13.01.2012

Die Linke: Herr Unauffällig will es wissen

Von Bernhard Honnigfort
Und der Zukunft zugewandt: Dietmar Bartsch strebt auf den Chefsessel der Linken.
Und der Zukunft zugewandt: Dietmar Bartsch strebt auf den Chefsessel der Linken.
Foto: Imago
Schwerin –  

Er gilt als penibler Organisator, als Strippenzieher: Dietmar Bartsch hat seinen Aufstieg an die Spitze der Linken sorgfältig geplant und vorbereitet. Nur sein Gegner Oskar Lafontaine ist für den kühlen Strategen nicht kalkulierbar.

Das Buffet ist noch nicht eröffnet, draußen stürmt und regnet es. Die Linke in Mecklenburg-Vorpommern gibt im Gasthaus Ritterstube in Schwerin einen kleinen Empfang, das Duo „ZuZweit“, eine Dame mit Saxophon, eine mit Gitarre, hat gerade die Moritat von Mackie Messer gespielt. Das gehört einfach dazu bei den Linken. Alle, etwa hundert Leute, sind froh, drinnen und nicht draußen zu sein. Die überschaubare Hautevolee der Linken im Nordosten ist versammelt. Schwerins Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow ist gekommen, die Abgeordneten aus dem Landtag mit Fraktionschef Helmut Holter, mit Landeschef Steffen Bockhahn und extra aus Berlin angereist: Gesine Lötzsch, die Parteivorsitzende.

Die Linke wäre nicht die Linke, wenn so etwas glatt über die Bühne ginge. Der Rostocker Bockhahn, 33, der trotz seines eleganten Anzugs wie ein rauflustiger Handballspieler aussieht, begrüßt die Runde, wie man das so macht, von oben nach unten, beginnt mit der „Vorsitzenden Frau Doktor Gesine Lötzsch“ und arbeitet sich dann durch zu einem langen Mann, der hinten im Saal unauffällig in der Menge steht und schweigt.

„Ich würde mich freuen“, begrüßt Bockhahn den Bundestagsabgeordneten Dietmar Bartsch, „wenn ich ihn nächstes Jahr hier als Parteivorsitzenden begrüßen könnte“. Das ist der Augenblick, in dem Gesine Lötzsch, die amtierende Parteivorsitzende, ein wenig zusammenzuckt, aber nur ein wenig. Dietmar Bartsch lässt sich nichts anmerken. Er plaudert munter.

Egal was die anderen sagen

Dietmar Bartsch, 53 Jahre alt, geboren in Stralsund, 1,93 Meter groß, spielt manchmal Schach. Angeblich nicht mal schlecht. Vier bis sechs Züge nach vorne planen. Alles sorgsam durchdenken. Vorsichtig zu Werke gehen, nicht den Überblick verlieren. Die Dinge vom Ende her betrachten. Einmal hat er mit Richard von Weizsäcker gespielt, aber das ist lange her. Er weiß nicht mal mehr, wie es ausging.

Am 30. November 2011 hat er ein neues Spiel eröffnet, Ausgang völlig ungewiss. Wer weiß, ob er es überhaupt zu Ende spielen kann. Es war ein Mittwochvormittag und Bartsch hatte in den Grünen Salon der Volksbühne geladen, Berlin-Mitte, nur ein paar Schritte entfernt vom Karl-Liebknecht-Haus, der Parteizentrale der Linken. Ein Häuflein Journalisten war gekommen in den etwas altmodischen, leicht schummerig wirkenden Salon und dann hatte sich Bartsch auf die Bühne gestellt und eine Erklärung vorgelesen.

Eine Sache, die er sich zigmal überlegt hatte: Er wolle für den Parteivorsitz der Linken kandidieren, teilte er mit. Er wolle das auf alle Fälle machen, egal, ob ihn ein Mitgliederentscheid vorschlage oder nicht. Er habe das mit Oskar Lafontaine so besprochen. Viel Arbeit sei liegengeblieben, die Linke habe viel zu sagen, finde aber wenig Gehör. Und Antikapitalismus allein reiche nicht. Es war ein Kampfansage, der nüchterne Befund zum Jahr 2011, es war auch sein Glaubensbekenntnis: Man darf die Partei nicht den Linksradikalen um Lafontaine und Sahra Wagenknecht überlassen.

Ein seltsamer Ort, eine seltsame Szene. Er machte seinen ersten Zug weder in der Parteizentrale nebenan, noch im Bundestag, wo er sein Büro hat, sondern in einem Theatersalon, der immer noch nach DDR aussieht, ein bisschen so, als sei die Zeit stehen geblieben. Es war wohl eine Erinnerung, eine Anspielung, er nannte es später das „richtige Signal“.

Die Anspielung: 30. November 1994. Damals verkündete das Berliner Finanzamt, Steuerforderungen an die PDS in Höhe von 67,5 Millionen D-Mark vollstrecken zu wollen. Bartsch, damals ein Schlacks mit längeren Haaren, großer Brille und Schnauzbart, war Schatzmeister.

Er, Gregor Gysi, Lothar Bisky, André Brie und ein Häuflein Sympathisanten zogen in die Volksbühne, in den Grünen Salon und begannen einen Hungerstreik gegen den Steuerbescheid, der das sofortige Ende der PDS bedeutet hätte. Es gab Mahnwachen und Demonstrationen mit 20.000 Teilnehmern. Eine Woche später entschied das Verwaltungsgericht zugunsten der PDS. Bartsch und Genossen beendeten den Hungerstreik. Wilde Zeiten: Helmut Kohl beschimpfte die PDS als „rotlackierte Faschisten“. Aber sie war gerettet und zog im Dezember über vier Berliner Direktmandate mit insgesamt 30 Abgeordneten in den Bundestag.

Mit klugen Zügen an die Spitze

Damals hat Bartsch – mit anderen - den Laden vor dem Untergang bewahrt. Ein guter Schachspieler macht nichts gedankenlos. Wohl auch daran wollte er erinnern, als er Ende November seine Kandidatur im Grünen Salon erklärte: Hier steht ein Mann mit unübersehbaren, wenn auch lange zurückliegenden Verdiensten.

Er hat das Spiel eröffnet und wird sich noch einige schlaue Züge einfallen lassen müssen, wenn er es schaffen will bis zum Bundesparteitag am 23. Juni in Göttingen, wo die Linke sich eine neue zweiköpfige Führung wählen wird. Die Linke heute und Bartschs alte PDS – das ist überhaupt nicht mehr vergleichbar.

Nachdem sich die Ostgenossen 2007 mit der WASG aus dem Westen und ihren abtrünnigen enttäuschten Sozialdemokraten, Gewerkschaftern und Ex-Kommunisten zur Linkspartei zusammengetan haben, ist ein unübersichtliches, kaum steuerbares, in sich zerstrittenes und gespaltenes Gebilde entstanden, vergleichbar mit einem Mobilee aus 69 000 kleinen Teilen und Dutzenden Gruppen und Flügelchen, Reformern und Antikapitalisten, emanzipatorischen Linken, Feministinnen, Demokratischen Sozialisten, Kommunisten, Linksjugendlichen, Ost- und Westdeutschen. Alles dreht sich, schwankt und stößt aneinander. Gregor Gysi nennt das Ganze heute noch „ein Experiment“. Nun will Dietmar Bartsch Ordnung schaffen und dem Durcheinander Richtung geben, bevor sich alles verheddert und die Bundestagswahl 2013 zur Katastrophe wird.

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