Neuer Inhalt
Berliner Zeitung | Facebook-Post: Die bewegende Geschichte vom Besuch in Clausnitz
22. February 2016
http://www.berliner-zeitung.de/23610790
©

Facebook-Post: Die bewegende Geschichte vom Besuch in Clausnitz

1490A800B24EC29E

Beschmiertes Ortsschild von Clausnitz

Foto:

dpa

Im Internet gibt es unzählige Geschichten. Oft weiß man nicht, ob sie stimmen. Aber man weiß, ob sie einen ansprechen. Ob sie einen bewegen.

Ich kenne Karlo Tobler nicht. Ich weiß nicht, ob er wirklich so heißt – oder ob er sich, wie so viele im Internet, einfach einen anderen Namen gegeben hat. Und ich kann das, was er zu erzählen hat, auf die Schnelle nicht überprüfen. Was ich aber sehe: Was er schreibt, trifft einen Nerv – und wird deshalb auf Facebook von Tausenden geteilt.

„Heute morgen um halb zehn bin ich nach Clausnitz gefahren. Ich wollte mir gerne selber ein Bild machen und außerdem hatte ich die naive Vorstellung, ich könne vielleicht dem Jungen aus dem Bus eine Tafel Schokolade schenken“, schreibt er. Clausnitz also, der Ort in Sachsen, wo ein Mob gegen einen Bus mit Asyl-Bewerbern wütete. Und der Junge, der von einem Polizisten recht rabiat gepackt und aus dem Bus gezerrt wurde.

Heute morgen um halb zehn bin ich nach Clausnitz gefahren. Ich wollte mir gerne selber ein Bild machen und außerdem...

Posted by Karlo Tobler on Sonntag, 21. Februar 2016

Beeindruckend ist schon die Beschreibung des Weges von Dresden nach Clausnitz „mitten hindurch durch die osterzgebirgische Provinz, wo das Handynetz immer schwächer wird und wo der Deutschlandfunk im Autoradio, der über das brennende Heim in Bautzen berichtet, sich irgendwann den tschechischen Frequenzen beugt. Die Gegend ist einsam, autoleer, menschenleer an diesem verhangenen Sonntag“, schreibt der Autor des Facebook-Posts. Und weiter: „Dies ist offensichtlich eine Gegend mit zweifelhafter Zukunft, ein Landstrich, der von den Menschen verlassen wird. Sächsische Wirtschaftsflüchtlinge.“ Dann Clausnitz, das Flüchtlingsheim, die Begegnung.

Karlo Tobler schreibt: „In den Wohnhäusern, die am Freitag Berühmtheit erlangten, sind die Jalousien unten, trotzdem erkennt man Bewegung dahinter. Kein Mensch ist zu sehen, keiner hält mich auf, als ich ratlos vor dem Haus parke, aussteige und – was bleibt mir denn? – einfach bei der ersten Wohnung unten rechts klingele. Und dann passiert etwas Seltsames: Der Türsummer wird gedrückt und ich trete zögernd in ein enges Treppenhaus. Auf dem ersten Absatz steht ein Junge und schaut neugierig. Ich bin so perplex, dass ich ihm als erstes Schokolade anbiete.“

Autor mit Selbstironie

Dem Autoren fehlt es nicht an Selbstironie: „Das ist jetzt natürlich einer der absoluten Tiefpunkte in meinem Leben. Als seltsamer Onkel in der sächsischen Provinz bei Fremden klingeln und kleinen Jungs Schokolade anbieten. Wer braucht da noch Nazis? Ob er nicht der Junge aus dem Bus sei? Bist Du Luai Khatum? Da strahlt er über das ganze Gesicht ruft seine Mutter und weitere Verwandte, die sich nun auch an der Tür versammeln. Luai ist der King, er hat sein Bild im Internet gesehen und ist auf verlegene Weise stolz.“

Tobler sinniert darüber, wie Integration wohl funktioniert in einer Gegend, die verödet, wo selbst der nächste Discounter zehn Kilometer weit weg ist. Und er glaubt, dass es trotzdem funktionieren würde – „wenn man willkommen wäre“.

Was aus Toblers Sicht bleibt: die Ratlosigkeit. Und die Erkenntnis, dass der Junge keine Schokolade möge, aber dafür Kekse.

Der Beitrag wird nicht nur Tausende Male auf Facebook geteilt, sondern auch viel kommentiert. Häufig ist der Kommentar ein einfaches „Danke“. Der Autor selbst schreibt auf Facebook, er sei ziemlich überfahren davon, wie viel Wirbel sein kleiner Bericht ausgelöst habe. Und nutzt die Aufmerksamkeit, um für die Aktion „Dresden für alle“ zu werben.


  • Nachrichten
  • Panorama
Newsticker