10.01.2012

Afrika: Wo Gold arm macht

Von Bettina Rühl
        

Eine extrem harte und gefährliche Arbeit: Goldschürfer im Osten der Demokratischen Republik Kongo.
Eine extrem harte und gefährliche Arbeit: Goldschürfer im Osten der Demokratischen Republik Kongo.
Foto: Reuters
Kamituga –  

Im Kongo suchen Zehntausende unter Lebensgefahr nach kostbaren Erzen und Mineralien. Aber reich werden sie dabei nicht – im Gegenteil.

Als Kind hatte Musoko Charles Mwenelambo große Pläne. Er wollte eine Universität besuchen, dann viel Geld verdienen und damit seine Familie unterstützen. Inzwischen ist er ein erwachsener Mann. Doch statt einer Menge Geld in der Tasche hat er 2 400 Dollar Schulden, und das ist eine gewaltige Summe im Kongo. Statt eines Anzugs trägt er eine lehmverschmierte Windjacke und eine Baseballkappe. Studieren würde er immer noch gerne, „am liebsten Wirtschaftswissenschaften“. Stattdessen ist er Goldgräber, was den Lehm an seiner Kleidung erklärt. Und seine Schulden.

Mwenelambo ist gerade erst aus „seinem“ Stollen ans Tageslicht gekommen. Jetzt steht der 25-Jährige am oberen Rand der riesigen Goldmine in seiner Heimatstadt Kamituga in der Provinz Süd-Kivu. An der Flanke des zerfurchten Berges graben Männer in der Erde, eine Menschentraube umringt sie. Vor ein paar Tagen ist hier wieder einmal der Hang abgerutscht, vier Goldgräber werden seither vermisst. Ihre Leichen werden in dem Stollen vermutet, der bei dem Unglück eingebrochen ist.

Ohne industrielle Methoden

Erze und Mineralien sind für den Kongo Hauptexportgut, wichtigster Devisenbringer und Haupteinnahmequelle des Staates.

Der Kleinbergbau ohne industrielle Methoden ist heute der Wirtschaftszweig mit den meisten Erwerbstätigen.

Die Behörden sind nicht in der Lage und oft auch nicht willens, diesen Bereich zu kontrollieren.

Dubiose Steuern und Gebühren

„Unsere Arbeit ist extrem gefährlich“, sagt Mwenelambo. Er und an die 5000 Berufskollegen in Kamituga wühlen trotzdem weiter in der Erde, ausgerüstet mit nichts als Spitzhacke, Schaufel und Taschenlampe. Zwar springt bei der Schürferei so wenig heraus, dass er, statt zu verdienen, sich sogar Geld borgen muss, um das tägliche Überleben zu sichern. „Doch im Kongo gibt es keine andere Arbeit“, sagt er.
Den meisten seiner Kollegen geht es nicht anders.

„Mindestens 85 Prozent der Goldgräber sind völlig überschuldet“, sagt Léonard Kabungulu, der für die kongolesische Menschenrechtsorganisation RIO („Netzwerk für die Erneuerung der Institutionen“) in Kamituga arbeitet. Das liege zum einen an der langen Kette von Zwischenhändlern, die alle am Reichtum mitverdienen wollten. Zum anderen sei es eine Folge der vielen dubiosen „Steuern“ und „Gebühren“, die jeder zahlen müsse, obwohl es für die meisten von ihnen gar keine rechtliche Grundlage gebe.

Es ist eine aberwitzige Situation: Die Demokratische Republik Kongo ist ein mit Bodenschätzen gesegnetes Land, aber diejenigen, die den Reichtum aus dem Boden holen, haben kaum genug zum Leben. Statt Wohlstand hervorzubringen, provozieren die Bodenschätze nur immer neue Konflikte. In Süd-Kivu und einer weiteren Provinz im Osten des Landes kämpfen mehrere bewaffnete Gruppen mit Waffengewalt um die Kontrolle der wertvollen Minen: um den Zugriff auf Gold, Kassiterit, Coltan und Wolframit, die in den Industrieländern vor allem für die Produktion von Handys und Computern gebraucht werden.

An sieben Stellen müsse er Abgaben zahlen, berichtet Mwenelambo. Die schlimmste Plage seien die Soldaten der kongolesischen Armee, die überall im Bergwerk herumlungern: „Sie arbeiten jeden Monat systematisch eine Liste mit den Namen aller Goldgräber ab und fordern von jedem ihren Anteil.“ Andere Bergwerke im Kongo werden nicht von der nationalen Armee, sondern von einer der rivalisierenden Milizen kontrolliert. Den Arbeitern dort gehe es noch schlechter, sagt Léonard Kabungulu von RIO: Die Abgaben seien noch höher, die Sanktionen noch härter. Die Schürfer machten nur deshalb immer weiter, weil sie wie in einer Lotterie jeden Tag darauf hofften, doch noch den großen Reichtum zu finden.

Zertifizierung soll helfen

2000 Kilometer von Kamituga entfernt sitzt Uwe Näher im siebten Stock eines modernen Bürogebäudes in der Hauptstadt Kinshasa und versucht, die Dinge zu ändern. Der Geologe arbeitet für die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) und ist seit 2009 im Kongo, um der Regierung beim Aufbau eines Systems zur Zertifizierung von Mineralien zu helfen. „Vor einem Jahr habe ich noch ziemlich schwarz gesehen“, sagt er. „Aber durch den internationalen Druck sind die Dinge hier sehr schnell in Bewegung geraten.“

Menschenrechtsgruppen haben in den vergangenen Jahren die Zustände in den kongolesischen Minen weltweit bekannt gemacht, und ihre Kampagnen sind nicht folgenlos geblieben. Der Kongress in Washington hat mit dem Dodd-Frank-Gesetz zum Verbraucherschutz auch eine Klausel verabschiedet, die von US-Unternehmen den Nachweis verlangt, dass die von ihnen verwendeten Rohstoffe nicht aus einer Konfliktzone im Kongo stammen. In der EU wird über eine ähnliche Regelung immerhin diskutiert. Wenn sich die Verhältnisse im kongolesischen Bergbau nicht ändern, droht dem Land ein faktischer Ausfuhrstopp in zwei der wichtigsten Märkte.

Näher und seine Kollegen haben gemeinsam mit der kongolesischen Regierung ein System zur Begutachtung der Bergwerke erarbeitet. Anhand von 21 Kriterien entscheiden die Teams der BGR bei ihren Ortsbesuchen im Osten, ob sie eine Mine zertifizieren oder nicht. Die Anwesenheit von Bewaffneten ist dabei ein Ausschlusskriterium. Ein ähnliches Modell gibt es schon seit 2003 für den Handel mit Diamanten aus Liberia und Sierra Leone, und dort hat es sich im Großen und Ganzen bewährt.

Zusätzlich haben die deutschen Geologen ein Verfahren entwickelt, mit dem sich überprüfen lässt, aus welcher Mine ein Mineral kommt. Damit sich Erze aus Konfliktgebieten in Zukunft zweifelsfrei erkennen lassen, müssen Näher und seine Kollegen allerdings erst eine Datenbank aufbauen. Dafür brauchen sie von jeder Mine eine Probe zum Vergleich.

Das kann dauern. Allein im Süd-Kivu gibt es 351 Minen, und zu etlichen von ihnen führt nicht einmal eine Straße. Häufig ist die Fahrt dorthin auch schlicht zu gefährlich. „Aber wenn wir am Ende von allen sicheren Minen eine Probe haben, wissen Unternehmen und Gesetzgeber auch Bescheid“, sagt Näher: „Mineralien, von denen es keine Probe gibt, sind dann eben nicht in Ordnung.“

Musoko Charles Mwenelambo hat von der Zertifizierung bisher nichts gehört. Sollten die Veränderungen eines Tages auch Kamituga erreichen, könnte sein Leben immerhin etwas leichter werden. Bis dahin aber wird er die paar Krümel Gold, die er mit Glück und harter Schufterei hin und wieder findet, mit all den Bewaffneten weiter teilen müssen.

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