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Ethikrat-Vorsitzende Woopen im Interview: „Ich sehe keine Suizidwelle auf uns zurollen“

Christiane Woopen aus dem Deutschen Ethikrat

Christiane Woopen aus dem Deutschen Ethikrat

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Stefan Worring

Köln -

Frau Woopen, zwei Wochen nach dem Bundestag hat sich der Ethikrat mit dem assistierten Suizid beschäftigt. Muss es nicht umgekehrt sein: erst die Ethik, dann die Politik?

Wir haben ja keine Arbeitsteilung, so als ob die Abgeordneten im Bundestag ohne den Ethikrat keine moralische Orientierung hätten. Wohl aber sehen wir unsere Aufgabe in einer philosophischen und verfassungsrechtlichen Vertiefung, und wir wollen deshalb noch vor Beginn des eigentlichen Gesetzgebungsverfahrens eine Ad-hoc-Empfehlung abgeben, voraussichtlich schon im Dezember.

Worüber sind Sie sich bei der weltanschaulich pluralen Zusammensetzung des Ethikrats einig?

Insgesamt halten wir den Freiheitsgrundsatz, der in Deutschland mit Blick auf den Suizid gilt, für eine sehr gute Lösung: Weil der Suizid nicht strafbar ist, ist auch die Beihilfe zu einem - frei verantworteten - Suizid nicht strafbar. Das ist der sehr intimen und individuellen Problematik sehr angemessen. Wir sehen auch keine gesellschaftlichen Fehlentwicklungen, die dringend einer strafrechtlichen Regulierung durch den Gesetzgeber bedürften. Und wir sind alle froh, dass die Debatte über den assistierten Suizid endlich die Aufmerksamkeit auf die Palliativmedizin lenkt, die ihr gebührt. Das ist ein positiver Kollateraleffekt.

Alles in bester Ordnung also? Das hört sich bei den Gegnern insbesondere der organisierten Sterbehilfe ganz anders an.

Organisierte Suizidhilfe bringt unnötige Gefahren mit sich. Aber in der existenziellen Ausnahmesituation, in der ein kranker Mensch seinem Leben ein Ende setzen möchte, sollte ein Arzt ihm helfend zur Seite stehen können - im Rahmen einer Gewissensentscheidung, nicht einer gesetzlichen Norm.

So wie jetzt.

Nicht ganz. Denn die ärztliche Standesordnung steht den Ärzten in manchen Bundesländern im Wege - so sehr, dass sich manche Patienten erst gar nicht trauen, ihren Arzt um Hilfe zu bitten, und Ärzte sich unter Sanktionsdruck fühlen. Der Ethikrat unterstützt die Position, dass Beihilfe zum Suizid keine ärztliche Aufgabe ist, will aber die Gewissensentscheidung im individuellen Vertrauensverhältnis zwischen dem Patienten und seinem Arzt akzeptiert wissen. Ohne Paragrafen, Verfahrensvorschriften und am Ende gar einer Gebührenziffer.

Was bedeutet das für Sterbehilfevereine und ähnliche Organisationen, die der Bundestag offenbar mehrheitlich verboten wissen will?

„Organisiertheit“ als solches ist ein problematisches Kriterium. Davon wäre wohl auch der Onkologe erfasst, der in zehn Jahren drei seiner Krebspatienten beim Suizid hilft. Man muss es also auf anderem Weg ausschließen, dass Einzelne oder Organisationen beim Todeswunsch eines Patienten nicht lebensorientiert beraten, seine Selbstbestimmtheit nicht sorgfältig genug prüfen und daraus womöglich finanzielle Vorteile ziehen.

Lesen Sie im nächsten Abschnitt, welche konkreten Empfehlungen der Deutsche Ethikrat ausspricht.

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