Neuer Inhalt
Berliner Zeitung | Drohungen gegen Journalisten: Hasskommentare gehören zum Alltag
27. January 2016
http://www.berliner-zeitung.de/23541674
©

Drohungen gegen Journalisten: Hasskommentare gehören zum Alltag

Hasskommentare auf Facebook - viele Menschen verlieren in den sozialen Netzwerken alle Hemmschwellen.

Hasskommentare auf Facebook - viele Menschen verlieren in den sozialen Netzwerken alle Hemmschwellen.

Foto:

dpa-tmn

Berlin -

Von „Genickschuss“ ist die Rede. Er gehöre gequält, solle „freiwillig aus dem Leben scheiden“ und man solle ihm in sein „Lügenmaul“ schlagen. Im sozialen Netzwerk Facebook wird öffentlich zu Gewalt und zum Mord gegen zwei Redakteure der Berliner Zeitung aufgerufen, nachdem die Journalisten über die angebliche Vergewaltigung einer 13-Jährigen berichteten. Die Polizei bezweifelt die Aussagen des russlanddeutschen Mädchens in Berlin. Die Zeitung hat nun Strafanzeige gestellt.

Es ist nicht lange her, dass die Chefin des ARD-Politikmagazins „Panorama“, Anja Reschke, ähnliche Erfahrungen machte wie die Redakteure der Berliner Zeitung: Nachdem sie sich mit einem Appell gegen Flüchtlingshetze im Netz an die Öffentlichkeit wandte, wurde sie massiv bedroht.

Minütlich gibt es diffamierende Kommentare

Dass Journalisten sich ständig mit verbalen Gewaltandrohungen konfrontiert sehen, ist nicht neu. Es gibt sie täglich. Doch nicht nur die Autoren selbst werden bedroht, auch die Kommentarschreiber attackieren sich gegenseitig in den Netzwerken. Ein Großteil der Arbeit eines Social-Media-Redakteurs besteht in der Sichtung der Kommentare bei Facebook: Wo verstößt jemand gegen die Netiquette? Wird zu Gewalt und Mord aufgerufen, wird jemand beleidigt oder diffamiert? Es passiert minütlich.

Doch Journalisten sind bei weitem nicht die Einzigen, die sich mit derartigen Bedrohungen konfrontiert sehen. Die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Katrin Göring-Eckardt, erhält täglich Hasskommentare und auch Morddrohungen über Facebook. „Es wird täglich mehr. Die Hemmschwelle scheint zu sinken. Ich zeige in der Woche etwa zwei bis drei solcher strafrechtlich relevanten Fälle an“, sagt die Grünen-Politikerin am Mittwoch dieser Zeitung.

Aufhängen und verbrennen

Bisher sei aber noch niemand strafrechtlich belangt worden, obwohl man sie „in einen Mähdrescher werfen“, sie aufhängen und verbrennen wollte. Auch per Fax erhielt sie Morddrohungen. Danach wollte sie der Urheber „sexuellen Sadisten als Sklave zum Fraß“ vorwerfen. Göring-Eckardt habe das Gefühl, dass viele dieser Hasskommentatoren miteinander vernetzt seien und sich so gegenseitig anstachelten. Seit ihr Pegida-Organisator Lutz Bachmann bei Twitter folge, ziehe das auch eine spezielle Klientel an. „Es macht mich wütend, aber ich lasse mich nicht einschüchtern“, sagt sie.

Im Gegenteil. Seit einiger Zeit zitiert sie Kommentare von ihrer Facebook-Seite, filmt sich dabei und stellt die Videos auf ins Netz. Inzwischen gebe es diese Verbaltattacken auch immer mehr in der Öffentlichkeit, zuletzt wurde Göring-Eckardt bei der Grünen Woche von einer Pegida-Anhängerin als „Schlampe“ beschimpft. „In so einem Ausmaß gab es das früher nicht“, sagt sie.

Oder Schauspieler Til Schweiger. Nach seinem Engagement für Flüchtlinge sah auch er sich Droh- und Hassmails ausgeliefert. „Ihr seid zum Kotzen! Wirklich! Verpisst Euch von meiner Seite, empathieloses Pack! Mir wird schlecht!!!", postete er daraufhin wütend als Antwort auf seiner Facebook-Seite.

Tote Vögel in Kisten

Diana Hennigs von der Bürgerinitiative „Moabit hilft!“ in Berlin ist solche Bedrohungen ebenfalls gewohnt. Die Bürgerinitiative kümmert sich am Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) um Flüchtlinge. „So etwas ist gängige Praxis. Wir bekommen Hasskommentare bei Facebook und auch E-Mails“, sagt Hennigs. Darin heißt es, dass die Helfer alle „abgeknallt“ werden müssten und dass sie „verrecken“ sollten. Doch die Gefahr ist auch analog: Tote Vögel in Kisten, die vor der Haustür abgelegt werden, Kot im Briefkasten oder Telefonanrufe, wo die Familie bedroht werde. „Wir sammeln das alles und erstatten Anzeige“, sagt Hennigs.

Männlich, weiß, heterosexuell

„Jeder, der sich öffentlich äußert, kann von dieser Art der Bedrohung betroffen sein“, sagt Christina Dinar, pädagogische Fachreferentin bei der Amadeu-Antonio-Stiftung. Thematisch kreisen die Hasskommentare meist immer um gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, also xenophobe, homophobe, antisemitische, rassistische oder sexistische Äußerungen. „Die Themen variieren, momentan dreht es sich oft um die Geflüchteten, die nach Deutschland kommen“, so Dinar.

Auch wenn sich gerade im Pegida-Umfeld auch viele Frauen bewegten, sind es meist Männer, die in den Netzwerken zu Gewalt aufriefen: „Männlich, weiß, heterosexuell und mittleren Alters. Männer mit viel Zeit, die ihr Ego darüber aufwerten möchten.“ Gleichzeit seien Frauen auch öfter Opfer dieser Gewaltdrohungen, vor allem die, die sich in den öffentlichen Diskurs begeben würden.

Scrollt man durch die Kommentare, spielen oft Vergewaltigungs- und Erniedrigungsphantasien eine Rolle. Laut einer nichtrepräsentativen Umfrage des IT-Verbandes Bitkom haben 77 Prozent der Internetnutzer ab 14 Jahren einen starken Anstieg von Beleidigungen und Hetze im Netz festgestellt. Nur 16 Prozent meldeten Kommentare beim Seitenbestreiber, nur ein Prozent wandten sich an Polizei oder Staatsanwaltschaft.


  • Nachrichten
  • Panorama
Newsticker