt in Berlin-Reinickendorf im Landeanflug auf den Flughafen Berlin Tegel über ein Wohnhaus: Eine Minderheit muss immer mit den  negativen Folgen eines  Flughafens zurechtkommen.
Ein Flugzeug fliegt in Berlin-Reinickendorf im Landeanflug auf den Flughafen Berlin Tegel über ein Wohnhaus: Eine Minderheit muss immer mit den negativen Folgen eines Flughafens zurechtkommen.
Foto: dapd

Der Protest gegen die Flugrouten hat etwas Heuchlerisches. Eine Minderheit muss mit den negativen Folgen des Flughafens zurechtkommen. Das ist ungerecht. Aber anders geht es nicht.

Flugzeuge verpesten die Umwelt. Sie machen Krach. Sie fliegen tief über Hausdächer hinweg, sie nehmen keine Rücksicht auf die Gesundheit von Menschen, sie geben auch in Nachtstunden keine Ruhe. Wer in der Nähe eines Flughafens wohnt, ist vom Schicksal geschlagen. Er braucht starke Nerven und dicke Wände. Oft hilft auch das nicht.

Jede Art von Bürgerprotest gegen den neuen Flughafen Willy Brandt in Schönefeld und die Routenführung der startenden und landenden Maschinen ist deshalb nur zu verständlich. Auch wenn es richtig ist, dass der Großflughafen Arbeitsplätze schafft, dass er die Wirtschaft in der Region ankurbelt, dass er einer Hauptstadt würdig ist in seiner Größe und seiner architektonischen Eleganz, dass er das Tor zur weiten Welt ist für Millionen Berliner und Brandenburger, bekommt der Anwohner davon seine Ruhe nicht zurück. Wegziehen wäre die letzte Möglichkeit für ihn – wenn, ja wenn nur nicht der Wert seines Eigenheims in der Einflugschneise gegen Null tendieren würde.

Wenn ein Flughafen in der Nähe von Siedlungen entsteht, muss es zwangsläufig zu solchen Konflikten kommen. Dass ausgerechnet das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung dieses Grundproblem löst, durfte niemand erwarten. Solange Flugzeuge nicht geräuschlos senkrecht in die Höhe gehen, sondern kilometerweit an- und abfliegen müssen, kann auch die gutwilligste Behörde den Anwohnern nicht helfen. Die Flugsicherung tat, was sie tun konnte. Sie hat versucht, den Fluglärm möglichst gleichmäßig auf alle Betroffenen zu verteilen.

Der Protest gegen Fluglärm hat etwas Heuchlerisches

So sollen die Flugzeuge starten

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Man kann unterschiedlicher Meinung sein, ob ihr das gelungen ist. Aber ob die Maschinen nun über den Müggelsee fliegen, wie beschlossen, oder über die Gosener Wiesen, ob über Potsdam oder an der Stadt vorbei, spielt keine Rolle. Es trifft immer und überall Menschen, mal mehr, mal weniger, nur nicht immer dieselben. Die Ruhe für die einen wird stets mit dem Lärm für die anderen erkauft.

Weil das so ist, hat der Protest gegen die Flugrouten, der nach der Entscheidung des Bundesamtes nicht enden wird, etwas Heuchlerisches. Ohne jemanden beleidigen zu wollen, kann man sagen, dass die meisten Demonstranten nicht gegen den Flughafen kämpfen oder gegen Fluglärm an sich, sondern nur gegen den Fluglärm über ihren Köpfen. Das ist menschlich verständlich. Den Preis für diesen Egoismus zahlt aber der Nachbar, das andere Dorf, der andere Stadtbezirk. Solidarität gibt es in dieser Auseinandersetzung nicht.

Immer wieder wird gesagt, dass man den Flughafen ein paar Kilometer südlicher in Sperenberg hätte bauen sollen, ja einige Bürgerinitiativen fordern das noch heute. Nur: Das wäre bloß für die Berliner und die Brandenburger im Speckgürtel tröstlich gewesen. Niemand jedoch hat die Sperenberger oder die Betreiber von Hotels und Ausflugslokalen ringsum gefragt, was sie davon halten. Zu glauben, dass Anwohner und Naturschützer nicht gegen den Flughafen und seine An- und Abflugschneisen geklagt hätten, ist naiv. Und unverständlich wäre es ja nicht: Die Bewohner von dünn besiedelten Gebieten haben dasselbe Recht auf Ruhe wie die in Stadtgebieten.

Minderheit muss mit den negativen Folgen zurechtkommen

Als der Senat im Jahr 2006 beschloss, den mitten in Berlin gelegenen Flughafen Tempelhof stillzulegen, kam es nicht etwa zu Freudenausbrüchen, sondern zu Protesten. Einer Bürgerinitiative gelang es gar, den ersten Volksentscheid in der Geschichte der Stadt durchzusetzen mit dem Ziel, Tempelhof weiter zu betreiben. Auch wenn das nicht gelang, votierten doch 530 000 Berlinerinnen und Berliner tatsächlich dafür, dass die Anwohner von Tempelhof weiterhin den Krach der dröhnenden Propellermaschinen ertragen sollen. Unter die West-Berliner Nostalgiker mischten sich damals auch Vertreter von Bürgerinitiativen aus Treptow-Köpenick, aus jener Region, die jetzt so lautstark die Flugrouten des neuen Flughafens bekämpft. Ihr Kalkül: Wenn Tempelhof weiter betrieben würde, könnte das Projekt Großflughafen doch noch scheitern.

Die Berliner und Brandenburger, so viel ist sicher, werden ihren neuen Flughafen nicht nur nutzen, sondern auch mögen, so wie sie vieles in ihr Herz schließen, was neu entsteht und zuvor mit Skepsis betrachtet wurde. Nur wenige Monate nach Eröffnung des Flughafens, wird sich kaum einer mehr vorstellen können, wie er jemals aus den provisorischen Blechhütten von Schönefeld und dem aus allen Nähten platzenden Terminal in Tegel in den Urlaub fliegen konnte.

Die Mehrheit wird sich freuen, und eine Minderheit muss mit den negativen Folgen des Flughafens zurechtkommen. Das ist schlecht und ungerecht. Aber anders geht es nicht.

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