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Alternative für Deutschland: „Zornige Bürger der Mitte“

Die neu gewählten Parteichefs Konrad Adam (l.), Frauke Petry und Bernd Lucke beim Parteitag der AfD in Berlin.

Die neu gewählten Parteichefs Konrad Adam (l.), Frauke Petry und Bernd Lucke beim Parteitag der AfD in Berlin.

Foto:

rtr/Fabrizio Bensch

Herr Walter, Sie haben die „Wutbürger“ analysiert, die gegen Bahnhofs- und andere Projekte protestieren. Gehört die AfD dazu?

In gewisser Weise schon. In unserer Studie über die neuen Protestbewegungen und ihre Mitglieder haben wir festgestellt, dass unter ihnen exzellent ausgebildete Menschen sind – nicht mehr allein der Typus Sozialkundelehrer wie bei den Protesten der 70er-Jahre. Unter den Unterstützern und Protagonisten der AfD finden sich viele Wirtschaftsprofessoren, auch Journalisten, manche pensioniert, also mit viel Zeit. Viele sagen, sie hätten bisher CDU oder FDP gewählt, aber jetzt sei Schluss. Sie finden sich zum ersten Mal in der Lage, dass sie gegen das Establishment anrennen. Und wie die „Wutbürger“ gegen Stuttgart 21 sagen sie nicht einfach Nein, sondern treten als Gegen-Experten auf.

Wo stehen sie politisch: In der Mitte oder rechts oder ganz woanders?

Wir wundern uns ja, dass es fast überall in Europa erfolgreiche rechtspopulistische Bewegungen gibt – nur bei uns nicht. Das liegt sicher an der deutschen Vergangenheit. Populismus-Experten sagen, in Deutschland müsste eher ein professoraler Typ kommen, der etwas Libertäres mitbringt und als aufgeklärter Bürger argumentiert. Zornige Bürger der Mitte also – so tritt die AfD auf. Es ist eher klassischer Liberalismus mit konservativen Zügen. Aber solche Bewegungen fangen oft so an. Wenn sie Erfolg haben, bewegen sie sich dann immer mehr ins Plebejische, ins Extreme – so wie die FPÖ von Jörg Haider in Österreich. Dann sind sie nicht mehr wirtschaftsliberal, sondern protektionistisch und fremdenfeindlich, setzten auf einen starken Staat. Sie ziehen dann auch viele Wähler aus der Unterschicht an. Insofern sollte bei uns auch die SPD nicht freudig hoffen, dass allein das altbürgerliche Lager unter einer neuen Partei dieser Art zu leiden hat.

Wem schadet die AfD am meisten?

Wahrscheinlich der FDP. Guido Westerwelle hat bis 2009 geschickt Wähler gebunden, die gegen eine staatliche Krisenpolitik waren. Darüber hinaus könnte es frühere SPD-Wähler geben, die sich nicht mehr gehört fühlen und bei Bundestagswahlen zu Proteststimmen neigen.

Hat die AfD längerfristig eine Chance, oder wäre mit einem schlechten Ergebnis bei der Bundestagswahl Schluss?

Sie hat ein Thema: den Euro. Sie hat ein Potenzial, das sich aus der wachsenden Unzufriedenheit mit der politischen Klasse speist. 2005 gab es im Parlament eine große Koalition der Kräfte, die Gerhard Schröders Sozialreformen für richtig hielten. Deshalb hat sich in kurzer Zeit die vereinte Linke gebildet. Heute könnte Ähnliches geschehen.

Die Krise der Linken brach erst aus, nachdem sie erfolgreich war. Und in der AfD…

Ja, da sind lauter Professoren, die zerstreiten sich im Handumdrehen. Ich weiß, wovon ich rede. Dann kommen möglicherweise die Verrückten dazu, die schon durch das halbe Parteiensystem vagabundiert sind. Und wenn wie bei den Piraten gefragt wird: Was habt ihr denn sonst noch für Positionen – außer zum Euro?, dann kann das schnell in seine Bestandteile zerfallen.

Bisher hat Angela Merkel trotz aller Unzufriedenheit mit ihrer Regierung überwältigende Zustimmung für ihre Euro-Politik.

Untersuchungen zeigen, dass die Menschen sich nicht sicher sind, ob die deutsche Politik wirklich richtig ist. Heute wollen die meisten Ruhe an der Front. Aber das kann schnell umkippen. Das wäre die Stunde einer Formation, die behaupten kann: Wir haben es immer schon gesagt – wie die Grünen in der Atompolitik.

Kommt die AfD in den Bundestag?

Ich bin Historiker. Ich weiß immer hinterher, warum etwas eingetreten ist.

Das Gespräch führte Thomas Kröter.



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