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Die ewige Unzufriedenheit in Sachsen-Anhalt

„Da ist noch einiges zu machen.“ Gottfried Backhaus auf seinem Hof.

„Da ist noch einiges zu machen.“ Gottfried Backhaus auf seinem Hof.

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Bernhard Honnigfort

"Nun ist es aber mal gut“, platzt Claudia Backhaus mitten rein in einen langen Satz, den ihr Mann gerade spricht. „Sag doch, dass du seit einem Jahr Hartz IV bekommst. Sag doch, dass das mit dem Orgelbau und der Fahrschule nicht mehr richtig funktioniert. Sag das doch. Ist doch nicht schlimm.“ Ihr Mann schluckt kurz. „Ja, das ist so“, sagt er dann. „Ein Segen ist das mit der Wahl“, ruft seine Frau wieder dazwischen. „Ein Segen, wie das jetzt gekommen ist.“

Wenn Claudia Backhaus nicht als Mensch auf die Welt gekommen wäre, sondern als Naturphänomen, dann vielleicht als ein Vulkan, der schon lange bebt und mit lautem Knall ausbricht. Claudia Backhaus ist 55 Jahre alt, Mutter von vier erwachsenen Kindern, sie lebt mit ihrem Mann Gottfried in einem kleinen Ortsteil von Mücheln, einer Kleinstadt, 8967 Einwohner, im Saalekreis, südliches Sachsen-Anhalt. Gottfried Fritz Backhaus, 57 Jahre alt, hat am Sonntag bei der Landtagswahl 9670 Stimmen für die AfD geholt, 33,1 Prozent, absolut die meisten, Direktmandat, bestes Ergebnis. Im Wahlkreis 40 mit 0,8 Prozent Ausländeranteil. Mehr Stimmen als der Landesvorsitzende André Poggenburg. „Der hat gerade mal 8000.“

afd-wahl

Andre Poggenburg (l), Spitzenkandidat der AfD, und Björn Höcke, AfD-Fraktionsvorsitzender im Thüringer Landtag, jubeln am 13.03.2016 nach dem überraschenden Wahlerfolg der Partei bei der Landtagswahl Sachsen-Anhalt in Magdeburg (Sachsen-Anhalt).

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dpa

Die beiden sitzen in ihrem großen Wohnzimmer, altes, renovierungsbedürftiges Bauernhaus von 1882, ihr Familienbesitz, schwere Möbel, eine Statue, eine Frau, die ein Kind in den Armen hält, kein Fernseher. Gottfried Backhaus will gerade etwas zu Flüchtlingen sagen. Er ist ein gemütlich wirkender Mann mit Rauschebart, Heimatkundler, er spricht in langen Sätzen, die sich oft verzweigen, er will sagen, dass nicht alle Flüchtlinge echte Flüchtlinge seien, als seine Frau ihm dazwischenfährt: „Hinten und vorne kriegen die es reingesteckt. Und wir kriegen nichts. Die kriegen Deutschkurse, Möbel, Praktika, dürfen sich in Supermärkten bedienen, die Polizei tut nichts.“

Ein Ventil

Er spricht breit angelegt und in Windungen, sie knallt die Dinge auf den Punkt. Fragte man die beiden, warum sie heute in der AfD sind, warum die Leute im Ort AfD wählen, dann bricht ein Orkan los. Vieles muss raus, es geht um die ewige Unzufriedenheit im Ort, im Kreis, im ganzen Land. Da kommt dann eins zu anderen, alte und uralte Geschichten, Zorn, der lange unter der Oberfläche brodelte, alles vermischt sich zu einer großen Geschichte, in der immer irgendetwas schief gelaufen ist und immer andere an etwas schuld sind.

Früher war man verdrossen und still und wählte nicht. Heute gibt es ein Ventil, die AfD. Aus Frust werden Stimmen, aus Gottfried Backhaus, Orgelbauer, Fahrlehrer und später Hartz IV, wurde ein Abgeordneter mit fortan 5655 Euro Diäten plus 1600 Euro Aufwandspauschalen.

Er erzählt, wie er zweimal zwangsumgesiedelt wurde wegen der Braunkohle. Da war er zehn und 16 Jahre alt. Sie erzählt, wie nach dem Krieg der Hof enteignet wurde, die Bodenreform, ein „Trauma“, das die Familie nie loswurde. Das Haus haben sie wieder, aber keine Entschädigung für’s Land. Das Geld könnten sie gut in ihr Haus stecken. „Da ist einiges zu machen“, sagt er. Er erzählt von der „scheiß SED“, die heute noch das Sagen habe in der Gegend. Dass er – obwohl Klassenbester – kein Abitur machen durfte, weil er engagierter evangelischer Christ war – und es heute noch ist. Er erzählt vom Berufsleben: Feinmechaniker im Chemiekombinat, 1990 Schluss, dann als Orgelbauer gearbeitet, selber beigebracht, und später eine richtige Prüfung gemacht. Und nebenbei Fahrlehrer, weil man allein vom Orgelnreparieren nicht leben kann. Und dann zogen die jungen Leute in den Westen und mit der Fahrschule lief es schlechter und schlechter und 2012 war Schluss.

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dpa-infografik

„Erzähl die Geschichte mit dem Motorrad“, drängt seine Frau. Das Fahrschulmotorrad, Yamaha 600, wurde ihm mitsamt Anhänger vom Hof geklaut. Später fand es die Polizei in Naumburg, zu Schrott gefahren, 6000 Euro Schaden. Der Täter war ein Weißrusse. Er wurde angeblich nie belangt. „Und ich bekam eine Rechnung über den Polizeieinsatz“, schimpft Backhaus. „Ich, nicht der andere.“

Deswegen seien die Leute hier unzufrieden, sagt er irgendwann. Weil das überall so sei und es allen Leuten so gehe. Seit Jahren schon. Ein Stau aus alten Geschichten, die sich vermutlich früher vor Ort die Politiker der Linken und PDS angehört hatten, als es sie noch mehr gab. Seit einiger Zeit aber tut es wohl keiner mehr. Nun bricht sich alles Bahn. „Niemand tut etwas für uns hier. Für Familien, für Kinder. Stattdessen holt sich Merkel ein neues Volk.“

Es werde geklaut, überall, an der ICE-Trasse, im Supermarkt. Die Straße zum Ort sei eine furchtbare Katastrophe, und in Mücheln, da hätten sie Leute aus einem Haus gekündigt, die dort seit DDR-Zeiten gewohnt hätten. Und nun habe der Vermieter die Wohnung für’s Doppelte weitervermietet. „Jetzt wohnen da Flüchtlinge. Das ist die Wahrheit“, sagt Backhaus.

Geschichten, alte, neue, Jahrzehnte unverdautes Zeug. Seine Frau erzählt, wie nach 1989 die Apotheke geschlossen wurde, wo sie arbeitete. Im Dorf wurde getratscht, sie habe dicht gemacht werden müssen, weil Claudia Backhaus nicht weiterarbeiten wollte. „Rufmord ist das. Bis heute hängt mir das nach und Leute wechseln die Gehwegseite.“ Sie erzählt vom Sohn, der „hochbegabt“ sei, dennoch sein Abi nicht auf Anhieb habe machen können, angeblich, weil der damalige Schulleiter „eine rote Socke“ war und weil man selbst im Elternrat aktiv war und öfter mal widersprochen hatte.

Ist hier nichts verjährt? Was hat das alles mit der Landtagswahl am 13. März 2016 zu tun? „Na alles“, sagt sie. „Das geht doch nicht nur uns so. Hier kommt alles, alles zusammen.“

Nie wollte Gottfried Backhaus in eine Partei. CDU nicht, SPD nicht, er gründete 1989 das Neue Forum am Ort mit, er war Lokalpolitiker, aber eine Partei? „Nie. Nein.“

afd-plakat

Wahlwerbung in Magdeburg.

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AFP

Er ist in der evangelischen Kirche, war früher bei den Treffen der Posaunenchöre, er organisiert jetzt im Sommer ein christliches Treffen auf einem Thüringer Campingplatz mit ungefähr 2000 Teilnehmern. Sie ist in der Kirchgemeinde aktiv als Lektorin. Er liest die Mitteldeutsche Zeitung, hört Deutschlandfunk, ist auf Facebook unterwegs. Aber kein Fernsehen, dem MDR misstraut er, die GEZ müsse weg, meint er, wegen der Intendantengehälter und weil die Journalisten nicht die Wahrheit berichteten. „Wieso dafür zahlen?“

Seit Sommer 2013 sind sie bei der Alternative für Deutschland. Weil man da offen reden könne. „Warum denn nicht. Wir sind doch keine Nazis.“ In einer Partei mit Björn Höcke, der völkisch-rassistisches Zeug daher redet? „Der ist doch ganz nett“, sagt Backhaus.

Am Wahlsonntag wurden 24 AfD-Abgeordnete in den Magdeburger Landtag gewählt, zweitstärkste Fraktion. Der Saalekreis ist nun AfD-Land, eine Hochburg, alle vier Direktmandate gingen an die AfD. Wer hat AfD gewählt? Wahlforscher Roberto Heinrich von infratest dimap sagt: „Der typische AfD-Wähler ist in allen drei Ländern eher männlich, eher mittelalt. Darüber hinaus ist die AfD überdurchschnittlich erfolgreich bei Arbeitern und bei Arbeitslosen. Der AfD-Wähler ist ein Zukunftsskeptiker, also sehr beunruhigt über die Verhältnisse im Land. Wir sehen eine ausgeprägte Ausländerangst bis Ausländerfeindlichkeit, eine ausgeprägte Islamangst beziehungsweise Islamfeindlichkeit.“

Am Markt von Mücheln will kaum einer erzählen, was er warum gewählt hat. Eine jüngere Frau immerhin sagt, ja, sie habe AfD und Backhaus gewählt. Warum? „Den kenne ich. Bei dem habe ich Führerschein gemacht.“ Ja, aber die AfD? „Sind die anderen besser?“, fragt die Frau und ist schon weiter.

Gottfried Backhaus zeigt die alte Scheune mit dem neuen Dach. Ein Hahn schreitet vorbei, ein Rauhfuß, von der Tochter zu Weihnachten bekommen. In der Hofecke weht die Deutschlandfahne. „Wurde mir auch schon ein paar Mal runtergeholt. Jugendliche“, sagt er. „Ich kann hier nicht einmal sagen, dass ich stolz auf meine Heimat bin“, sagt er. Wer hindere ihn daran? „Ach, die Linken, die Grünen, diese Typen wie der Striegel.“

„Ein Giftzwerg“

Der Striegel ist 34, Merseburger, verheiratet, Politikwissenschaftler, Landtagsabgeordneter der Grünen, selber Wahlkreis wie Backhaus. Ein kleiner drahtiger Mann, sein Motto hat er vom Vater: „Bleibe im Land und wehre dich täglich.“ Sein Büro liegt beim Bahnhof. Es wird von der Polizei videoüberwacht, hat eine verstärkte Fensterfront. Zehn Mal wurde es 2015 angegriffen. Steine flogen, Flaschen, gebrauchte Windeln. Striegel fährt abends nicht mehr mit dem Zug, er hält sich nicht am Bahnhof auf. Er hat schon etliche Morddrohungen erhalten. Für Familie Backhaus ist er ein „Giftzwerg“.

Ein Spaziergang mit ihm durch Merseburg-West hinter der B91, früher war es das Kosmonautenviertel. Hübsche Häuserzeilen, Viergeschosser, sie könnten auch in Bad Godesberg am Rhein stehen. 30 Prozent AfD, erzählt Striegel. Kleine Wohnungen, überalterte Mieterschaft, viel Hartz IV.

An der alten Schule wurde im Herbst die Notunterkunft für Flüchtlinge eingerichtet. Die Nachbarn wurden nicht informiert, der Landrat habe sich nicht gekümmert, erzählt Striegel. Er selbst ging hin, verteilte Flugblätter, machte dort seine Bürgersprechstunde, zu der 120 wütende Leute kamen. Es gab bis Januar 105 Demonstrationen, jeden Abend, es flogen Bierflaschen. Heute ist Ruhe, die Polizei kümmere sich, nur noch jeden Abend sechs oder sieben „besorgte Biertrinker“, wie er sagt. „Und Nachbarn haben bei mir angerufen, ob man nicht was gegen die machen kann.“

Ja, „die große Unzufriedenheit im Lande“, sagt er. Die Sonne scheint, es ist laut, gerade ist Sperrmüllabfuhr im ehemaligen Kosmonautenviertel. Vor dreißig Jahren habe Sachsen-Anhalt 700.000 Menschen mehr gehabt. Striegel: „Ich sag es mal so: Nicht die Schlechtesten sind gegangen.“ Und dennoch, die Arbeitslosigkeit im Saalekreis liege unter dem Landesschnitt, es gebe die Chemieindustrie, viele Logistikunternehmen. Seit 1990 seien Milliarden aus dem Westen geflossen. „Wir sind doch objektiv nicht benachteiligt worden.“

„Man hat hier nie gelernt, wie man politisch streitet“, sagt er. Viele Menschen hätten eine Mentalität, eine Bequemlichkeit und Erwartungshaltung an Politik, die sei irrwitzig. Politik habe zu liefern, aber flott. Selber mitmachen? Er erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die einen Kitaplatz brauchte, zu ihm kam und ihm drohte, wenn er ihr nicht sofort helfe, werde sie bei der Wahl ...

„Was soll man da eigentlich noch machen?“, sagt Striegel. Fakten zählten nicht mehr, man höre dem anderen nicht mehr zu, der Umgangston sei verroht, Pegida und AfD hätten den Rassismus wieder sagbar gemacht. „Die Welt ist nicht komplizierter geworden“, meint er. „Das war sie immer schon. Es wollen nur immer mehr Leute immer einfachere Antworten.“


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