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Berliner Zeitung | Ethikrat-Vorsitzende Woopen im Interview: „Ich sehe keine Suizidwelle auf uns zurollen“
28. November 2014
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Ethikrat-Vorsitzende Woopen im Interview: „Ich sehe keine Suizidwelle auf uns zurollen“

Christiane Woopen aus dem Deutschen Ethikrat

Christiane Woopen aus dem Deutschen Ethikrat

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Stefan Worring

Frau Woopen, zwei Wochen nach dem Bundestag hat sich der Ethikrat mit dem assistierten Suizid beschäftigt. Muss es nicht umgekehrt sein: erst die Ethik, dann die Politik?

Wir haben ja keine Arbeitsteilung, so als ob die Abgeordneten im Bundestag ohne den Ethikrat keine moralische Orientierung hätten. Wohl aber sehen wir unsere Aufgabe in einer philosophischen und verfassungsrechtlichen Vertiefung, und wir wollen deshalb noch vor Beginn des eigentlichen Gesetzgebungsverfahrens eine Ad-hoc-Empfehlung abgeben, voraussichtlich schon im Dezember.

Worüber sind Sie sich bei der weltanschaulich pluralen Zusammensetzung des Ethikrats einig?

Insgesamt halten wir den Freiheitsgrundsatz, der in Deutschland mit Blick auf den Suizid gilt, für eine sehr gute Lösung: Weil der Suizid nicht strafbar ist, ist auch die Beihilfe zu einem - frei verantworteten - Suizid nicht strafbar. Das ist der sehr intimen und individuellen Problematik sehr angemessen. Wir sehen auch keine gesellschaftlichen Fehlentwicklungen, die dringend einer strafrechtlichen Regulierung durch den Gesetzgeber bedürften. Und wir sind alle froh, dass die Debatte über den assistierten Suizid endlich die Aufmerksamkeit auf die Palliativmedizin lenkt, die ihr gebührt. Das ist ein positiver Kollateraleffekt.

Alles in bester Ordnung also? Das hört sich bei den Gegnern insbesondere der organisierten Sterbehilfe ganz anders an.

Organisierte Suizidhilfe bringt unnötige Gefahren mit sich. Aber in der existenziellen Ausnahmesituation, in der ein kranker Mensch seinem Leben ein Ende setzen möchte, sollte ein Arzt ihm helfend zur Seite stehen können - im Rahmen einer Gewissensentscheidung, nicht einer gesetzlichen Norm.

So wie jetzt.

Nicht ganz. Denn die ärztliche Standesordnung steht den Ärzten in manchen Bundesländern im Wege - so sehr, dass sich manche Patienten erst gar nicht trauen, ihren Arzt um Hilfe zu bitten, und Ärzte sich unter Sanktionsdruck fühlen. Der Ethikrat unterstützt die Position, dass Beihilfe zum Suizid keine ärztliche Aufgabe ist, will aber die Gewissensentscheidung im individuellen Vertrauensverhältnis zwischen dem Patienten und seinem Arzt akzeptiert wissen. Ohne Paragrafen, Verfahrensvorschriften und am Ende gar einer Gebührenziffer.

Was bedeutet das für Sterbehilfevereine und ähnliche Organisationen, die der Bundestag offenbar mehrheitlich verboten wissen will?

„Organisiertheit“ als solches ist ein problematisches Kriterium. Davon wäre wohl auch der Onkologe erfasst, der in zehn Jahren drei seiner Krebspatienten beim Suizid hilft. Man muss es also auf anderem Weg ausschließen, dass Einzelne oder Organisationen beim Todeswunsch eines Patienten nicht lebensorientiert beraten, seine Selbstbestimmtheit nicht sorgfältig genug prüfen und daraus womöglich finanzielle Vorteile ziehen.

Lesen Sie im nächsten Abschnitt, welche konkreten Empfehlungen der Deutsche Ethikrat ausspricht.

Welchen Weg empfiehlt der Ethikrat?

Der Staat muss nicht sein schärfstes Schwert schwingen, das Strafrecht. Das Öffentliche Recht wäre der richtige Ort, einem Missbrauch vorzubeugen. Aber im Detail müssen wir das noch prüfen.

Warnende Stimmen sagen, wenn der Suizid erst einmal als eine von mehreren Möglichkeiten etabliert ist, mit schwerer Krankheit umzugehen, dann wächst der Druck auf Patienten und beraubt ihn am Ende seiner Selbstbestimmung statt sie zu sichern.

Diese Gefahr sehen wir durchaus. Sie besteht vor allem dann, wenn per Gesetz Normalfälle definiert werden - also wer darf wann unter welchen Umständen Beihilfe zum Suizid leisten? Besser wären gezielte Verbote statt definierte Erlaubnisse. Sollte in der Gesellschaft dennoch eine Mentalität um sich greifen, die Suizid als „normalen Ausweg“ versteht, kann man immer noch eingreifen. Ich halte aber das ärztliche Ethos zugunsten des Lebens für so stark und den Lebenswunsch von Menschen für so archaisch-manifest, dass ich keine Suizidwelle auf uns zurollen sehe.

Dabei braucht man für Gefahren-Szenarien doch nur ins Ausland schauen, etwa in die Niederlande mit ihrer Freigabe der Tötung auf Verlangen oder in die USA. Zwei Experten aus diesen Ländern werden nächste Woche auf einem Kongress in Köln auftreten. Welchen Akzent setzen Sie als Veranstalterin mit Ihrer Auswahl der beiden Referenten?

Gary Rodin aus den USA hat als psycho-sozialer Onkologe und Palliativ-Mediziner Methoden entwickelt, die den Lebenswillen von Krebspatienten aktivieren und depressive Phasen, in denen sie womöglich an Selbsttötung denken, überwinden helfen. Er konnte zeigen, dass sich das Gefühl für den Wert und den Sinn des Lebens deutlich steigern lässt. Das finde ich spannend.

Was interessiert Sie bei dem Palliativ-Mediziner Hans van Delden aus Utrecht?

Er sieht die Situation in den Niederlanden nach intensivem Studium kritisch. Wo Tötung auf Verlangen erlaubt ist, wird die Beihilfe zum Suizid kaum diskutiert. Es ist wohl so, dass Patienten die Verantwortung lieber an den Arzt delegieren.

Nachvollziehbar, oder?

Aber ethisch bedenklich. Wenn wir schon auf die „Selbstbestimmung“ pochen, dann sollte der Einzelne seinen Wunsch zu sterben, auch selbstbestimmt realisieren. Wer die todbringende Handlung ausführt, übernimmt schließlich auch die Verantwortung dafür. Wir wollen aber zusammen mit van Delden herausarbeiten, dass es in Deutschland beim assistierten Suizid um etwas ganz anderes geht als um Tötung auf Verlangen. Beides lässt sich übrigens sehr gut und trennscharf gegeneinander abgrenzen, so dass ich auch keine Gefahr eines Dammbruchs sehe, wenn die Bundesärztekammer in Deutschland beim assistierten Suizid die ärztliche Gewissensentscheidung akzeptiert.

Das Gespräch führte Joachim Frank

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