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Barley, Tauber und Co. im social Network: Warum im Bundestag ohne Twitter nichts mehr geht

SPD-Generalsekretärin Katarina Barley ist jetzt bei Twitter aktiv.

SPD-Generalsekretärin Katarina Barley ist jetzt bei Twitter aktiv.

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dpa

Berlin -

Seit neuestem ist auch Katarina Barley dabei. „Mein erster Tweet gilt einem großen Sozialdemokraten“, meldete sich die SPD-Generalsekretärin am Donnerstag erstmals mit einem Geburtstagsglückwunsch für Hans-Jochen Vogel zu Wort. Seither scheint die 47-Jährige die Finger kaum noch vom Handy zu lassen. „Was ich an meinem Job NICHT mag? Vor sechs Uhr aufstehen um frühe Flüge zu nehmen“, bekannte sie  am Freitagmorgen.

Mit mehr als 20 Nachrichten bereits am ersten Tag eifert Barley ihrem Vorvorgänger Hubertus Heil nach. Der hatte im August 2008 beim Nominierungsparteitag der US-Demokraten in Denver seine Leidenschaft fürs Twittern entdeckt. Sein Tweet („Mdb muetze hat ein skateboard, mdb annen schuhe gekauft“) wurde zwar damals viel belächelt, markiert aber einen Wendepunkt in der politischen Kommunikation in Deutschland.

Nicht einmal acht Jahre ist das her. Inzwischen gehört der Kurznachrichtendienst – von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung damals als „140 Zeichen heiße Luft“ verspottet – zu einem der wichtigsten Kommunikationsmittel im Berliner Betrieb. Längst hat er die gute alte Pressemitteilung verdrängt. Jeder zweite Bundestagsabgeordnete ist nach einer Auflistung des Recherche-Tools Bundestwitter inzwischen bei dem sozialen Netzwerk aktiv. Linksfraktion-Chefin Sarah Wagenknecht und Kanzleramtschef Peter Altmaier (CDU) haben mehr als 80.000 Follower.

Jeweils mehr als 60.000 Menschen folgen CDU-Generalsekretär Peter Tauber, dem Grünen-Innenpolitiker Volker Beck und SPD-Chef Sigmar Gabriel. Zwar hält sich die Kanzlerin persönlich von dem Medium fern. Doch ihr Sprecher Steffen Seibert versorgt rund 480.000 Abonnenten mit Informationen. 

„Moin!“ meldet sich in der Früh der Hamburger SPD-Politiker Johannes Kahrs, mit durchschnittlich 17,1 Tweets pro Tag der geschwätzigste Bundestagsabgeordnete, zu Wort. Bald darauf gibt SPD-Vize Ralf Stegner seinen täglichen Musik-Tipp ab und sein Kollege Thorsten Schäfer-Gümbel ruft nach „Kaffee“. Da ist CDU-Mann Tauber mit breiten digitalen Spuren schon die ersten fünf Kilometer gejoggt, Bayerns CSU-Finanzminister Markus Söder hat sein neuestes Faschingskostüm präsentiert und Linken-Chefin Katja Kipping verbreitet ein Selfie auf dem Weg zum TTIP-Lesesaal, während Außen-Staatsminister Michael Roth (SPD) auf Dienstreise den Sonnenaufgang in Skopje fotografiert.

Zwischen Candy- und Shitstorm verläuft ein schmaler Grat

Doch von solchen Kuriositäten darf man sich nicht täuschen lassen. Etwas Unterhaltung muss sein, um die Leser bei Laune zu halten. Und ein paar persönliche Farbtupfer sind zur Profilbildung unerlässlich. Tatsächlich aber nutzen viele deutsche Politiker Twitter inzwischen als ernsthafte Nachrichten-, Debatten- und Marketingplattform. Mit keiner Pressemitteilung lässt sich so schnell ein schlagzeilenfähiger Kommentar zu einem aktuellen Ereignis verbreiten (was freilich auch Risiken birgt).

Bei keiner Bürgersprechstunde kann man mit so vielen  Menschen in Austausch treten. Bei keiner Talkshow lässt sich der politische Gegner so gezielt provozieren. Und nirgendwo sonst lassen sich Botschaften so schnell und ohne medialen Filter verbreiten.

Ganz gezielt nutzen Politiker Twitter und Facebook denn auch, um Informationen,  Sprachregelungen oder Slogans in kürzester Zeit an ihre Anhänger zu kommunizieren. „Für mich gehört zur deutschen Leitkultur, dass der Storch die Babys bringt und nicht auf sie schießt“, twitterte CDU-General Tauber am Montag in Anspielung auf AfD-Vizechefin Beatrix von Storch.

Der Spruch  verbreitete sich im Netz wie ein Lauffeuer.  Umgekehrt nutzt auch die rechtspopulistische AfD die sozialen Medien, um ihre Parolen zu verbreiten. Bei Twitter hat Parteichefin Frauke Petry noch eine vergleichsweise kleine Fangemeinde. Bei Facebook aber, das weniger für den schnellen Schlagabtausch als für den Austausch mit einer festen Anhängerschaft konzipiert ist, recken auf ihrer Seite 70.000 Fans die Daumen nach oben.  

Wie genau Politiker Twitter nutzen, hängt von ihrer Neigung und ihrem Temperament ab. Ralf Stegner ist immer gut für einen überspitzten Kommentar. Die rheinland-pfälzische CDU-Vorsitzende Julia Klöckner dokumentiert alle ihre Wahlkampfauftritte. Ex-Familienministerin Kristina Schröder (CDU) debattiert mit Vorliebe über das Frauenbild arabischer Männer.

CDU-Fraktionsgeschäftsführer Michael Grosse-Brömer stichelt gegen den sozialdemokratischen Koalitionspartner. Der grüne Europapolitiker Reinhard Bütikofer rauft sich gerne mit Journalisten. Justizminister Heiko Maas (SPD) hingegen profiliert sich mit mahnenden Worten in der Flüchtlingskrise als liberales Gewissen der Republik.

Nicht in jedem Maas-Tweet freilich ist auch Maas drin. Bei Ministern flitzen oft die Daumen der Mitarbeiter übers Handy. Das merkt man als Leser relativ schnell. Interessanter sind persönliche Kommentare mit Ecken und Kanten. Wer bei Bedarf auf Holländisch twittert, selbstironisch mit Smileys arbeitet und seiner Freude auf einen Saumagen so offen Ausdruck verleiht wie Kanzleramtschef Altmaier – bei dem sind Zweifel an der Echtheit des Absenders ausgeschlossen.


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