04.11.2011

China: Die überforderte Weltmacht

Von Bernhard Bartsch
        

Die einen kommen schnell vorwärts, die anderen strampeln sich oft vergebens ab. Ein Porsche gilt als Statussymbol der neuen Reichen, doch die meisten Chinesen können sich nur ein Fahrrad leisten.
Die einen kommen schnell vorwärts, die anderen strampeln sich oft vergebens ab. Ein Porsche gilt als Statussymbol der neuen Reichen, doch die meisten Chinesen können sich nur ein Fahrrad leisten.
Foto: dpa
Zhaoqing –  

Je tiefer Europa und die USA in die Krise rutschen, desto höher steigen die Erwartungen an China. Dabei ist auch dort die Wirtschaftswunderstimmung längst verflogen.

An den Meerjungfrauen wird nicht gespart. Es ist acht Uhr morgens, die wenigen Frühstücksgäste achten kaum auf die jungen Schwimmerinnen in den Nixenkostümen, die hinter der Scheibe des Aquariums zwischen Fischen und Korallen aufreizende Unterwassersaltos schlagen. Der dreißig Meter lange Fischtank bildet eine Wand des Restaurants – doch warum sollte das ein Hingucker sein in einem Hotel, in dem die Lobby ein goldener Rokokosaal von den Ausmaßen einer Messehalle ist, in dem jedes Bad einem gigantischen Kronleuchter Platz bietet und bereits die einfachen Zimmer nicht nur über einen, sondern gleich zwei private Whirlpools verfügen? 750 Suiten und 60 Konferenzsäle hat das Aoweixin-Hotel in der südchinesischen Kleinstadt Zhaoqing. Nur an einem fehlt es: an Gästen.

114 Euro Monatsgehalt

„Wenn wir gefragt werden, sollen wir sagen, dass unser Hotel eigentlich immer ausgebucht ist“, sagt Xu Shulan*, eine der Angestellten. „Dabei sieht doch jeder, dass hier außer ein paar vereinzelten Gruppen niemand herkommt.“ Xu ist Ende zwanzig und stammt aus einem Dorf in Westchina. Weil es dort keine Jobs gibt, kam sie vor einigen Jahren in die Provinz Guangdong, das Zentrum der chinesischen Exportindustrie. Erst arbeitete sie in einer Fabrik, doch der Fließbandstress machte sie krank, weshalb sie im Aoweixin-Hotel als Zimmermädchen anheuerte. Im Monat bekommt sie ein wenig mehr als 1.000 Yuan (umgerechnet 114 Euro), etwa so viel, wie hier für die Gäste eine Übernachtung kostet, dazu Verpflegung und einen Schlafplatz im Mehrbettzimmer. Den größten Teil ihres Gehalts schickt Xu Shulan ihren Eltern. „Als ich nach Guangdong gekommen bin, hatte ich die Vorstellung, ich könnte etwas Geld sparen und dann eines Tages in meine Heimat zurückkehren, eine Familie gründen und ein kleines Geschäft aufmachen“, erzählt sie. „Aber an den Traum traue ich mich gar nicht mehr zu denken, dafür reicht mein Gehalt hinten und vorne nicht.“

Drei Jahrzehnte Boom

Das ist China im Jahr 33 der nachmaoistischen Boom-Ära, die gemeinhin als chinesisches Wirtschaftswunder bezeichnet wird: einerseits überdimensionierte Luxus-Hotels und gewaltige Investitionen, getätigt in der Annahme, dass Chinas Reichtum bald nicht mehr nur in den großen Städten konzentriert ist, sondern bis in kleine Orte wie Zhaoqing durchsickern wird. Andererseits Angestellte, die trotz einer Vollzeitbeschäftigung in einem gehobenen Hotel nicht einmal davon zu träumen wagen, eine eigene Familie zu gründen. Überfluss und Existenzangst unter einem Dach, Optimismus und Pessimismus Tür an Tür – das soll ein Wunder sein?

Europa und die USA buhlen um Chinas Devisenreserven

Wohl kein Land ist derzeit mit größeren Erwartungen konfrontiert als die Volksrepublik. Dass der Wirtschaftsboom der vergangenen drei Jahrzehnte noch möglichst lange anhält, ist längst nicht mehr nur der Wunsch der Chinesen, sondern zunehmend auch die Hoffnung des Westens. Beim G20-Gipfel in Cannes wurde Präsident Hu Jintao hofiert als der Mann, der mehr als jeder andere darüber entscheidet, wie es mit der krisengeschüttelten Weltwirtschaft weitergeht. Europäer und Amerikaner buhlen gleichermaßen um Chinas riesige Devisenreserven, die sich auf rund als 3,2 Billionen Dollar belaufen. Chinas schnelles Wachstum ist zum Motor der globalen Konjunktur geworden. Ohne die chinesische Nachfrage sähe es für viele westliche Unternehmen, insbesondere auch deutsche Maschinenbauer und Automarken, finster aus. Industrielobbyisten beknien deshalb ihre Regierungen, bloß keine diplomatischen Streitigkeiten mit Peking zu provozieren, auch wenn sich damit in der Öffentlichkeit, der Chinas wachsender Einfluss nicht immer geheuer ist, womöglich punkten lässt.

China fürchtet Ende seiner goldenen Jahre

Die hohen Erwartungen sagen womöglich mehr über die westliche Verzweiflung aus als über Pekings tatsächliche Macht. Denn Europäer und Amerikaner setzen ihre Hoffnung just in dem Moment auf China, in dem die Chinesen befürchten müssen, dass sich die goldenen Jahre dem Ende entgegen neigen. Lange, bevor sich der Wohlstand in die Mitte der Gesellschaft ausgebreitet hat.

Die Liste der Indizien, die Wirtschaftsplanern und Analysten Sorgen machen, ist lang: Das Wirtschaftswachstum kühlt sich derzeit ab und lag im dritten Quartal nur noch bei 9,1 Prozent. Für eine Industrienation wäre das zwar gigantisch, doch für ein in vielen Regionen noch immer unterentwickeltes Land wie China ist es das nur bedingt. Denn auch die ausländischen Investitionen und die Exporte nehmen nicht mehr so schnell zu wie früher.

Gemessen am Einkaufsmanagerindex ist die Auftragslage außerdem so schlecht wie zuletzt auf dem Höhepunkt der Finanzkrise im Februar 2009. Dafür steigt die Inflation und liegt derzeit bei 6,1 Prozent, weit über der von der Regierung eigentlich angestrebten Höchstmarke von vier Prozent.

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