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Flüchtlinge finden immer neue Wege

Die Tankstelle gegenüber vom Hotel Hara wird gerade von Flüchtlingen blockiert

Die Tankstelle gegenüber vom Hotel Hara wird gerade von Flüchtlingen blockiert. Statt Benzin werden hier nun  Zelte, Daunenjacken und Benzinkocher verkauft.

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Getty Images/Matt Cardy

Gevgelija -

Das Ramada-Plaza-Hotel in Gevgelija ist ein protziger Dom aus Glas und Marmor, der aussieht, als hätte ein osteuropäischer Zuhälter die Idee gehabt, Las Vegas an die mazedonisch-griechische Grenze zu verlegen. Es gibt verschnörkelte Säulen, dicke Teppiche, Kronleuchter aus Plastik, Wandbilder mit griechischen Gottheiten und fünf Meter breite, weiße Kunstledersofas. Im Hotel befindet sich auch das riesige Princess-Casino, und der Roomservice soll, so hört man, die Vermittlung von attraktiven Damen aus der Ukraine und Weißrussland umfassen. Entsprechend weltläufig erscheint die Kundschaft, die des Abends über die polierten Böden schlurft: Männer in Adidas-Trainingshosen und Lederjacken, Frauen mit Stiletto-Absätzen und paillettenbesetzten Miniröcken.

In der Hotelbar sitzt ein Mann auf einem der weißen Kunstledersofas. Er wirkt sympathisch, trägt eine randlose Brille, eine dunkle Goretex-Jacke, Bluejeans und spricht ein gepflegtes Englisch. Es gab in den Tagen zuvor zwei kurze Telefonate mit ihm, dann schlug er diesen Ort als Treffpunkt vor. Der Mann ist Schleuser, er bringt Flüchtlinge für viel Geld über Grenzen, die eigentlich geschlossen sind. In einem Facebook-Forum hatte er einen Beitrag gepostet, in dem in arabischer und englischer Sprache stand: „Neue Routen Griechenland–Italien, wir bringen Sie an Ihr Ziel, Kein Risiko!!, Bezahlung nach sicherer Ankunft, Erwachsene 2 500 Euro, Kinder ab 10 Jahre 1 000 Euro. Gehen Sie kein Risiko ein für sich und Ihre Familie!“

Mit Drogenkurier über die Adria

Er nickt kurz zur Begrüßung. Sein Name sei unwichtig, sagt er, aber dass die Handys ausgeschaltet sind, das sei wichtig. Es soll in diesem Gespräch unter anderem um die Frage gehen, was von dem Abkommen zu halten ist, auf das sich die Europäische Union und die Türkei gerade geeinigt haben. Dieses Abkommen sieht vor, Flüchtlinge künftig auf legalem Weg nach Europa kommen zu lassen und Schleusern somit das Handwerk zu legen. „Ist Ihr Geschäft jetzt erledigt?“ Der Mann ohne Namen lächelt. Er sagt: „Das sind schöne Märchen, die da erzählt werden.“ Dann stellt er selbst erstmal ein paar Fragen, will den Pass und den Presseausweis sehen. Schließlich sagt er: „Und warum sollte ich Ihnen von meiner Arbeit erzählen?“

In Idomeni legen sich Flüchtlinge aus Protest gegen die drohende Räumung des Lagers auf die Gleise.

In Idomeni legen sich Flüchtlinge aus Protest gegen die drohende Räumung des Lagers auf die Gleise.

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AP/LOUISA GOULIAMAKI

Das ist eine berechtigte Frage. „Sie sind gekommen, also wird es einen Grund geben.“ Der Mann lächelt erneut. Er lässt sich ein wenig aus über die gesamtpolitische Lage, die dazu geführt habe, dass „diese armen Menschen an geschlossenen Grenzen sitzen und nicht weiterkommen“. Sieht er sich als Retter? Der Mann überlegt. „Ach, wissen Sie“, sagt er schließlich, „es gibt viele schlechte Menschen in unserer Branche, die nehmen Geld und überlassen die Flüchtlinge ihrem Schicksal. Ich arbeite seriös, zuverlässig. Bei mir muss nur der bezahlen, der sein Ziel sicher erreicht.“ Es scheint so, als hielte er sich wirklich für einen von den Guten.

Der Mann bekommt Mineralwasser serviert. Er rührt mit einem Löffel im Glas herum, sieht den Blasen zu, die in die Höhe steigen. „Wenn man einen Fluss staut“, sagt er, „sucht sich das Wasser neue Wege.“ Genau so sei es mit der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland und mit allen anderen Grenzen, die jetzt geschlossen wurden. „Die Realität ist, dass die Europäer keine Flüchtlinge mehr wollen. Sie geben den Türken viel Geld dafür, ihnen die Probleme vom Hals zu schaffen. Aber die Flüchtlinge, die wollen nicht in den Lagern in der Türkei verfaulen, die wollen nach Deutschland.“

Und was ist mit dem Schleuserweg über Albanien, über den jetzt so viel spekuliert wird, seit die Balkanroute dicht ist? Es wird erzählt von Komplettangeboten, die einen Bustransfer von Griechenland bis Albanien beinhalten. Von den Stränden zwischen Durres und Vlore aus soll es mit Gummibooten über die an dieser Stelle gerade mal 80 Kilometer breite Adria nach Apulien gehen. Italiens Innenminister Angelino Affano befürchtet sogar, die Adria-Route könnte die Balkanroute ablösen; seitdem wird die Küste verstärkt bewacht. Der Transfer über das Wasser soll von albanischen Drogenkurieren erledigt werden, die in kleinen, sehr schnellen Booten unterwegs sind, die vom Radar der Küstenwache nicht erfasst werden können.

Verschärfte-Grenzenkontrollen_Grafik

Der Mann ohne Namen trinkt sein Mineralwasser in einem Zug aus. „Na, Sie scheinen ja schon alles zu wissen“, sagt er. Dann steht er plötzlich auf, erwähnt den finanziellen Aufwand und das Risiko, das er eingeht, wenn er sich von einem Journalisten in die Karten schauen lässt. Er überlegt. „Ich melde mich“, sagt er und verschwindet.

Einen Tag später ruft der Mann ohne Namen an. „Tausend Euro Vorkasse für Informationen“, sagt er. Dann legt er auf.

Das Ramada Plaza ist etwa einen Kilometer Luftlinie vom Flüchtlingslager Idomeni entfernt. Dazwischen liegt die mazedonisch-griechische Grenzstation Gevgelija, ein Niemandsland aus verwittertem Beton, in dem sich Duty-free-Shops, Casinos und Tankstellen angesiedelt haben. Auf griechischer Seite kommt nach zwei Kilometern die Ortschaft Evzoni, dort gibt es das Hotel Hara, von dem es heißt, es sei der Treffpunkt der kleinen Schleuser. So nennt man die Leute, die hier wohnen, die in der Umgebung die Straßen, Waldwege und Gebirgspfade kennen. Sie bringen Flüchtlinge angeblich für 400 Euro pro Person nach Mazedonien.

Die kleinen Schleuser sind keine Profis, sie sind eigentlich Gemüsehändler und Autoklempner, sie machen das mit der Schlepperei so nebenbei. Sie wären nicht in der Lage, Fahrzeuge, Unterkünfte, Verpflegung und gefälschte Pässe zu organisieren, wie ihre hauptberuflichen Kollegen im Ramada Plaza das für die langen Routen tun. Aber auch ihr Geschäft scheint gut zu laufen, weil die Tarife erschwinglich sind.

Das Hotel Hara ist ein schmuckloser Flachbau neben einer Tankstelle, die von Flüchtlingszelten umringt ist. Der Tankstellenbetreiber, ein dicker Mann mit Glatze, kann gerade kein Benzin verkaufen, weil die Flüchtlinge die Fahrbahn versperren. Dafür bietet er nun Zelte, Daunenjacken, Wanderschuhe, Benzinkocher und Fertigsuppen an. Seine Tankstelle sieht aus wie ein Outdoor-Laden. Auf die Frage, wo denn die Reisen nach Mazedonien angeboten werden, zeigt er wortlos auf das Hotel.

Vor der Terrasse des Hotels stehen Obstverkäufer, die von rostigen Pick-ups Bananen und Äpfel verkaufen, Taxifahrer warten rauchend auf Kundschaft, daneben sind ein paar Autos geparkt, die etwas zu teuer für diese Gegend erscheinen. Drinnen im Hotelrestaurant sind die Vorhänge zugezogen, die Luft ist stickig, es riecht nach Bratfett und Zigarettenqualm. Im hinteren Teil des Raums stehen mehrere Tische, an denen Männer sitzen, rauchen und warten. Andere Männer führen Flüchtlinge herein. Frauen und Kinder bleiben am Eingang zurück, Familienväter führen Gespräche. Dann gehen die Familienväter wieder nach draußen, beraten sich mit den Ihren.

Das alles wirkt unschuldig und geschäftig, und wenn man nicht wüsste, um welche Art von Geschäften es geht, würde man das alles nicht weiter bemerkenswert finden. Nebenbei wird Tee serviert, läuft ein Zeichentrickfilm im Fernsehen, rufen die Kellner Essensbestellungen in die Küche, werden Kleinkinder gestillt. Später zählen Familienväter Geld, ihre Frauen sehen sorgenvoll dabei zu, Kinder stecken Würfelzucker in den Mund und sehen zufrieden aus.

Zum Bruder nach Deutschland

Einer der Familienväter heißt Sedat, kommt aus einem Vorort von Aleppo und muss nun wahrscheinlich eine wichtige Entscheidung treffen. Seit zwei Monaten ist er mit seiner Frau und den beiden Töchtern unterwegs. Sie kamen über die Türkei zur griechischen Insel Samos, von dort ging es über den Hafen von Piräus bis an die Tankstelle von Evzoni. Sedats Tochter Fida, die etwas Englisch spricht, übersetzt für ihren Vater. Er sagt, sein Bruder sei bereits in Deutschland, zu ihm wollen sie so schnell wie möglich. Als das Gespräch darauf kommt, wie sie denn nun aber die Grenze nach Mazedonien überwinden wollen, verdunkelt sich das Gesicht des Vaters. „Inschallah“, sagt er, es ist klar, dass er zu diesem Thema nichts mehr sagen wird.

Einer der Taxifahrer, die vor dem Hotel Hara warten, erzählt später, dass die Tarife für die Schleusung nach Mazedonien gerade steigen: „Immer mehr wollen jetzt schnell rüber, weil sie Angst haben, in die Türkei gebracht zu werden.“ Im griechischen Rundfunk wird später berichtet, knapp hundert Menschen hätten in der Nacht von Sonntag auf Montag in der Nähe von Elvo Nero, 30 Kilometer westlich von Idomeni, die Grenze nach Mazedonien illegal überquert. In derselben Nacht sollen an anderen Orten ebenfalls Dutzende Flüchtlinge durchgekommen sein.

Auch die Schleuser in der Ägäis schaffen es offenbar erfolgreich, den Nato-Schiffen auszuweichen. Die Flüchtlingsboote suchten sich ihre Routen danach aus, wie der Nato-Verband mit seinen Schiffen aufgestellt sei, sagt Nato-Kommandeur Jörg Klein im Fernsehen. „Wenn wir da sind, wirkt das. Aber die Schleuser sind sehr flexibel und verlagern ihre Schwerpunkte.“ Es geschieht also genau das, was der Mann ohne Namen im Ramada Plaza gesagt hat: Das Wasser sucht sich neue Wege.


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