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Berliner Zeitung | Ermittlungen nach widersprüchlichen Aussagen: Rätsel um angebliche Jagd von Pegida-Anhängern auf Migranten
05. January 2015
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Ermittlungen nach widersprüchlichen Aussagen: Rätsel um angebliche Jagd von Pegida-Anhängern auf Migranten

Im Zuge der pegida-Demo vor Weihnachten in Dresden solle es zu einer Jagd von Hooligans auf Migranten gekommen sein.

Im Zuge der pegida-Demo vor Weihnachten in Dresden solle es zu einer Jagd von Hooligans auf Migranten gekommen sein.

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dpa

Dresden -

Im November 2000 berichtete die Bild-Zeitung auf der Titelseite über einen abscheulichen Mordfall. Im Schwimmbad der sächsischen Kleinstadt Sebnitz sollte drei Jahre zuvor ein kleiner Junge namens Joseph von Neonazis ertränkt worden sein, während am Beckenrand Leute zuguckten. Entsetzen und Empörung, der Fall ging in den Medien ab wie eine Rakete, Fernsehsender und Reporter aus aller Welt reisten nach Sebnitz und berichteten. Die Kripo nahm zwei Männer und eine Frau unter dringendem Mordverdacht fest.

Fünf Tage dauerten die Ermittlungen, dann war klar: Alles falsch. Das kranke Kind war 1997 im Becken den „stillen Herztod“ gestorben. Es hatte nie einen Mord gegeben. Die deutsch-irakische Apothekerfamilie war nie über Josephs Tod weggekommen, hatte sich eingeigelt und verzweifelt nach Schuldigen gesucht, hatte Jugendliche beschenkt, manipuliert und zu Zeugen eines erfundenen Verbrechens gemacht. Eine familiäre Tragödie - und ein journalistisches Desaster, ein Medien-GAU, wie ihn die Bundesrepublik noch nie erlebt hatte.

Angeblich von der Polizei weggeschickt

In Dresden kursiert seit Tagen eine unglaubliche Geschichte. Allerdings eine ohne Todesfall. Die Dresdner Zeitungen, denen Sebnitz und Joseph noch Begriffe sind, fassen sie mit ganz, ganz spitzen Fingern an. Die Berliner Tageszeitung taz hatte berichtet, nach der Pegida-Demo am 22. Dezember sei es abends in der Prager Straße und in der Centrumgalerie, einer riesigen Einkaufsmall in der Altststadt, zu einer Jagd von bewaffneten Pegida-Anhängern auf junge Migranten gekommen. Das Blatt bezog sich auf Aussagen der jungen Leute, die anonym bleiben wollen. Mit Baseballschlägern, Elektrowaffen und Totschlägern bewaffnete Hooligans sollen Migranten beschimpft und verletzt haben. Ein 15-jähriges Mädchen, angeblich an Asthma erkrankt, soll, weil es nicht weglaufen konnte, im Einkaufszentrum geschlagen worden sein. An Heiligabend habe sie bei der Polizei Anzeige erstatten wollen, sei aber weggeschickt worden, angeblich mit der Bemerkung, sie habe sich ihre Verletzungen selbst beigebracht.

Rund 500 vermummte Hooligans sollen im vorweihnachtlich besuchten Einkaufszentrum Jagd auf Migranten gemacht haben. Ist das überhaupt vorstellbar? Die Sächsische Zeitung zitiert einen jungen Migranten, der das so gesehen und erlebt haben will. Hooligans hätten sämtliche Etagen eingenommen, Parolen gebrüllt, während Passanten applaudiert und anwesende Polizisten nichts gemacht hätten.

Zweifel an der Darstellung

Aber es gibt ganz erhebliche Zweifel an dieser Darstellung. Der Sicherheitsdienst des Einkaufszentrums nennt die Schilderungen „an den Haaren herbeigezogen“. Nichts sei dort passiert. Das Zentrum ist kameraüberwacht, es dürfte keine Schwierigkeit sein, jetzt schnell herauszukriegen, ob etwas und wenn ja, was dort an jenem Montag nach 20.30 Uhr geschah.

Ein Mitarbeiter des Kulturvereins Dresden, der sich um die anonymen Migranten kümmert, meinte, im Kern glaube er den Schilderungen, auch wenn es für Jugendliche typische Übertreibungen gebe.
Tatsächlich hat es an jenem Abend in der Prager Straße eine Schlägerei gegeben zwischen Hooligans und Gegendemonstranten. Ein 24-jähriger Mann erlitt dabei laut Polizei zwei Stichverletzungen. Aber angeblich jemand, der zur Pegida-Anhängerschaft zählte.

Die Dresdner Polizei ermittelt, auch den Vorwurf, man habe das verletzte Mädchen weggeschickt. Am Montagnachmittag teilte das Polizeipräsidium mit, man werte Videoaufnahmen aus und versuche, das genaue Geschehen zwei Tage vor Weihnachten zu rekonstruieren. Die Beschreibungen der Abläufe und die Bewertungen der Ereignisse durch verschiedene Zeugen, so der Sprecher, seien jedoch „sehr unterschiedlich und widersprüchlich“.


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