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Bundespräsident Gauck: Altdeutsche Gefühle in Bautzen

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Bundespräsident Joachim Gauck spricht in Bautzen zum Thema "Demokratie geht auch mich etwas an!"

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dpa

Bautzen -

Am Ende sind alle einigermaßen zufrieden. Auch der Herr Hase. „Gut, dass darüber gesprochen wurde. Es muss gesprochen werden“, sagt Christian Hase, ein Mann mittleren Alters, der einst aus Furcht vor einem Flüchtlingsheim eine Bürgerinitiative in Bautzen gründete, aus der mit der Zeit ein Verein wurde, der sich um aktiv um die neuen Mitbewohner kümmert. Solche Leute mag Joachim Gauck.

Drei Wochen ist es her, da brannte der Husarenhof, ein ehemaliges Gasthaus, das Asylheim in Bautzen, Ostsachsen, werden sollte. Brandsstifung, 500.000 Euro Schaden, niemand verletzt. Als die Feuerwehr anrückte, wurde sie an der Arbeit gehindert,

Umstehende bedrängten und beleidigten sie, andere freuten sich, dass es brannte. Hässliche Bilder, mal wieder aus Sachsen.

Ein paar Tage zuvor waren Bilder aus dem Erzgebirgsdorf Clausnitz um die Welt gegangen. Handyvideos, die zeigten, wie Dörfler einen Flüchtlingsbus blockierten, die Ankommenden beschimpften und wie danach ein Polizist einen kleinen Jungen grob aus dem Bus zerrte.

Drei Wochen ist das her, am Freitag nun war Bundespräsident Gauck in Bautzen, um sich anzuhören, was los ist in Sachsen, wo Fremdenfeindlichkeit und Rassismus seit einiger Zeit aufblühen wie in keinem anderen Bundesland und wo der Leipziger Polizeipräsident Bernd Mörbitz kürzlich warnte, in Deutschland würde eine kreuzgefährliche Pogromstimmung aufkommen.

Noch am Donnerstag war Gauck bei der deutschen Minderheit in Belgien, nun also Ostsachsen, wo ihn im Haus des Sorbischen National-Ensembles eine ausgesuchte Hundertschaft Honoratioren, Feuerwehrleute, Gymnasiasten, Geistliche, Handwerker und Lokalpolitiker erwartet.

Es geht um Demokratie und Kommunikation

Um Demokratie geht es an diesem Nachmittag, darum, dass man miteinander reden sollte anstatt sich anzuschreien oder im Internet zu beleidigen. „Die Sprachlosigkeit hier macht mir Ssorgen“, sagt eine Frau im roten Kostüm. „Wir haben hier schon lange ein Problem mit rechter Ideologie. Hier wurde vieles totgeschwiegen.“

Es wird ein Nachmittag über die Nützlichkeit zwischenmenschlicher Kommunikation werden. Gauck will mit Leuten ins Gespräch kommen. Er hat sich auf eine Menge Gegenwind eingestellt, aber der bleibt großenteils aus. Niemand schimpft, niemand pöbelt, auch draußen vor dem Haus: keine Proteste.

Gauck sitzt also entspannt auf dem kleinen Podium. Wenn es hart kommt für den ersten Mann im Staate, dann ist das ein kleiner Rentner im grauen Anzug, der hinten im Publikum sitzt und sich für Deutschland schämt, weil er die Parteien satt hat, die sich angeblich nur zanken, statt die Probleme auf den Tisch zu legen. „Man muss mal auf den Tisch hauen“, fordert er.

Das ist dann der Augenblick, wo Gauck fast etwas stöhnt über das „altdeutsche Gefühl“, das in diesem Teil Deutschland doch noch herrsche, diese ostdeutsche Prägung vom „Wir hier unten“ und „Ihr da oben“, dieser ewige Wunsch nach einfachen Lösungen für komplizierteste Weltlagen.

Nadin Zieschang sitzt im Publikum, Gymnasastin aus Bautzen, 18 Jahre alt, gerade im Abitur. Vom Bundespräsidenten will die junge Frau nichts wissen, sie würde viel lieber etwas mehr erfahren, was Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich so umtreibt. „Ich würde gerne mal hören, was der zum Schandfleck Sachsen zu sagen hat.“ Aber Tillich sitzt auch nur im Publikum, Er sieht seit Wochen käsig und überfordert aus und mischt sich nicht in die Debatte ein.

Ein angenehmer Nachmittag für alle

Es wird ein angenehmer Nachmittag für alle Beteiligten. Über das brennende Heim redet keiner, Rechte sind nicht im Saal, keine Wut, kein Gebrüll. Kein AfD, kein Pegida. Gauck, der montags in Desden als „Vorgauckler“ verhöhnt wird, hat leichtes Spiel. Es herrscht Einigkeit, dass alles nicht so einfach und Gewalt auch keine Lösung ist.

Nur einmal gibt es Applaus für eine kleine Frau, die sich darüber beschwert, jede der sich kritisch zu Asylsachen äußere, lande sofort in der rechten Ecke. „Ich bin nicht auf dem Willkommenstrip. Ich bitte das zu akzeptieren.“

Da wird sparsam geklatscht. Gauck nutzt das Ganze, um zu alle aufzufordern das Gespräch zu suchen, auch wenn es nicht immer schön ist, sich andere Meinungen anzuhören. „Demokratie ist kein Kuschelkorb“, sagt das Staatsoberhaupt nach anderthalb Stunden, dann muss er auch zurück nach Berlin.


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