20.10.2011

Bio-Boom auf Kuba: Ochsen brauchen keinen Diesel

Von Oscar Alba

Die Deutsche Welthungerhilfe und staatliche Entwicklungshelfer aus Kanada sowie der Schweiz unterstützen das Programm zur Selbsthilfe seit mehreren Jahren. Binnen vier Jahren soll es selbstständig sein und sich ohne fremde Hilfe entwickeln können. 80.000 kubanische Bauern beteiligen sich bereits, beackern ihre Böden umweltschonend, erzeugen mit Biomasse und Photovoltaik-Anlagen ihren eigenen Strom. Das tun sie nicht unbedingt aus ökologischem Sendungsbewusstsein, sondern weil ihnen nichts anderes übrig bleibt. Ríos sagt: „Bei vielen kommt das Umdenken und das ökologische Bewusstsein erst mit der Praxis.“

Wie vor der Revolution

Auch der Staat hat umgedacht, ebenfalls aus der Not heraus. Zwischen 1960 und 1990 wurde die Landwirtschaft auf Kuba technisch hochgerüstet. 90.000 Traktoren wurden aus der Sowjetunion importiert, die Zahl der Ochsen schrumpfte von 400.000 auf 100.000 Tiere. Dann brach mit dem Zusammenbruch des europäischen Realsozialismus auch in der karibischen Dependance die Krise aus. Es gab kein Geld mehr für Importe von Dünger, Ersatzteilen, Treibstoff. Daraufhin startete die Regierung in den 90er Jahren ein eigenes Viehzuchtprogramm und entwickelte neue Geräte, die von Tieren gezogen werden können. Heute arbeiten auf Kubas Feldern wieder so viele Ochsen wie vor der Revolution von 1959.

Wissenschaftler und Agrarinstitute haben Projekte und Produkte entwickelt für eine „organische Landwirtschaft“, wie die Bio-Wirtschaft auf Kuba heißt. Ein Großprojekt sind die „Organopónicos“, urbane Gemüse- und Gewürzgärten in Städten und Dörfern. Mehr als 7000 davon gibt es bereits. In Anbau, Verkauf und Weiterverarbeitung arbeiten 380.000 Kubaner.

Das Neue auf Kuba kann auch deshalb gedeihen, weil die Alten an der Macht die Insel-Ökonomie nach wie vor nach Kräften vor Fremden abschotten, die zu viel mitreden, mitmischen und vor allem mitverdienen wollen. Für ausländische Firmen ist Kuba ungemütlich. Der Staat ist allmächtig und kompliziert, er diktiert das Geschäft. Mancher Investor hat auf Kuba sein Geld oder den Verstand oder beides verloren – „zum Glück für unser Land“, sagt Umweltaktivist Humberto Ríos ungerührt.

Stille Revolution auf Kuba

Darin sind sich jene, die sich wie Ríos für eine „Landwirtschaft von unten“ einsetzen, einig: Hätten die Castros in der Not Tür und Tor geöffnet für ausländisches Kapital, würde Kuba heute seine Böden nach den Rezepten und mit Mitteln der Agro-Multis bebauen. „Der Kampf gegen diese Konzerne ist auch so schon hart“, meint Ríos. Mit einzelnen Agrarkonzernen habe die Regierung nämlich dann doch Geschäfte gemacht – wenn auch in eher kleinem Rahmen. So werde in einigen Provinzen Genmais angebaut, doch das Volk wird davon nicht informiert, ebenso wenig jene Agrarökologen, die im Auftrag des Staates die Öko-Projekte vorantreiben.

„Verkauft sich Kuba an diese Konzerne, wäre das fatal für die Bauern und die ökologische Landwirtschaft“, sagt Ríos. Für ihn hat der Bio-Boom auf Kuba auch eine politische Dimension: Die Erfahrung, dass eine andere Landwirtschaft möglich ist, mache die Bauern unabhängiger – vom Öl, aber auch vom Staat, der weiter alles in seinen Händen halten wolle, das aber schon lange nicht mehr könne.

Nach wie vor lässt auch die Agrarreform des autoritären Pragmatikers Raúl Castro den größten Teil des Bodens im Besitz des Staates. „Doch Kubas Landwirtschaft wird allmählich privatisiert, zumindest in den Köpfen der Bauern,“ sagt Humberto Ríos. „Sie fühlen sich verantwortlich für den Boden und das, was sie produzieren.“ Diese Eigenverantwortung in einem Land, wo der Staat alles bestimmt, komme einer „stillen Revolution“ gleich.

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