12.01.2012

Talentesuche im TV: Castingshows bringen nur kurzen Ruhm

Von Klaudia Wick
Die Juroren Alina Süggeler, Thomas D und Stefan Raab posieren für die Castingshow Unser Star für Oslo.
Die Juroren Alina Süggeler, Thomas D und Stefan Raab posieren für die Castingshow "Unser Star für Oslo".
Foto: dpa

Heute beginnt mit „Unser Star für Baku“ die nächste Talentsuche auf Pro Sieben. Der Weg in die Castingshows ist lang und mühsam, der Ruhm meist nur kurz. Warum sind solche Sendungen dennoch so beliebt?

Wenn tatsächlich Angebot und Nachfrage den Preis bestimmen, kann eine gute Stimme auf dem Fernsehmarkt eigentlich nicht mehr allzu viel wert sein: Rund 35 000 Gesangstalente bewarben sich allein in der aktuellen neunten Staffel um den einen Plattenvertrag bei „Deutschland sucht den Superstar“. Ein Marktgleichgewicht sieht wahrlich anders aus.

Seit September konnte sich zudem jedermann in eine der Castingboxen von „TV Total“ setzen und sich um den einen von ARD und ProSieben ausgeschriebenen Job als „Unser Star für Baku“ bewerben.

Diesen Karriereweg hatte zwei Jahre zuvor auch die Abiturientin Lena Meyer-Landrut eingeschlagen: als Überraschungssiegerin gewann sie 2010 den „Eurovision Song Contest“, und im Jahr darauf belegte sie immerhin den zehnten Platz.

Als Castingstar hat es Lena weiter gebracht als fast alle, die bisher durch eine Fernsehsendung berühmt geworden sind: Alexander Klaws, Finalist der ersten DSDS-Staffel, landete als „Tarzan“-Darsteller auf einer Musicalbühne, Martin Kesici, Sieger der ersten „Star Search“-Staffel, reist dieser Tage als Kandidat ins „Dschungelcamp“ von RTL.

Casting-Shows bringen kurzen Ruhm
Max Mutzke
Foto: dpa
Max Mutzke

Im Jahr 2004 gewann Max Mutzke Stefan Raabs erstes Casting-Format SSDSGPS (Stefan sucht den Super-Grand-Prix-Star) und durfte Deutschland beim Eurovision Song Contest in Istanbul vertreten, ganz unspektakulär im Rollkragenpulli und in Jeans und durchgängig mit geschlossenen Augen.

Im Vordergrund stand einzig seine unverwechselbare Stimme. Viele sahen ihn schon als Sieger, daraus wurde dann ein Achtungserfolg auf dem achten Platz. Als er sich der Bild-Zeitung für ein Interview verweigerte, versuchte die ihm als überführtem „Zechpreller“ zu schaden. Mutzke behielt seinen Kopf oben und macht weiter gute Musik. Vier Alben hat der 30-Jährige inzwischen veröffentlicht, er tourt regelmäßig durch die Lande und wird von der Kritik immer noch hoch gelobt als „Soulsänger aus dem Schwarzwald".

Langer Weg zum kurzen Ruhm

In Castingshows geht es nur kurz um Ruhm, aber lange um den arbeitsreichen Weg dorthin. Das Karriereversprechen für die Kandidaten von DSDS oder „The Voice of Germany“ ist nämlich nur ein kleiner Teil des Unterhaltungsversprechens, das diese Formate dem Publikum machen.

Denn Castingshows inszenieren zwar oberflächlich ein Tellerwäschermärchen, mit ihrem Hire & Fire-Prinzip arbeiten sie sich aber insgeheim auf unterhaltsame Weise an einem Unrecht ab, das für die meisten Zuschauer eine bedrohliche Alltagserfahrung geworden ist: Das eigene Können schützt nicht mehr vor Arbeitslosigkeit.

Viele andere, vom Einzelnen kaum oder gar nicht beinflussbare (Markt)-Faktoren spielen eine mindestens genauso wichtige Rolle: Mag mich mein Chef? Wie viele Stellen will die Geschäftsführung einsparen? Auf welchen Platz im Team bin ich seit der letzten Evaluation gelandet? Wo stünde mein Name bei einem Sozialplan?

Die Rolle dieser externen Marktfaktoren übernimmt in den Dramaturgien der Castingshows nun herrlicherweise das Publikum selbst: Denn wer in „Deutschland sucht den Superstar“ am schönsten singt oder in „Let’s dance“ besser tanzt, entscheiden nicht etwa die Fachleute auf den Jurybänken, sondern die Zuschauer mit ihren Sympathiebekundungen.

Bei der Vergabe der Tele-Arbeitsplätze bewerten die Zuschauer das Personal auf der Bühne häufig nach ganz anderen Kriterien: Ob sich jemand gegen den rüden Ton von DSDS-Handwerksmeister Dieter Bohlen zur Wehr setzen kann oder sich trotz Übergewicht eine heiße Hebefigur zutraut, ist für den Votingerfolg der Castingshow-Kandidaten gelegentlich genauso wichtig wie der perfekt getroffene Ton oder das richtige Taktgefühl.

Dschungelcamp 2012 - die Kandidaten

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Softskills nicht unterschätzen

Mit gutem Grund „leisten“ sich deshalb Castingshows mehrere Bewerbungsrunden, in denen sich die Entscheider vor den Fernsehgeräten ein Bild von der persönlichen Entwicklung eines Kandidaten machen können. Das Binnenverhältnis zu den „Kollegen“ spielt übrigens bei der Beurteilung der Kandidaten eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Die Softskills zählen in der Regel mehr als gesangliche Entwicklungen, weil das Laienohr die ohnehin kaum beurteilen kann. Schon so mancher Favorit ist deshalb trotz schöner Stimme aus der Show gevotet worden, weil sich die Förderer vor den Fernsehgeräten mit Mobbing oder übler Nachrede nicht gemein machen wollten.

Noch näher an den unerbittlichen Hartz-IV-Realitäten des Arbeitsmarktes als das juvenile Azubi-Konzept von DSDS ist die aktuell erfolgreichste Castingshow „The Voice of Germany“. Dort bewerben sich nämlich auch Profis mit kompletter Gesangsausbildung um den (Wieder)-Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt „Popgeschäft“.

ehr als einmal mussten die Juroren aus der „The Voice“-Personalabteilung zugeben, dass die Bewerber hörbar besser singen können als die Stars selbst, die dennoch mit ihrem Druck auf den „I Want You“-Buzzer die Macht hatten, die Talente in ihre Teams einzubestellen.

Ausgerechnet Stefan Raab, der bisher als ausgesprochen musikorientierter und damit nobler Talentsucher galt, hat nun das Reglement seiner Castingshow „Unser Star für Baku“, die an diesem Donnerstag erstmals ausgestrahlt wird, noch einmal erheblich verschärft: Statt wie bisher üblich das Ergebnis des Televotings erst am Ende der Liveshow bekannt zu geben, wird in „Unser Star für Baku“ jederzeit am unteren Bildrand sichtbar sein, wie viele Menschen sich mit ihren Telefonanrufen für einen Kandidaten einsetzen.

Und zwar von der ersten Minute seiner Vorstellung an! So kann ein Teilnehmer schon entscheidende Sympathiepunkte verlieren oder gewinnen, bevor er sich überhaupt mit einem einzigen gesungenen Ton um die ausgeschriebene Stelle des „Lena“-Nachfolgers beworben hat.

Aus dem klassischen Bewerbungsgespräch vor der Einstellungskommission wird so ein modernes Assessmentcenter, in dem jeder Fleck auf der Krawatte nach dem Mittagessen, jede unbedachte Zote im Rauchereck von den Headhuntern schon als Minus vermerkt werden kann. In Stefan Raab hat Dieter Bohlen nun also doch seinen Meister gefunden. Vorsingen war gestern. Dies ist ein Überlebenskampf. Don’t call us, we call you!

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