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AfD in der Bundesversammlung: „Die Entzauberung muss in den Parlamenten stattfinden“

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AFD-Sprecherin Frauke Petry auf dem Weg zur Bundesversammlung.

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Getty Images

Berlin -

Im Vorfeld hatte es ein wenig Gegrummel gegeben. Denn da zeichnete sich ab, dass die AfD neben elf Freien Wählern und elf Piraten in der Bundesversammlung ganz rechts außen sitzen würde – direkt gegenüber der Regierungsbank. Das aber, so hieß es, sei Teilen der Regierung eher unangenehm: die vermeintliche Elite und ihre Verächter so dicht an dicht.

Überdies schaffe es einen Präzedenzfall für die Zeit nach der Bundestagswahl im September, bei der die selbst ernannte Alternative für Deutschland (AfD) mit großer Sicherheit in Fraktionsstärke ins Parlament einziehen dürfte und ihren Inszenierungen Tür und Tor geöffnet wäre. Dennoch: Es blieb bei der Sitzordnung.

Am Sonntag war es dann soweit: Die AfD betrat mit 35 Vertretern das Hohe Haus. Und auch einen Kandidaten hatte sie mitgebracht.

Albrecht Glaser: Ein Kandidat für das bürgerliche Gesicht

So richteten sich zunächst alle Augen auf diesen Albrecht Glaser, den 74-Jährigen, der lange in der CDU und dort höchst aktiv war, bevor er sich von der Partei wie andere gründlich entfremdete. Glaser hält Kanzlerin Angela Merkel für eine „dubiose Figur“ und findet, dass man „sich gegen den Islam wehren“ müsse. Ein Radikaler ist der ehemalige Stadtkämmerer von Frankfurt am Main, der einst 100 Millionen Euro eigenmächtig in Fonds investiert und der Banken-Metropole hohe Verluste beschert hatte, im Vergleich mit anderen trotzdem nicht – jedenfalls nicht so radikal wie der Thüringer Landesvorsitzende Björn Höcke oder sein Mitstreiter aus Sachsen-Anhalt, André Poggenburg. Der chancenlose Kandidat sollte vielmehr das bürgerliche Gesicht der AfD betonen. Beim Betreten des Plenarsaals sagte er der Berliner Zeitung denn auch, dass er antrete, sei „kein besonderes Ereignis, sondern eine Demonstration, dass die AfD als drittstärkste Partei ihr Gesicht zeigt. Das ist der entscheidende Punkt heute.“

Auf den Ruheständler entfielen am Ende 42 Stimmen. Er bekam also sieben Stimmen aus anderen Lagern und landete damit auf Platz drei der insgesamt fünf Kandidaten. Das löste bei der Partei demonstrativen Jubel aus.

Die übrigen, teils weniger moderaten, aber längst prominenten AfD-ler waren allerdings ebenfalls da: die schwangere Parteichefin Frauke Petry im weißen Kleid, die Glaser eskortierte, Alexander Gauland aus Brandenburg, Jörg Meuthen aus Baden-Württemberg, Beatrix von Storch aus Berlin – und etwas weiter hinten Poggenburg. Höcke fehlte; es hieß, er sei krank.

Rechtspopulisten fielen nicht groß auf

Die Rechtspopulisten fielen unter den 1260 Frauen und Männern im Grunde nicht groß auf – bis Bundestagpräsident Norbert Lammert (CDU) seine Ansprache hielt und sehr unmissverständliche Sätze sagte wie: „Wer zum Programm erklärt ,Wir zuerst‘, darf sich nicht wundern, wenn es ihm andere gleich tun – mit den uns allen bekannten Folgen.“ Da applaudierte der gesamte Saal, da jeder die Adressaten kannte. Bloß die AfD und Teile der CSU applaudierten nicht. Poggenburg spielte in dem Augenblick scheinbar teilnahmslos mit seinem Smartphone.

In der Lobby war die AfD unterdessen eine Partei wie jeder andere. Die medienerfahrene Petry gab Interviews im Minutentakt, diesmal Glaser im Schlepptau. Ein Passant beklagte, das seien Bilder, an die man sich fortan wohl gewöhnen müsse. Von Ausgrenzung seitens der vermeintlichen „Lügenpresse“ kann mithin keine Rede sein.

Ein Vertreter der Bundesregierung sagte mit Blick auf die Szenerie, dass die AfD mit dabei sei, könne man nicht verhindern; dies sei jetzt demokratische Normalität. Doch er fügte hinzu: „Die Entzauberung muss in den Parlamenten stattfinden – und das geschieht in den Ländern ja schon auf teils dramatische Weise.“

Andere waren deutlich weniger gelassen. Die einstige Piratin Marina Weisband zeigte sich stattdessen ausgesprochen zornig. Wenn die AfD sage, das Wetter sei schön, tweetete die Frau mit jüdischen Wurzeln aus Münster, dann müssten die anderen dagegen halten und sagen: „Das Wetter ist sehr schön.“

In Münster hatten am Wochenende 8000 Menschen gegen die Partei demonstriert. Ihren parlamentarischen Siegeszug dürfte auch das bis auf weiteres nicht aufhalten.