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Doha: Halbstaatlicher Aufmarsch

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Aktivisten demonstrieren in Doha.
Aktivisten demonstrieren in Doha.
Foto: AFP
Doha –  

Sie wurde von Umweltschützern als subversive Sensation angekündigt. Am Ende finden sich gerade einmal rund 400 Menschen zu einer Demonstration der Umweltorganisation „Oasis Doha“ zusammen, die am Rande des Klimagipfels stattfindet.

Khalid Al-Mohannadi hat die Sache im Griff. „Die Erde ist unsere Heimat“, schnarrt der Chef der Umweltorganisation „Oasis Doha“ ins Megafon. Der beleibte bärtige Mann trägt ein weißes, knöchellanges Gewand, die traditionelle Kleidung der Männer in den Golfstaaten. „Take action...! Now!“, erklingt das Echo aus den Reihen der Demonstranten.

Es sind gerade einmal etwa 400 Menschen, die sich in der Hauptstadt des Golfstaats Katar zusammengefunden haben und Khalid Al-Mohannadi über die seit dem Vorabend von der Polizei abgesperrte Uferstraße folgen.

Klub der Besten

Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) will wegen der geringen Erfolge der internationalen Klimapolitik einen „Klub der Energiewende-Staaten“ gründen. Weltweit funktioniere der Klimaschutz über den Ausbau erneuerbarer Energien, so seine Begründung. Die Vorreiter beim Umbau des Energiesystem könnten dies gemeinsam schneller voranbringen. Dafür wolle er in Doha werben, kündigte Altmaier in einem Gespräch mit der Bild am Sonntag an.

Der Klub soll im Januar 2013 in der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate, Abu Dhabi, gegründet werden.

Kritisch äußerte sich der Minister über die bisher erreichten Ergebnisse in Doha. Seit Tagen werde über die Rettung des Weltklimas verhandelt, ohne jeden Erfolg. Die einst vereinbarten Ziele seien nur zu erreichen, wenn Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländer gemeinsam aufwachen und handeln.

Altmaier selbst wird frühestens am Mittwochabend auf der Konferenz in Doha erwartet. Zuvor nimmt er am CDU-Parteitag in Hannover teil. Auch dort will er sein Konzept der Energiewende verteidigen.

In Doha beginnt an diesem Montag die Minister-Phase. Der Gipfel endet am Freitag.

Al-Mohannadi wiederholt die Parole immer und immer wieder. Die Protestierer gehen die Straße einmal hinauf, einmal herunter. Gesittet und kontrolliert, wie es sich hier gehört. Nach zwei Stunden, um zehn Uhr morgens, ist alles vorbei. Dann brettern wieder die ortstypischen Geländewagenkolonnen über die vierspurige Asphaltpiste, im Hintergrund die schicken Wolkenkratzer. Es ist, als wäre gar nichts passiert.

Ein Klimagipfel ohne einen Aufmarsch der Umwelt- und Entwicklungsgruppen, die den Verhandlern in ihrem klimatisierten Konferenzzentrum die Dringlichkeit einer globalen Lösung vor Augen führen wollen, ist undenkbar. Das ist seit dem Erdgipfel in Rio de Janeiro 1992 Tradition. Die Protestierer finden sich immer am Wochenende zusammen, bevor die Umweltminister aus aller Welt herbeijetten.

In diesem Jahr war es etwas anderes. Viele fragten sich, ob dieses Gipfelritual in dem Kleinstaat am Arabischen Golf möglich sein wird, in dem Demonstrationen unüblich sind. Und in einem Land, das seinen immensen Reichtum dem Erdöl und dem besonders reichlich vorhandenen Erdgas verdankt. Zudem weist Katar den höchsten Pro-Kopf-Ausstoß an Kohlendioxid weltweit auf.

Mit Segen des Innenministers

Der kleine Aufmarsch gibt die Antwort. „Es hat genau eine Viertelstunde bei der Regierung gedauert“, erzählt Al-Mohannadi. Er sei zum Innenminister gegangen, habe sich mit ihm über den Stadtplan gebeugt und gleich war die Strecke gefunden: Die gut abriegelbare Uferstraße, wo die mit den Erdgasmilliarden erst in den letzten Jahren hochgezogene Skyline aus Büro- und Hoteltürmen die Kulisse gibt. Wo Baukräne, Zementmischer und Presslufthämmer auch am Wochenende rumoren, wo die unterbezahlten Gastarbeiter aus Indien, Pakistan oder Iran die letzten Baulücken füllen.

Was von den Umweltschützern als subversive Sensation angekündigt wurde, ist gar keine. Sie ist eine Art halbstaatliche Veranstaltung. Wer am Freitag zur Pressekonferenz des katarischen Cheforganisators des Klimagipfels, Fahad Al-Attiya, gegangen war, konnte es wissen. Es sei „enorm wichtig, dass die Zivilgesellschaft mit dem Problem befasst und zur Lösung beiträgt“, sagte Al-Attiya. Katar habe eine halbe Million Dollar investiert, unter anderem für Flüge und Unterkunft für Umweltschützer aus anderen arabischen Staaten.

Die katarische Basis aber lässt die Demo ziemlich kalt, obwohl sie in den Zeitungen angekündigt worden ist. Araber stellen überhaupt eine Minderheit unter den 400 Demonstranten. „Das interessiert in Doha keinen“, sagt einer der wenigen Passanten, die sich an die Proteststrecke wagen. Oder sie haben Angst vor staatlichen Repressionen. „Eine Demonstration gab es hier ja noch nie.“

Offenbar eine unbegründete Sorge. Noor Jassim Al-Thani, Mitbegründerin von „Oasis Doha“ und Mitglied der weitläufigen katarischen Herrscherfamilie von Scheich Hamad bin Khalifa Al-Thani, sagt freimütig, man setzte nicht auf Konfrontation, sondern auf Kooperation. „Wir arbeiten eng mit dem Umweltministerium zusammen.“

Auf Erdöl errichteter Reichtum

Vor einem Jahr sei der Umweltverband gegründet worden. Er hat gerade einmal 20 Mitglieder in der Hauptstadt mit ihren 520.000 Einwohnern. „Die Menschen sind hier von der Natur entfremdet“, sagt die freundliche junge Frau, die im Marketing für Wohltätigkeitsorganisationen arbeitet. Daher wolle die Organisation eine Bewusstseinskampagne aufziehen, in die Schulen gehen, eine Baumpflanzaktion starten oder den hohen Wasserverbrauch in dem Wüstenland reduzieren. Der CO2-Fußabdruck der Kataris müsse verkleinert werden. Klingt nett, aber nicht revolutionär.

Übrigens ist zu der Demonstration auch nur etwa ein Zehntel der für den Gipfel akkreditierten 4000 Umweltschützer aus aller Welt aufgetaucht. Manch einem schwante, als Feigenblatt missbraucht zu werden. „Trotzdem müssen wir ein Zeichen setzen, damit die Klima-Diplomaten im Konferenzzentrum aufwachen“, sagt eine US-Aktivistin.

Christoph Bals, Chef der deutschen Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch, hat da inzwischen Zweifel. Die Demo kranke an derselben Schizophrenie wie die Klimagipfel. Man flüchte sich in eine Scheinwelt, statt die nötigen radikalen Maßnahmen zu ergreifen. Um das Zwei-Grad-Limit der globalen Erderwärmung noch zu halten, müssten 80 Prozent der weltweit vorhandenen fossilen Energieträger ungenutzt bleiben – auch in Katar. „Ich vermisse hier Plakate, auf denen steht: Lasst das Öl in der Erde“, sagt Bals.

Als der Anführer des Protestmarschs, Al-Mohannadi, gefragt wird, ob denn nicht auch die Erdöl- und Erdgas-Industrie von Katar schrumpfen müsse, wolle man das Klima retten, wird der eloquente Mann einsilbig und sagt nur: „Dazu kann ich nichts sagen.“

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