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Fall des Mädchens aus Berlin-Marzahn: Kreml wirft Deutschland Vertuschung vor

Der russische Außenminister Sergej Lawrow bei der Pressekonferenz am 26. Janurar 2016.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow bei der Pressekonferenz am 26. Janurar 2016.

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REUTERS

Der Fall der angeblich vergewaltigten 13-Jährigen aus Berlin hat nun die Diplomatie erreicht. Russlands Außenminister Sergej Lawrow kritisierte am Dienstag in seiner Jahrespressekonferenz die deutschen Behörden scharf und warf ihnen Vertuschung vor.

Die Nachricht vom Verschwinden „unseres Mädchens“ sei „aus irgendwelchen Gründen sehr lange geheim gehalten worden“, sagte er. „Es ist klar, dass sie nicht freiwillig für 30 Stunden verschwand.“ Man befinde sich im Kontakt mit dem Anwalt der Familie. „Wahrheit und Gerechtigkeit müssen triumphieren“, so Lawrow. Er warnte davor, „die Probleme der Migration unter den Teppich zu kehren“ und sprach von „Versuchen, die Wirklichkeit politisch korrekt zu lackieren“.

Lawrow zog trotzdem eine positive Bilanz der deutsch-russischen Beziehungen. Er widersprach dem Eindruck, dass sie sich in einer Krise befänden. Vielmehr lobte der Minister die wichtige Rolle Deutschlands beim Zusammenhalt der EU. Es gebe in der Union leider eine „aktiv-aggressive Minderheit von EU-Mitgliedern“, sagte Lawrow, doch versuche Deutschland mäßigend auf diese einzuwirken. „Wir schätzen diese Anstrengungen.“

Deutsche Außenpolitiker sind irritiert

Russische Medien hatten ausführlich von der angeblichen Entführung und Vergewaltigung der 13-jährigen Russlanddeutschen Lisa F. berichtet und damit den Unmut in der russisch-stämmigen Gemeinschaft angefeuert. Lawrow vermied indes das Wort Vergewaltigung. Es war das erste Mal, dass der Minister den Fall ansprach, und er tat das ungefragt, von sich aus.

Vergangene Woche hatte bereits ein Sprecher der russischen Botschaft in Berlin den Fall kommentiert. „Wir sind verständlicher Weise äußerst beunruhigt von dem Vorgang, schließlich handelt es sich um eine Familie von Landsleuten und Bürgern Russlands“, sagte Sergej Beljajew der Nachrichtenagentur Ria Novosti.

Deutsche Außenpolitiker reagierten irritiert auf Lawrows Äußerungen. Das Auswärtige Amt wollte diese auch auf Anfrage nicht kommentieren. Die Berliner Bundestagsabgeordnete und SPD-Obfrau im Ausschuss für Krisenprävention, Ute Finckh-Krämer, wies die Anschuldigungen zurück. „Niemand, auch nicht der russische Außenminister, kann aus 2?000 Kilometern Entfernung die Gründe dafür einschätzen, warum ein junges Mädchen von zu Hause verschwindet“, sagte sie dieser Zeitung. „Die Aufklärung des Falls liegt jetzt in der Verantwortung der Berliner Polizei, und ich habe volles Vertrauen in deren Arbeit.“

Ermittlungen gegen zwei Männer

Dass Lawrow sich zu dem Fall geäußert hat, habe auch sie überrascht, sagte die Außenpolitikerin. „Eine mögliche Erklärung wäre, dass die russische Regierung versucht, ihre Deutungshoheit über die russischsprachige Community in Deutschland zu wahren und deren Ängste aufgreift, um ihre Autorität auch im Vergleich zu den deutschen Behörden zu stärken“, sagte Finckh-Krämer.

Am Dienstag wurde bekannt, dass die Berliner Staatsanwaltschaft gegen zwei junge Männer ermittelt. Sie sind 20 Jahre alt, wurden in Berlin geboren und haben türkische Wurzeln. Die beiden Männer kennen das Kind seit geraumer Zeit, so Polizei und Staatsanwaltschaft. Sie haben vor der angeblichen Entführung zusammen Zeit miteinander verbracht. Mittlerweile gehen die Ermittler davon aus, dass das Mädchen vor seinem Verschwinden einvernehmlich sexuellen Kontakt mit den beiden jungen Männern hatte. „Wir wissen nicht, was nach der Zeit des Verschwindens passiert ist“, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner der Berliner Zeitung. (mit ls.)


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