14.12.2011

Christen im Irak: Gott ist geduldig

Von Carsten Stormer
Pater Gabriel K. Tooma am Eingang zum Kloster der Jungfrau Maria in Alqosh. Der 41-jährige Geistliche ist zuständig für  alle katholischen Klöster im Irak.
Pater Gabriel K. Tooma am Eingang zum Kloster der Jungfrau Maria in Alqosh. Der 41-jährige Geistliche ist zuständig für alle katholischen Klöster im Irak.
Foto: Zeitenspiegel
Alqosh –  

Vor hundert Jahren war jeder vierte Iraker Christ. Heute, in den Zeiten von Terror und Verfolgung, leben die meisten irakischen Christen im Exil. Es gibt aber eine kleine Schar Gläubiger, die sich weigert, ihr Land zu verlassen. Und es gibt einen Pater, der ihnen beisteht.

Fünf Uhr morgens, wenn all das Böse in seinem Land noch schläft, steht Pater Gabriel auf, schlüpft in die Soutane, legt die Kette mit dem silbernen Kreuz um seinen Hals und betet; für Frieden im Irak, seiner Heimat, dafür, dass der Tag ohne schlechte Nachrichten vorübergeht, dass keine Kirche brennt in Bagdad oder Mosul; dass keine Bombe explodiert, die Christen, Jesiden oder Kurden in den Tod reißt. Es stirbt sich leicht im Irak und deswegen gibt es viel zu beten – aber zur Zeit ist es relativ ruhig und, so Gott will, wird es noch eine Weile so bleiben. Die Gewalt, das weiß der Priester, kommt und geht wie Ebbe und Flut.

Vater Gabriel K. Tooma ist ein schmaler Mann mit Brille, sein grau meliertes Haar trägt er akkurat frisiert. Mit seinen 41 Jahren ist er bereits Abt aller katholischen Klöster im Irak. Er geht ein bisschen gebückt, die Hände hinter seinem Rücken verschränkt, das Kreuz um seinen Hals wirkt wie eine Last, an der er schwer zu tragen hat. Seine Heimat hat er im Kloster der Jungfrau Maria in dem Städtchen Alqosh, einer von Christen bewohnten Enklave im Nord-Irak. Sie ist knapp zwei Autostunden von Mosul entfernt, der zweitgrößten Stadt des Landes.

Alqosh liegt im kurdisch verwalteten Teil des Iraks. Dieses Gebiet ist zum Rückzugsort für alle Vertriebenen im Zweistromland geworden. Hier wohnen sie friedlich nebeneinander, auch wenn sie sich nicht unbedingt mögen: Kopten, Christen, Jesiden, Kurden, Moslems und die Anhänger Johannes des Täufers teilen sich das Land – und pflegen ihre Vorurteile.

Das Kreuz im Handschuhfach

Seit einiger Zeit schon strömen immer mehr Iraker in diese Region. Oder sie ziehen gleich ins Ausland. Sie fliehen vor religiösem Fanatismus und einer Politik, die machtlos ist gegen die Gewalt. Die religiösen nicht-islamischen Gruppen machen nur drei Prozent der Bevölkerung aus, aber sie stellen zwanzig Prozent der Flüchtlinge. Wenn sich die Lage beruhigt, kehren einige wieder zurück. So pendelt sich das Leben ein.

Es ist kalt in der Gegend um Ninive, der Wiege des christlichen Glaubens im Mittleren Osten. Ein eisiger Wind pfeift über das Hochplateau. Vater Gabriel steigt in seinen Toyota Corolla, um sich auf die gefährliche Reise zu begeben. Er will seinen Glaubensbruder Vater Steven im Kloster San Giorgio in Mosul besuchen, den letzten katholischen Priester dort.

Letzte US-Kampftruppen haben Irak verlassen

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Für die Fahrt legt der Priester die Soutane ab, wie auch das Kreuz, das er im Handschuhfach verstaut. Nur der Priesterkragen, der unter seiner schwarzen Winterjacke hervorlugt, verrät seine Gesinnung. Die kurdischen Milizionäre, die sein Kloster bewachen, schieben das eiserne Rolltor beiseite und salutieren, Gabriel K. Tooma murmelt ein Vaterunser. Am Checkpoint zum Ortsausgang von Alqosh scherzt er mit einem irakischen Soldaten, sagt, dass er keinen Führerschein habe und er ihn bitteschön trotzdem durchlassen möge.

Vater Gabriel fährt dann los, als besäße er wirklich keinen Führerschein. In rasantem Tempo und Gottvertrauen wechselt er immer wieder von der rechten auf die linke Fahrbahn. Sie zieht sich schnurgerade durch die Hügel Kurdistans, auf denen Raureif den Winter ankündigt. Er raucht eine Zigarette nach der anderen und redet noch schneller, als er fährt: „Ich bin der einzige Priester, der sich noch nach Mosul wagt, aber als Abt ist es meine Pflicht.“

In Mosul tummeln sich ehemalige Angehörige von Saddams Baath Partei, religiöse Hetzer und Terroristen der Al-Kaida. Bis vor ein paar Jahren lebten hier mehr als 100000 Christen, jetzt sind es weniger als 5000. Pater Gabriel erzählt, dass alle Kirchen in Mosul geschlossen seien, alle Priester, bis auf einen, die Stadt verlassen hätten und Weihnachten im vergangenen Jahr abgesagt werden musste. Je näher Mosul rückt, desto mehr Straßensperren behindern den Verkehr. Kurdische und irakische Soldaten mit entsicherten Gewehren verlangen nach Ausweisen, schauen in Kofferräume.

Allgegenwärtige Angst

Drei Checkpoints der irakischen Armee sichern das Kloster San Giorgio, das auf einem Hügel neben einer Ausfallstraße am Rande von Mosul steht. Die Zufahrt ist mit Zementblöcken und Stacheldraht versperrt. Als Vater Gabriel ankommt, kann er Priester Steven nicht finden. Das Kloster ist verlassen. Muss er sich Sorgen machen? Er macht sich Sorgen. Familie Maqdasay, die ein paar Straßen weiter wohnt, weiß auch nicht, was passiert sein könnte. Die Maqdasays waren vor einem Jahr nach der blutigen Belagerung einer Kirche in Bagdad von Mosul ins Kloster Alqosh geflüchtet. Zwei Monate lang versorgte sie Vater Gabriel dort. Erst nach Weihnachten trauten sie sich zurück.

Gedämpft dringen die Geräusche der Stadt in das Haus der Familie. Bei Bier und gebrannten Nüssen sitzen Vater Gabriel und die anderen im eiskalten Wohnzimmer und halten sich an den Händen. Atemwolken schweben in der Luft.

Ein paar Mal sind die Maqdasays in den vergangenen zwei Jahren aus Mosul geflohen. Einmal, weil jemand „Christen verschwindet aus Mosul oder wir töten euch“ an eine Hauswand geschmiert hatte. Wenn sie die Wohnung verlassen, bleiben sie per Handy in Kontakt: „Bin nur noch schnell Zigaretten holen, ich bin okay!“ Die Angst ist allgegenwärtig. Dabei seien die Beziehungen zu den Nachbarn eigentlich ganz gut.

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