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Flucht übers Mittelmeer: Allein 2017 sind schon fast 1000 Menschen ertrunken

Sea Eye Senotrettung Flüchtlinge

Die Mannschaft der „Sea Eye“ rettet in Seenot geratene Flüchtlinge.

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dpa

Berlin -

Sie ist wieder unterwegs. Die „Sea Eye“, ein leuchtend grün gestrichener ehemaliger Fischkutter von der Insel Rügen, lag in der vergangenen Woche auf Malta vor Anker, an diesem Wochenende hält sie wieder vor der libyschen Küste Ausschau nach Flüchtlingen, die in Seenot sind und Hilfe brauchen. Wird ein Boot gesichtet, schickt die „Sea Eye“ zwei Schlauchboote los, mit jeweils drei Helfern an Bord.

Sie versorgen die Verzweifelten mit Schwimmwesten und Wasser, selbst bergen können und wollen sie nicht, dafür ist der Kutter zu klein. Die „Sea Eye“ setzt einen Funkspruch an die zentrale Leitstelle des italienischen Militärs in Rom ab, die alle Rettungseinsätze auf dem Mittelmeer koordiniert und größere Schiffe schickt, die in der Nähe sind und die Menschen aufnehmen können.

8000 Menschen mussten geborgen werden

Am vergangenen Wochenende war die Lage dramatisch. 970 Menschen retteten allein die freiwilligen Helfer des in Regensburg ansässigen Vereins „Sea Eye“ an den Osterfeiertagen, aus völlig überfüllten, seeuntauglichen Booten. Das Meer war ruhig, sodass Tausende die Überfahrt wagten. Doch dann kam schwere See, mehr als 8000 Menschen wurden geborgen, so die Internationale Organisation für Migration (IOM). Ein neuer trauriger Rekord, der auch die Rettungskräfte an die Grenzen brachte.

Zwei deutsche private Schiffe,  die „Sea Eye“ und die „Iuventa“ der Organisation Jugend rettet, sahen sich gezwungen, von ihrer üblichen Praxis abzuweichen und Hunderte Menschen an Bord zu holen, weil diese sonst ertrunken wären. Für mindestens zehn kam trotzdem jede Hilfe zu spät. Die beiden Schiffe gerieten schließlich sogar selbst in Seenot und waren ihrerseits auf Hilfe angewiesen – das hat die Debatte um Sinn und Unsinn von privater Seenotrettung erneut angefacht.

Dass sich die Situation in den nächsten Wochen entspannen wird, ist nicht zu erwarten, im Gegenteil. In diesem Jahr gab es selbst in den Wintermonaten kaum Entwarnung, fast 37.000 Menschen sind bereits über die sogenannte zentrale Mittelmeerroute von Libyen nach Italien gelangt, nahezu doppelt so viele wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Hilfsorganisationen und die Vereinten Nationen sehen die Ursache vor allem darin, dass die Balkanroute seit gut einem Jahr abgeriegelt ist.

2017 allein ertranken fast 1000 Flüchtlinge

Im zerfallenden Libyen allein sollen nach UN-Schätzungen mehrere Hunderttausend Menschen auf ihre Chance warten. Es gibt dort kaum Kontrollen, das Schlepperwesen ist seit Jahren höchst einträglich und immer besser organisiert, und sowohl die Terrororganisation Islamischer Staat als auch amtliche Stellen verdienen kräftig mit an dem blühenden Geschäft. Allein in diesem Jahr ertranken bereits fast 1000 Menschen im Mittelmeer, davon fast 900 auf dem Weg nach Italien, und das sind nur die bekannten Fälle.

Einmal mehr fordern die Vereinten Nationen deshalb, endlich legale Fluchtwege und Einreisemöglichkeiten zu schaffen. Die Würde und die Menschenrechte von Menschen müssten gewahrt bleiben, verlangt William Swing, Generaldirektor der IOM mit Sitz in Genf. Die Grünen-Chefin Simone Peter warnt, die zivilen Einsatzkräfte seien durch den Dauereinsatz auf hoher See am Rande ihrer Leistungsfähigkeit. „Frontex und die EU müssen umgehend Soforthilfe leisten, um weitere Tote zu verhindern“, fordert sie.

Frontex erhebt Vorwürfe gegen NGOs

Frontex allerdings, die europäische Grenzschutzagentur, erhebt immer wieder schwere Vorwürfe gegen die privaten Hilfsinitiativen. Fabrice Leggeri, der Chef von Frontex, macht sie dafür mitverantwortlich, dass mehr Flüchtlinge die gefährliche Reise antreten. Durch ihr Engagement ermutigten sie die Schlepper, noch mehr Menschen auf die Boote zu pferchen, weil diese ja wüssten, dass sie sehr wahrscheinlich gerettet werden.

Die NGOs weisen das empört zurück. „Wir werden damit zur Fluchtursache gemacht, das ist pervers“, sagt Hans-Peter Buschheuer, der Sprecher von „Sea Eye“ dieser Zeitung. „Selbstverständlich wollen wir nicht die Fluchtbewegungen verstärken.“

Dass auch Frontex politisch unter Druck steht und diesen Druck weitergibt, dafür hat auch Buschheuer Verständnis. „Nur, was passiert denn, wenn wir nicht da wären? Dann ertrinken die Leute einfach, denn die Schlepper werden ihnen immer eine sichere Überfahrt versprechen.“ Es sei auch keine Lösung, einfach eine „Mauer“ vor Libyen zu errichten.

Seerettungsmission Mare Nostrum wurde 2015 eingestellt

Ihr Engagement begreifen die freiwilligen Helfer von „Sea Eye“ als ein rein humanitäres, nicht als politisches. Gegründet wurde der Verein im Jahr 2015 als Reaktion darauf, dass Italien wegen mangelnder finanzieller Unterstützung der anderen EU-Staaten die Seerettungsmission Mare Nostrum eingestellt hatte. Auch sie wurde immer wieder kritisiert, weil sie die Fluchtbewegung angeblich verstärke.

Selbst EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker musste aber schließlich eingestehen: „Es war ein schwerer Fehler, Mare Nostrum einzustellen, das hat Menschenleben gekostet.“ Die Frontex-Nachfolgemission Triton war anfangs weit weniger gut ausgestattet.

Derzeit sind ein Dutzend private Schiffe von deutschen und internationalen NGOs vor der libyschen Küste im Einsatz. Bereits 40 Prozent der Rettungseinsätze, das sagt auch Frontex-Chef Leggeri, würden von Nichtregierungsorganisationen geleistet. Mitte Mai wird ein weiteres hinzukommen, dann sticht auch die „Seefuchs“, ebenfalls ein ehemaliger Fischkutter, vom Verein „Sea Eye“ in See.


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