Die Juroren Alina Süggeler, Thomas D und Stefan Raab posieren für die Castingshow "Unser Star für Oslo". Foto: dpa
Die Juroren Alina Süggeler, Thomas D und Stefan Raab posieren für die Castingshow "Unser Star für Oslo". Foto: dpa
Heute beginnt mit „Unser Star für Baku“ die nächste Talentsuche auf Pro Sieben. Der Weg in die Castingshows ist lang und mühsam, der Ruhm meist nur kurz. Warum sind solche Sendungen dennoch so beliebt?
Wenn tatsächlich Angebot und Nachfrage den Preis bestimmen, kann eine gute Stimme auf dem Fernsehmarkt eigentlich nicht mehr allzu viel wert sein: Rund 35 000 Gesangstalente bewarben sich allein in der aktuellen neunten Staffel um den einen Plattenvertrag bei „Deutschland sucht den Superstar“. Ein Marktgleichgewicht sieht wahrlich anders aus.
Seit September konnte sich zudem jedermann in eine der Castingboxen von „TV Total“ setzen und sich um den einen von ARD und ProSieben ausgeschriebenen Job als „Unser Star für Baku“ bewerben.
Diesen Karriereweg hatte zwei Jahre zuvor auch die Abiturientin Lena Meyer-Landrut eingeschlagen: als Überraschungssiegerin gewann sie 2010 den „Eurovision Song Contest“, und im Jahr darauf belegte sie immerhin den zehnten Platz.
Als Castingstar hat es Lena weiter gebracht als fast alle, die bisher durch eine Fernsehsendung berühmt geworden sind: Alexander Klaws, Finalist der ersten DSDS-Staffel, landete als „Tarzan“-Darsteller auf einer Musicalbühne, Martin Kesici, Sieger der ersten „Star Search“-Staffel, reist dieser Tage als Kandidat ins „Dschungelcamp“ von RTL.
Im Jahr 2004 gewann Max Mutzke Stefan Raabs erstes Casting-Format SSDSGPS (Stefan sucht den Super-Grand-Prix-Star) und durfte Deutschland beim Eurovision Song Contest in Istanbul vertreten, ganz unspektakulär im Rollkragenpulli und in Jeans und durchgängig mit geschlossenen Augen.
Im Vordergrund stand einzig seine unverwechselbare Stimme. Viele sahen ihn schon als Sieger, daraus wurde dann ein Achtungserfolg auf dem achten Platz. Als er sich der Bild-Zeitung für ein Interview verweigerte, versuchte die ihm als überführtem „Zechpreller“ zu schaden. Mutzke behielt seinen Kopf oben und macht weiter gute Musik. Vier Alben hat der 30-Jährige inzwischen veröffentlicht, er tourt regelmäßig durch die Lande und wird von der Kritik immer noch hoch gelobt als „Soulsänger aus dem Schwarzwald".
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Alexander Klaws
Mit gerade mal zwanzigsiegte der Hübsche aus dem Münsterland 2003 bei der ersten DSDS-Staffel. Danach lief alles wie geschmiert: Vertrag bei einer großen Plattenfirma, Nummer-1-Hits („Take Me Tonight“), geschrieben von Dieter Bohlen und die Autobiografie „Ich bin’s – Alexander“.
Dann verlor die Karriere an Tempo, Klaws versuchte, sich neu zu orientieren und arbeitet seit 2006 mit einem Hamburger Independent-Label zusammen. Schließlich geriet er in ruhigere Musical-Fahrwasser.
Über ein Jahr spielte er den Alfred in Roman Polanskis „Tanz der Vampire“, seit 2010 ist er der Titelheld „Tarzan“ im Theater „Neue Flora“ in Hamburg. Auch auf CD ist der 28-Jährige – inzwischen deutschsprachig – weiterhin erfolgreich
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Michael Hirte
Der Mann aus Potsdam ist der erste Instrumentalist unter den Casting-Siegern. Mit seiner Mundharmonika gewann der Brandenburger den „Supertalent“-Wettbewerb 2008. Seitdem ist der durch einen Autounfall seh- und gehbehinderte einstige Straßenmusiker und Hartz IV-Empfänger aus keiner Volksmusiksendung mehr wegzudenken.
Seine Alben erreichen Rekordumsätze, vor allem zur Weihnachtszeit, und das ganze Jahr über tourt der 47-Jährige fleißig über die Schlager- und Volksmusikbühnen. Zur umfassenden Vermarktung des bekennenden Christen gehören natürlich auch eine Autobiographie und Homestorys mit Freundin und kleinem Sohn.
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Daniel Küblböck
Die Termine von Daniel Küblböck für 2012 sind überschaubar: Ein Auftritt in Heilbronn, ein Talk in Oestrich-Winkel, Wandern in Bodenmais und im Oktober das große Jubiläums-Konzert „10 Jahre Daniel Küblböck“ im Münchner „Schlachthof“.
Zwar kam der schwule Clown bei der ersten DSDS-Staffel 2003 nur auf Platz drei, wurde aber ganz schnell glamouröser „Sieger der Herzen“, landete in den Charts und in der Bild-Zeitung, und ein Verkehrsunfall brachte ihn sogar in die „Tagesschau“ der ARD.
Goldene Schallplatten waren der Dank, ein „Silberner Otto“ von der Bravo, ein Auftritt im „Dschungelcamp“ und die Auszeichnung „Brillenträger des Jahres“. Jetzt sind die Haare ab, die Kleidung hat mehr Stil und musikalisch pendelt der 26-Jährige auf kleiner Bühne zwischen Pop und Jazz. Dazu betreibt er eine Künstleragentur im Südhessischen.
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Elli Erl
Bis heute ist Elli Erl die einzige Kandidatin, die je Bohlens DSDS gewann. Das war im Jahr 2004, durch die Medien geisterte sie anschließend als „Pummelstar“ und eine Frau, die Frauen liebt – was nicht nett gemeint war.
Dann legte sie sich mit Dieter Bohlen an, dessen Lied sie nicht so singen wollte wie er. Sie wechselte den Manager, der große Erfolg blieb aus. Ein DSDS-Sieg sei dann doch eher ein Handicap im Musikgeschäft als ein Vorteil, so erklärt die heute 32-Jährige sich immer wieder ihren mangelnden Erfolg.
Heute arbeitet die Bayerin als Sport- und Musiklehrerin in Düsseldorf, und auf ihrer Homepage heißt es unter „News“ lapidar: „Momentan keine Termine“, nicht im Fernsehen, nicht auf Tour und auch nicht online.
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Mehrzad Marashi
„Testfahrer in Kaltenkirchen“ – so lautet die aktuelle Nachricht vom DSDS-Sieger von 2010. Damals gewann der heute 31-Jährige mit hoher Entertainment-Qualität und mit Hilfe der Bild-Zeitung.
Doch auch Mehrzad Marashi verkrachte sich anschließend mit Dieter Bohlen, eine Tournee platzte wegen mangelnder Nachfrage, dann eröffnete er eine Tanzschule und kochte sich durchs „Promi Dinner“.
Dazu kam eine Verurteilung wegen Fahrens ohne Führerschein. Heute setzt der Hamburger iranischer Herkunft ganz auf den Autohersteller Seat und hat für 2012 ein neues Album angekündigt, Rock auf Deutsch.
Zu brav und zu uninspiriert sei er, klagen seine Kritiker, dabei habe sein Sieg doch so viel von ihm erwarten lassen.
Langer Weg zum kurzen Ruhm
In Castingshows geht es nur kurz um Ruhm, aber lange um den arbeitsreichen Weg dorthin. Das Karriereversprechen für die Kandidaten von DSDS oder „The Voice of Germany“ ist nämlich nur ein kleiner Teil des Unterhaltungsversprechens, das diese Formate dem Publikum machen.
Denn Castingshows inszenieren zwar oberflächlich ein Tellerwäschermärchen, mit ihrem Hire & Fire-Prinzip arbeiten sie sich aber insgeheim auf unterhaltsame Weise an einem Unrecht ab, das für die meisten Zuschauer eine bedrohliche Alltagserfahrung geworden ist: Das eigene Können schützt nicht mehr vor Arbeitslosigkeit.
Viele andere, vom Einzelnen kaum oder gar nicht beinflussbare (Markt)-Faktoren spielen eine mindestens genauso wichtige Rolle: Mag mich mein Chef? Wie viele Stellen will die Geschäftsführung einsparen? Auf welchen Platz im Team bin ich seit der letzten Evaluation gelandet? Wo stünde mein Name bei einem Sozialplan?
Die Rolle dieser externen Marktfaktoren übernimmt in den Dramaturgien der Castingshows nun herrlicherweise das Publikum selbst: Denn wer in „Deutschland sucht den Superstar“ am schönsten singt oder in „Let’s dance“ besser tanzt, entscheiden nicht etwa die Fachleute auf den Jurybänken, sondern die Zuschauer mit ihren Sympathiebekundungen.
Bei der Vergabe der Tele-Arbeitsplätze bewerten die Zuschauer das Personal auf der Bühne häufig nach ganz anderen Kriterien: Ob sich jemand gegen den rüden Ton von DSDS-Handwerksmeister Dieter Bohlen zur Wehr setzen kann oder sich trotz Übergewicht eine heiße Hebefigur zutraut, ist für den Votingerfolg der Castingshow-Kandidaten gelegentlich genauso wichtig wie der perfekt getroffene Ton oder das richtige Taktgefühl.
Magier Vincent Raven (44) hat schon einmal eine Castingshow gewonnen, und zwar "The Next Uri Geller" 2008.
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Ramona Leiß (54) moderierte die Knoff-Hoff-Show, den ZDF-Fernsehgarten und zahlreiche Volksmusiksendungen und arbeitet heute als freischaffende Künstlerin. Mit Medienmanager Fred Kogel hat Leiß einen Sohn, sie lebt inzwischen mit ihrer Lebensgefährtin zusammen.
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Kim Debkowski ist das Küken unter den Dschungelcamp-Teilnehmern. Die 19-Jährige nahm 2010 als "Kim Gloss" an "Deutschland sucht den Superstar" teil.
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Er ist der älteste Sohn von Uwe Ochsenknecht: Rocco Stark. Der 25-Jährige versucht, als Schauspieler Fuß zu fassen.
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Radost Bokel feierte ihren größten Erfolg als Kinderstar in Michael Endes "Momo". Die 36-Jährige ist mit dem amerikanischen Sänger Tyler Woods verheiratet und hat mit ihm einen zweijährigen Sohn.
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Starsearch-Gewinner Martin Kesici singt seit 2011 in der Hardcore-Band "The Core".
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Der frühere "Superstar" Daniel Lopes wuchs im brasilianischen Recife auf. Das Dschungelcamp sieht er als „Möglichkeit mein wahres ‚Ich’ zu zeigen. Ich möchte, dass die Zuschauer mich als normalen Menschen kennenlernen und nicht als die Person, die man aus den Medien kennt.”
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Brigitte Nielsen war mal mit Sylvester Stallone verheiratet und ließ sich von RTL zum Schönheitschirurgen begleiten.
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Ailton, brasilianischer Ex-Profi-Fußballer, machte schon zu Bundesligazeiten mit seinen schrägen Sprüchen von sich reden.
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Jazzy, Ex-Sängerin bei Tic Tac Toe, nimmt am Dschungelcamp teil, weil sie nach eigenen Angaben keine Arbeit findet.
Ex-Topmodel-Kandidatin und Erotikmodel Micaela Schäfer (28) „will ganz Deutschland zeigen, dass ich kein verwöhntes, zickiges Model bin, wie mir das gerne mal unterstellt wird. Ich werde hart kämpfen, jede Herausforderung annehmen und mich für die Gemeinschaft einsetzen.“
Mit gutem Grund „leisten“ sich deshalb Castingshows mehrere Bewerbungsrunden, in denen sich die Entscheider vor den Fernsehgeräten ein Bild von der persönlichen Entwicklung eines Kandidaten machen können. Das Binnenverhältnis zu den „Kollegen“ spielt übrigens bei der Beurteilung der Kandidaten eine nicht zu unterschätzende Rolle.
Die Softskills zählen in der Regel mehr als gesangliche Entwicklungen, weil das Laienohr die ohnehin kaum beurteilen kann. Schon so mancher Favorit ist deshalb trotz schöner Stimme aus der Show gevotet worden, weil sich die Förderer vor den Fernsehgeräten mit Mobbing oder übler Nachrede nicht gemein machen wollten.
Noch näher an den unerbittlichen Hartz-IV-Realitäten des Arbeitsmarktes als das juvenile Azubi-Konzept von DSDS ist die aktuell erfolgreichste Castingshow „The Voice of Germany“. Dort bewerben sich nämlich auch Profis mit kompletter Gesangsausbildung um den (Wieder)-Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt „Popgeschäft“.
ehr als einmal mussten die Juroren aus der „The Voice“-Personalabteilung zugeben, dass die Bewerber hörbar besser singen können als die Stars selbst, die dennoch mit ihrem Druck auf den „I Want You“-Buzzer die Macht hatten, die Talente in ihre Teams einzubestellen.
Ausgerechnet Stefan Raab, der bisher als ausgesprochen musikorientierter und damit nobler Talentsucher galt, hat nun das Reglement seiner Castingshow „Unser Star für Baku“, die an diesem Donnerstag erstmals ausgestrahlt wird, noch einmal erheblich verschärft: Statt wie bisher üblich das Ergebnis des Televotings erst am Ende der Liveshow bekannt zu geben, wird in „Unser Star für Baku“ jederzeit am unteren Bildrand sichtbar sein, wie viele Menschen sich mit ihren Telefonanrufen für einen Kandidaten einsetzen.
Und zwar von der ersten Minute seiner Vorstellung an! So kann ein Teilnehmer schon entscheidende Sympathiepunkte verlieren oder gewinnen, bevor er sich überhaupt mit einem einzigen gesungenen Ton um die ausgeschriebene Stelle des „Lena“-Nachfolgers beworben hat.
Aus dem klassischen Bewerbungsgespräch vor der Einstellungskommission wird so ein modernes Assessmentcenter, in dem jeder Fleck auf der Krawatte nach dem Mittagessen, jede unbedachte Zote im Rauchereck von den Headhuntern schon als Minus vermerkt werden kann. In Stefan Raab hat Dieter Bohlen nun also doch seinen Meister gefunden. Vorsingen war gestern. Dies ist ein Überlebenskampf. Don’t call us, we call you!
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