Gaddafi ist tot - doch welchen Weg hat Libyen jetzt vor sich? Foto: dapd
Gaddafi ist tot - doch welchen Weg hat Libyen jetzt vor sich? Foto: dapd
Wie sich Gaddafi 41 Jahre lang an der Macht gehalten hat, schildert unser Autor Thomas Schmid. Jetzt schlägt in Libyen die Stunde der Wahrheit.
Er hat sein Wort gehalten. Eher werde er als Märtyrer auf heimatlichem Boden sterben, als ins Ausland flüchten, hatte Muammar al-Gaddafi immer wieder getönt. Er scheint, wie angedroht, buchstäblich bis zum letzten Blutstropfen gekämpft zu haben. Am Donnerstag wurde der „Bruder Führer“ oder der „König der Könige Afrikas“, wie er sich mitunter zu betiteln pflegte, bei Kämpfen in Sirte, seiner libyschen Heimatstadt und letzten Bastion, getötet. „Wir verkünden der Welt, dass Gaddafi durch die Hände der Revolution getötet wurde. Das ist ein historischer Moment, es ist das Ende der Tyrannei und der Diktatur.“ So meldete es am Nachmittag der Libysche Übergangsrat, nachdem zunächst von der Verhaftung des Diktators die Rede gewesen war. Offen blieb zu dieser Zeit noch, ob Gaddafi verwundet gefangen genommen wurde und später seinen Verletzungen erlegen ist, ob er eventuell einem Racheakt zum Opfer fiel oder er tatsächlich im Kampf gefallen ist. Einiges spricht dafür, dass ein Fahrzeugkonvoi mit Muammar al-Gaddafi von Flugzeugen der Nato beschossen wurde, als er sich aus Sirte entfernte.
So unklar die genauem Umstände seines Todes im Moment noch seien mögen, eines ist sicher: In Libyen ist eine Epoche zu Ende gegangen. Der italienische Regierungschef Silvio Berlusconi, in Gaddafis besseren Zeiten einer seiner engsten Vertrauten, fand schnell die ihm gemäßen Worte für den Abgang des Tyrannen: „Sic transit gloria mundi“, ließ er verlauten. So vergeht der Ruhm der Welt.
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Zweiundvierzig Jahre lang hatte sich Gaddafi an der Macht gehalten und sich bis zuletzt an sie geklammert. Er gehörte mit Saddam Hussein und Hafiz al-Assad, dem Vater des heutigen Präsident Syriens, zu den wichtigsten Exponenten einer panarabischen Emanzipationsbewegung, deren prominentester Führer Gamal Abdel Nasser gewesen ist. Der antikoloniale Aufbruch in der arabischen Welt nach dem Zweiten Weltkrieg mündete aber letztlich in der Herrschaft von Autokraten. Und Gaddafi war nicht nur einer der bizarrsten, sondern auch der totalitärsten, wenn das Adjektiv denn überhaupt eine Steigerung zulässt.
"Ich hoffe, dass die Menschen in Libyen nach Jahrzehnten der Diktatur ein neues demokratisches Kapitel aufschlagen können": Außenminister Guido Westerwelle (FDP).
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Der britische Premierminister David Cameron hat dem libyschen Volk nach der Nachricht vom Tod von Muammar al-Gaddafi weiter Unterstützung zugesagt. Die Menschen in Libyen hätten nun eine noch größere Chance, sich eine Zukunft aufzubauen, sagte Cameron am Donnerstag in London. Dabei werde man mit ihnen zusammenarbeiten und sie unterstützen. „Ich bin stolz auf die Rolle, die Großbritannien dabei gespielt hat“, sagte er mit Blick auf den Sturz des Gaddafi-Regimes. Cameron erinnerte zugleich an dessen Opfer.
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„Sic transit gloria mundi“ - so vergeht der Ruhm der Welt. Mit diesen Worten reagierte der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi am Donnerstag auf die Berichte über den Tod seines einstigen Freundes Muammar Gaddafi. Er fügte hinzu: „Jetzt ist der Krieg vorbei.“.
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Auch der Vorsitzende des Übergangsrates, Mahmud Dschibril, hat den Tod des langjährigen Machthabers Muammar Gaddafi bestätigt. Jetzt sei es an der Zeit, ein neues, einiges Libyen zu schaffen, sagte Dschibril am Donnerstag in Tripolis.
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Die EU sieht „ein Ende der Ära von Gewaltherrschaft und Unterdrückung, unter der das libysche Volk zu lange gelitten hat“. In einer Erklärung von EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy und EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso vom Donnerstag heißt es: „Heute kann Libyen eine neue Seite in seiner Geschichte aufschlagen und eine neue demokratische Zukunft beginnen.“
Die politische EU-Spitze forderte den Nationalen Übergangsrat Libyens auf, einen „breit angelegten Prozess der Aussöhnung“ einzuleiten. Dieser müsse sich an alle Libyer richten und einen „demokratischen, friedlichen und transparenten Übergang im Land ermöglichen“.
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Die Grünen hoffen nach Meldungen über den Tod des früheren libyschen Machthabers Muammar al Gaddafi auf ein rasches Ende des Bürgerkrieges in dem nordafrikanischen Land. Zugleich äußerte der Parlamentarische Fraktionsgeschäftsführer Volker Beck am Donnerstag die Hoffnung, dass „Racheakte von Gaddafis getreuen Schergen“ ausblieben.
Beck bedauerte, dass Gaddafi nicht mehr juristisch belangt werden könne. Es wäre gut gewesen, wenn er sich vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag für die von ihm verübten Verbrechen gegen die Menschlichkeit hätte verantworten müssen.
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Die SPD hat erleichtert auf Meldungen über den Tod des früheren libyschen Machthabers Muammar al Gaddafi reagiert. „Mit dem Ende Gaddafis ist endgültig der Weg frei für einen politischen Neuanfang in Libyen“, sagte SPD-Fraktionsvize Gernot Erler am Donnerstag in Berlin. „Leider ist mit Gaddafis Tod der Weg für eine juristische Aufarbeitung seiner Verbrechen nicht mehr möglich. Für die Opfer des alten Regimes wäre dies ein wichtiges Signal gewesen“, sagte der SPD-Politiker. Jetzt seien Deutschland und Europa besonders gefragt, dem Land solidarisch zur Seite zu stehen und beim Wiederaufbau zu helfen.
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Eine Handybild aus Sirte zeigt den blutüberströmten Muammar Gaddafi. Weitere Bilder des Getöteten zeigen wir aus Pietätsgründen nicht.
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Hier soll sich Gaddafi versteckt gehalten haben: Eine Betonröhre in Sirte.
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Rebellen vor Gaddafis Unterschlupf.
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Auch Gaddafis Sohn Mutassim soll bei den Gefechten getötet worden. „Wir haben seine Leiche gefunden“, sagte am Donnerstag Mohammed Leith in Sirte. Seine Leiche und die von Gaddafis früherem Verteidigungsminister Abu Baker Junis Dschabir seien mit einem Krankenwagen nach Misrata gebracht worden.
Der 1975 geborene Karrieresoldat und Arzt Mutassim war 2007 zum Chef des nationalen Sicherheitsrates berufen worden. Mutassim galt vor dem Beginn des Aufstandes in Libyen als der stärkste Konkurrent seines Bruders Seif el Islam um die Nachfolge an der Führungsspitze.
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Gaddafi-Gegner feiern auf den Straßen von Sirte.
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Rund acht Monate lang hatten sie gegen Gaddafis Truppen gekämpft.
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In Gaddafis Heimatstadt Sirte kam es bis zuletzt zu Gefechten.
"Wir verkünden der Welt, dass Gaddafi durch die Hände der Revolution getötet wurde. Das ist ein historischer Moment, es ist das Ende der Tyrannei und der Diktatur": Abdel Hafes Ghoga, Sprecher des libyschen Übergangsrates.
Achtzig Topmanager fragten beim Kanzler an, ob er sie mitnehmen würde, darunter Siemens, Wintershall, RWE, Bilfinger + Berger und Hochtief. Die Ursache für die Libyen-Begeisterung: Der Beginn des weltweiten Wettlaufs um den libyschen Markt nachdem die EU 2004 die Sanktionen gegen Libyen aufgehoben hatte, da sich das Land vom Terrorismus losgesagt hatte.
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Von besonderem Interesse ist seither das libysche Öl. Hier nimmt der damalige Bundeskanzler eine Ölprobe in der libyschen Wüste, nachdem er eine neue Erdöl-Bohrstelle der BASF-Tochter Wintershall in Betrieb genommen hat. Inzwischen ist Libyen der drittwichtigste Öllieferant für Deutschland.
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Vor Schröder hatte sich bereits der britische Staatschef Tony Blair mit Gaddafi getroffen. 2007 besuchte Blair den Diktator dann in seinem Wüstenzelt - und umarmte Gaddafi freundschaftlich. Der Brite freute sich, ihn verbinde mit Gaddafi "eine vertrauensvolle Beziehung". Ein Vertrauen, das sich auzahlte: Rechtzeitig zu Blairs Besuch konnte BP einen Deal im Wert von 660 Millionen Euro unterzeichnen.
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Noch eine bessere Beziehung zu Gaddafi pflegte der italienische Staatspräsident Silvio Berlusconi. Zwischen den beiden soll sich eine enge Freundschaft entwickelt haben - Berlusconi hat angeblich selbst den Begriff "Bunga Bunga" von Gaddafi übernommen.
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Ergebnis der Männerfreundschaft: Italien erhält begünstigten Zugang zu Öl und Gas, außerdem kooperiert Libyen bei der Eindämmung der illegalen Einwanderung. An Großunternehmen in Italien sind die Libyer stark beteiligt. Sanktionen gegen das Regime Gaddafi lehnt Berlusconi trotz hunderten Toten ab.
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Auch Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy bemühte sich intensiv um gute Beziehungen zu Libyens Diktator. 2007 lud Sarkozy den libyschen Machthaber in den Élysée-Palast ein.
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Während Gaddafis Staatsbesuch unterzeichneten die beiden Staaten Wirtschaftsverträge in einer Größenordnung von über zehn Milliarden Euro, darunter auch die Lieferung von Atomreaktoren aus Frankreich nach Libyen. Zudem bestellte Gaddafi 21 Airbus-Flugzeuge.
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Im November 2010 trafen auch Außenminister Gudio Westerwelle (FDP) und Gaddafi beim EU-Afrika-Gipfel in Libyens Hauptstadt Tripolis zusammen.
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Bei dem Treffen verlangten die Europäer eine umfassende Öffnung der afrikanischen Märkte für EU-Exporte.
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Als Gaddafi erstmals 2009 an einem G8-Gipfel teilnahm, ging auch US-Präsident Barack Obama auf den libyschen Machthaber zu. Als erster amerikanischer Präsident schüttelte Obama Gaddafis Hand. Ronald Reagan hatte Gaddafi noch als "verrückt" bezeichnet.
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Während der libyische Diktator zuvor wie ein Paria behandelt wurde, war er nun auch bei den G8-Treffen ein willkommener Gast - der großen Ölvorkommen im Land wegen.
Der libysche Ex-Machthaber Muammar Gaddafi ist nach Angaben der Übergangsregierung bei der Flucht aus seiner Heimatstadt Sirte tödlich verletzt worden. Zu Lebzeiten und vor dem Umsturz in seinem Land pflegte er beste Beziehungen nach Europa und Amerika. Ein Rückblick auf den einstigen "Lieblingsdiktator des Westens".
Empfang im Beduinenzelt: Im Oktober 2004 reiste Bundeskanzler Schröder als erster Kanzler zu Gaddafi. Schröders Mission war, die deutsch-libyschen Wirtschaftsbeziehungen zu verbessen - und die deutschen Unternehmen standen Schlange, um mitzukommen.
Jubelnde Rebellen nach der Einnahme von Sirte, der letzten Bastion des Gaddafi-Regimes, die am Donnerstag fiel. Foto: Reuters
Jubelnde Rebellen nach der Einnahme von Sirte, der letzten Bastion des Gaddafi-Regimes, die am Donnerstag fiel. Foto: Reuters
Wie kein anderer arabischer Diktator hat er die Zivilgesellschaft seines Landes vollständig zerstört. Gaddafi brauchte – im Unterschied zu Saddam Hussein, Mubarak oder Ben Ali – nicht einmal eine Regierungspartei, um seine Macht zu zementieren. Politische Organisationen waren in Libyen generell verboten. Nachdem die gesellschaftlichen Strukturen zerstört waren, rief Gaddafi Mitte der Siebzigerjahre die Massen zum Sturm auf den Staat auf. Er versprach, sämtliche Ministerien abzuschaffen. Etwa die Hälfte hat er dann doch belassen. In seiner Großen Sozialistischen Libysch-Arabischen Volks-Dschamhirija, wie das von ihm errichtete politische System offiziell hieß, sollte sich das Volk selbst regieren. Die lokalen staatlichen Verwaltungseinrichtungen wurden durch Volkskomitees ersetzt und das nationale Parlament durch einen Allgemeinen Volkskongress. Faktisch waren deren Entscheidungen von oben gesteuert. Alles wurde Maskerade. Am Schluss hatte Gaddafi gar kein Amt mehr inne, von dem er hätte zurücktreten können. In einem System des inneren Terrors besaß er die alleinige Macht.
Dem internationalen Terror hingegen, der Unterstützung und Durchführung terroristischer Aktionen im Ausland, hatte Gaddafi in den Neunzigerjahren abgeschworen. Als er dann auch noch auf die Produktion von Massenvernichtungsmitteln verzichtete, wurde er wieder in den Schoß der internationalen Gemeinschaft aufgenommen. Gerhard Schröder, Nicolas Sarkozy, Silvio Berlusconi – sie alle pilgerten nach Tripolis, um mit dem Herrscher über das libysche Öl Geschäfte zu machen, sie ließen sich ins Beduinenzelt des Revolutionsführers einladen und huldigten dem Diktator, der auf der Liste der weltweit geächteten Schurken jahrelang ganz oben gestanden hatte. Man muss davon ausgehen, dass der skrupellose Umgang der Europäer mit dem launischen Libyer angehalten hätte, wäre nicht im Dezember des vergangenen Jahres in Tunesien ein arbeitsloser Gemüsehändler an seinem Leben in dem Regime verzweifelt. Die Revolte, die seine Selbstverbrennung auflöste, griff erst auf Ägypten über und erreichte schließlich auch Libyen.
Dieses Handy-Foto zeigt angeblich den schwer verletzten Muammar al-Gaddafi nach seiner Gefangennahme.
Foto: Reuters
Dieses Handy-Foto zeigt angeblich den schwer verletzten Muammar al-Gaddafi nach seiner Gefangennahme.
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Der Aufstand begann in Bengasi. Die zweitgrößte Stadt konnte sich innerhalb von drei Tagen befreien, da Truppenteile zu den Rebellen überliefen. Etwa fünf Monate lang blieb Libyen faktisch zweigeteilt. In der im Osten des Landes gelegenen Region Cyrenaika hatten die Aufständischen die Macht übernommen, mit zum Teil dubiosem Führungspersonal. Ihr wichtigster Repräsentant, Abdul Dschalil, war noch drei Tage nach Beginn des Aufstandes Gaddafis Justizminister, während ihr Armeechef, der im Juli – vermutlich von islamistischen Kämpfern – erschossene Abdul Fatah Junis, in Tripolis noch das Innenministerium führte, als der Aufstand losbrach. In Tripolitanien, dem Westteil des Landes, konnten sich Gaddafis Truppen – abgesehen von der Hafenstadt Misrata und den Berbergebieten südlich von Tripolis – im Wesentlichen bis Mitte August halten.
Im August gelang den Rebellen mit Hilfe der Nato die Eroberung von Tripolis. Gaddafi floh. Es war die entscheidende Wende im Krieg. Danach ging es nur noch darum, die letzten Bastionen des alten Regimes, die Städte Ban Walid und Sirte, der Kontrolle von Gaddafis Spezialeinheiten zu entreißen. Ein Teil seiner Familie, seine Frau, zwei Söhne und eine Tochter, hatte sich da bereits nach Algerien abgesetzt, ein weiterer Sohn nach Niger. Zwei andere Söhne sind vermutlich bei den militärischen Auseinandersetzungen gefallen. Wo sich aber Muammar al-Gaddafi versteckte, das war zwei Monate lang, seit der Durchsuchung seiner dreifach ummauerten Residenz in Tripolis, ein Mysterium. Zuletzt wähnte man ihn unter dem Schutz von Tuareg-Rebellen im nigerisch-algerisch-libyschen Grenzgebiet.
Einige Tuareg-Stämme hielten ihm wohl bis zuletzt die Treue. Gaddafi hat schon zu Beginn der Siebzigerjahre Angehörige der Tuareg für seine „Islamische Legion“ rekrutiert, die eine wichtige Rolle bei einer Vereinigung und auch Arabisierung der Sahel-Zone spielen sollte. Es blieb ein Traum, genauso wie das Projekt einer panarabischen von Gaddafi geführten Staatengemeinschaft. Die islamischen Legionäre kamen dann vor allem zur Destabilisierung nicht willfähriger Staaten zum Einsatz, im Tschad, in Uganda, im Libanon. Noch drei Stunden vor der Nachricht von Gaddafis Tod warnte der Nationale Übergangsrat Libyens, der Diktator sei dabei, in Mali und anderen Staaten der Sahelzone Söldner zu rekrutieren, mit denen er sich an die Macht zurückkämpfen wolle.
Durst nach Rache
Nach der Eroberung von Sirte und dem Tod von Gaddafi wird der Übergangsrat die Befreiung ganz Libyens verkünden. Nun, da der Krieg beendet ist, schlägt die Stunde der Politik. Und man darf sich auf harte Auseinandersetzungen gefasst machen. Das Interregnum des Übergangsrats geht zu Ende. Vor allem die Islamisten, deren Truppen bei der Eroberung von Tripolis führend waren, werden Machtpositionen in einer neuen Regierung fordern. Ob sich die Wendehälse halten können, die in der Führung des Übergangsrats die wichtigsten Positionen einnehmen, ist mehr als fraglich.
Völlig ungewiss ist es, welche Rolle die Stämme spielen werden. Unter König Idris, der 1969 von Gaddafi gestürzt wurde, besaßen sie verbriefte Rechte. Gaddafi hatte sie zunächst entmachtet, später aber seine eigene Macht gerade auf Stämme aufgebaut. Er hat auch immer wieder Stämme gegeneinander ausgespielt, die einen – vor allem jene im Osten – vernachlässigt, andere – besonders seinen eigenen – bevorzugt. Möglicherweise wird man in einer Übergangsphase auf Stammesinteressen eine gewisse Rücksicht nehmen, um das Land wirklich zu befrieden. Auf lange Sicht stehen sie einer Demokratisierung entgegen.
Libyen steht vor riesigen Problemen. Das Land ist zerstört, nicht so sehr militärisch, sondern vor allem politisch und kulturell. Es gibt keine staatlichen Strukturen und noch keine öffentliche Debatte über die Zukunft des Landes. Was es gibt, das sind Menschen, deren Gehirne von der jahrelangen totalitären Diktatur vernebelt sind, Menschen, die nach Rache dürsten. Ein Herrschaftssystem ist zerbrochen, in dem der nationale Reichtum nach Regeln der Vetternwirtschaft verteilt und der Zugang zu Pfründen durch Loyalitäten erkauft wurde.
Libyen ist das reichste Land Afrikas. Das birgt Gefahren und bietet Chancen. Wird das Öl, das schon bald wieder so reichlich wie früher durch die Pipelines fließen wird, zu Verteilungskämpfen und damit zu politischen und tribalen Auseinandersetzungen führen oder wird es den Aufbau einer Demokratie, die der wirtschaftlichen Absicherung bedarf, erleichtern? Gaddafi ist tot. Die Leute werden es feiern. Das ist der Anfang.
Obama zeigt sich erleichtert
US-Präsident Barack Obama äußerte sich über den Tod Gaddafis erleichtert. Damit ende für das libysche Volk ein langes und schmerzvolles Kapitel. Die Libyer könnten nun ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Gleichzeitig laste auf dem Volk eine große Verantwortung, ein tolerantes und demokratisches Land aufzubauen. Die Nato-Einsatz in Libyen werde bald beendet werden, sagte Obama.
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