04.02.2012

Afrika-Cup: Der Coup des Präsidenten

Von Johannes Dieterich
Freie Platzwahl: drei Fußball-Fans im fast leeren Fußballstadion von Malabo, der Hauptstadt von Äquatorialguinea.
Freie Platzwahl: drei Fußball-Fans im fast leeren Fußballstadion von Malabo, der Hauptstadt von Äquatorialguinea.
Foto: dapd
Malabo –  

Äquatorialguinea ist klein, reich und korrupt. Um sein Ansehen zu steigern, hat Teodoro Obiang Nguema den Afrika-Cup ins Land geholt, das größte Fußballturnier des Kontinents.

Abends um acht ist es in Malabo dunkel. Doch die achtspurige Umgehungsstraße der Hauptstadt von Äquatorialguinea ist hell beleuchtet – ein Umstand, den Carin Bienvenido zum Studium der afrikanischen Geschichte nutzt. Der 20-jährige Schüler sitzt auf dem Rinnstein und liest im Schein der Straßenlaternen einen Aufsatz, es geht um die Ausbreitung der Bantu-Bevölkerung auf dem afrikanischen Kontinent. Er lebt zehn Fußminuten entfernt, in einer Hütte, zusammen mit seinen Eltern und vier Brüdern. Dort ist es ihm zu eng und zu laut zum Lernen. Der Gymnasiast ist nicht der einzige, der die Prachtstraße als Studierstube nutzt: Ein Kommilitone sitzt an einer Bushaltestelle, ein anderer auf den Stufen einer Überführung, wieder ein anderer liest im Gehen das Unterrichtsmaterial. "Ich komme jeden Tag hierher", sagt Carin. "Wir nennen es unsere Open-Air-Universität."

Autos fahren selten auf der Umgehungsstraße. Manchmal rast ein Taxi vorbei, auf dem Weg vom Flughafen in die Innenstadt oder umgekehrt. Der Weg führt vorbei an monumentalen Regierungsburgen, an verglasten Hauptquartieren von Mineralölfirmen und an brandneuen vierstöckigen Apartmentblocks. Immer wieder taucht ein Poster auf, es hängt von Brücken und an Gebäuden, ist quer über die Straße gespannt: Ein älterer Herr lächelt milde, in den Händen hält er einen Ball, "Afrika-Cup" steht über seinem Kopf. Äquatorialguinea, nicht gerade als Fußballnation bekannt, trägt dieser Tage den Afrika-Cup aus. Und dass nicht die Mannschaft des zentralafrikanischen Staates, sondern der Staatspräsident Teodoro Obiang Nguema für das Turnier der afrikanischen Fußballnationalverbände wirbt, sagt schon viel. "Wir wollen mit dem Cup unser Image verbessern", sagte der Präsident zuvor unumwunden.

        

Präsident Obiang wirbt auf Plakaten persönlich für den Afrika-Cup.
Präsident Obiang wirbt auf Plakaten persönlich für den Afrika-Cup.
Foto: Johannes Dieterich

Folter im Stadion

Das hätte der winzige, 1,2 Millionen Einwohner zählende Staat tatsächlich nötig. Äquatorialguinea gilt seit Jahrzehnten als Inbegriff eines afrikanischen Operettenstaates, in dem Menschenrechte nicht viel zählen. Auf der Straße zum Flughafen ließ Francisco Macias Nguema in den Siebzigerjahren seine politischen Gegner kreuzigen. Das Fußballstadion diente dem Diktator als Folterzentrum; um die Schreie der Gequälten zu übertönen, wurde über Lautsprecher "Those where the days, my friend" gespielt. Mehr als 50.000 Menschen soll Macias umgebracht haben. Zwar machte Teodoro Obiang der Schreckensherrschaft seines Onkels mit dessen Ermordung 1979 ein Ende, viel besser wurde es allerdings auch unter ihm nicht. Statt im Stadion werden Regierungsgegner seitdem im berüchtigten Gefängnis "Black Beach" gefoltert, und demokratisch ist auch Obiangs Partei bloß ihrem Namen nach. Alle fünf Jahre lässt sich Afrikas dienstältester Autokrat mit aberwitzigen Wahlergebnissen von über 90 Prozent im Amt bestätigen. Äquatorialguinea sei "ein hochkorruptes Regime mit einem der schlimmsten Menschenrechtsprofile in Afrika", urteilt das US-Institut "Freedom House".

Nur eines wurde Ende der Neunzigerjahre schlagartig anders. In den Gewässern der aus einem Festlandteil sowie zwei Inseln bestehenden Urwaldnation wurde Erdöl gefunden, aus dem bettelarmen Staat wurde das reichste Land Afrikas. Ein Äquatorialguineer verdient heute mit durchschnittlich 35.000 Dollar im Jahr mehr als ein Belgier. Nur, dass es den Durchschnittsäquatorialguineer nicht gibt. Es gibt Präsident Obiang und seine Familie, deren Mitglieder in jeder größeren Ansiedlung des Landes über mindestens einen Palast verfügen. Und es gibt Menschen wie Carin Bienvenido, der am Straßenrand lernt, oder wie Custer Justino, der seit Wochen nicht mehr zur Schule geht, weil sein Vater, ein Maurer, das Geld für die Schuluniform nicht aufbringen kann.

Familie Justino lebt in einer Holzhütte in Malabos Armenviertel, knapp einen Kilometer von der Umgehungsstraße entfernt. Der zehnjährige Custer schläft mit seinen drei Brüdern in einem knapp sechs Quadratmeter kleinen und mit Schaumstoffmatratzen bedeckten Raum, die zweite Kammer teilen sich die Eltern und seine Schwester. Wasser wird mit einem Eimer aus einem sechs Meter tiefen Loch geholt. Fügt man der bräunlichen Flüssigkeit Chlortabletten hinzu, kann man sie sogar trinken. Ab und zu bekommt Custer allerdings Durchfall: "Typhus", sagen dann lakonisch die Schwestern im staatlichen Krankenhaus, in dem Patienten wegen Überfüllung auf dem Boden liegen. Bei den höchsten Raten der Kindersterblichkeit liegt der reichste Staat Afrikas auf Platz 16. Zwei Drittel der Äquatorialguineer müssen wie Familie Justino mit zwei Dollar am Tag auskommen.

Den Namen "Sipopo" hat Custer noch nie gehört, dabei wohnt er nur ein paar Kilometer von dem Ort entfernt, der der ganze Stolz des Präsidenten ist und aus einer anderen Welt zu stammen scheint. Ein luxuriöses Neubauprojekt am Meer, dort wo der Dschungel einst auf eine steinige Küste stieß. Jetzt gibt es hier mit feinstem Sand aufgefüllte Strände, ein Fünf-Sterne-Hotel, ein Konferenzzentrum für tausend Gäste, und 52 identische Villen. Sie wurden für die 52 Präsidenten des Kontinents errichtet, die sich hier im vergangenen Juni zum Gipfel der Afrikanischen Union trafen. Im Hintergrund noch ein zweites Hotel sowie ein Krankenhaus .

Unmittelbar nach seiner Eröffnung fiel das mehr als 800 Millionen Dollar teure Projekt in einen Dornröschenschlaf, aus dem es selbst zum Afrika-Cup nicht wieder erwachte. Das Hotel La Paz ist leer, vor dem Krankenhaus sind lediglich ein paar Luxuskarossen geparkt, was in den Präsidentenvillen vor sich geht, weiß keiner zu sagen. Gemunkelt wird, der berüchtigte Präsidentensohn Teodorin bewohne gleich drei der Villen. Der Ortsetter und designierte Nachfolger seines Vaters kann derzeit seine Heimat nicht verlassen, weil sowohl in Frankreich wie in den USA wegen Unterschlagung gegen ihn ermittelt wird. Nur im Fünfsterne-Hotel Sofitel regt sich etwas Leben: Dort ist die Nationalelf der Elfenbeinküste untergebracht – zum Preis von 500 Dollar pro Mann und Nacht.

1 von 2
Nächste Seite »
Anzeige
Prognosen und Ergebnisse
Dossier zur NRW-Wahl

Hannelore Kraft ist die Stärkste im Land. Und wie geht es jetzt weiter? Lesen Sie in unserem Dossier alle Hintergründe, Nachrichten und Analysen zur NRW-Wahl.

Weblog
Frank Nordhausen ist für die Berliner Zeitung in der Türkei.

Frank Nordhausen ist Korrespondent in Istanbul und versucht jeden Tag mehr zu verstehen, wie die Riesenmetropole tickt. Er erzählt von Menschen zwischen den Welten, von Nähe und von Ferne, von Okzident und Orient. Vom Leben unter Türken, das sich hier ganz anders anfühlt als in Neukölln. mehr...

US-Vorwahl
Macht mit unaufgeregten Worten deutlich, wer das Land führen kann: Barack Obama.

Die Republikaner suchen den Mann, der gegen Präsident Obama antreten kann. Bisher liegt Mitt Romney vorn, doch gelaufen sind die Vorwahlen für ihn noch nicht. Alles zum Rennen lesen Sie in unserem Dossier. mehr...

Anzeige
Anzeige
US-Wahlkampf: Wer wird Obamas Gegner?

Wie laufen die Vorwahlen der US-Republikaner? Wer wird Obamas Gegner? Unsere interaktive Grafik hält Sie auf dem neuesten Stand.

Galerie
Neuste Bildergalerien Politik
Dossier
        

Uwe Mundlos (38)galt als der Gebildete in  der Gruppe. Seine Lehrerin beschrieb den Professorensohn als sehr höflich. Weiter heißt es über ihn, er sei ein aufgeschlossener Typ gewesen, rhetorisch begabt und politisch interessiert.

13 Jahre lang überziehen Rechtsextreme der Zwickauer Zelle das Land mit Morden, Bombenanschlägen und Überfällen. Ermittler und Verfassungsschutz stehen in der Kritik. Analysen, Zeittafel und Karte im Dossier zum Neonazi-Terror. mehr...

PI & Co
Das Bündnis Pro Deutschland gehört zu dem Dunstkreis um die Blogger von Politically Incorrect.

Radikales Gedankengut erreicht unter dem Deckmantel von Islamkritik das bürgerliche Lager. In unserem Dossier informieren wir Sie über die Machenschaften der Blogger von "Politically Incorrect" und ihre Vernetzung in der rechtsextremen Szene. mehr...

Aktuelle Videos
Meistgeklickte Artikel
Brutaler Angriff am Alexanderplatz 
Hertha-Präsident Werner Gegenbauer (re.) und Anwalt Christoph Schickhardt.
Relegation Bundesliga 2012 
Ermittlungen im Fall Nicky Miller 
Ein Lufthansa-Jet landet in Tegel. Zurzeit steuern Flugzeuge mit dem Kranich-Emblem von dort aus acht Ziele an – vom 3. Juni an werden es 38 sein. Die Zahl der stationierten Flugzeuge steigt von 10 auf 15.
Nach dem Berliner Flughafendebakel 
Anzeige
Videos
Molecule Man, permanente Installation von Jonathan Borofsky in Treptow an der Spree. Höhe: 30 Meter, Aluminium, 1997.

"Berlin - Welthauptstadt der Kreativen. Herausforderungen und Chancen." Sehen Sie hier die Video-Aufzeichnung der Podiumsdiskussion vom 8. November im Berliner Verlag.  mehr...

Facebook
Berliner-Zeitung.de auf Facebook
Twitter
Kinoprogramm
Alle Neustarts diese Woche: Alle Filme von heute: Alle Kinos:
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen
Webtipps
Fragen zur Politik
Haben Sie Fragen zur Politik? Auf Gutefrage.net finden Sie Antworten.