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Berliner Zeitung | Gaddafis Tod: Die Jagd ist zu Ende
21. October 2011
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Gaddafis Tod: Die Jagd ist zu Ende

Gaddafi ist tot - doch welchen Weg hat Libyen jetzt vor sich?

Gaddafi ist tot - doch welchen Weg hat Libyen jetzt vor sich?

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dapd

Er hat sein Wort gehalten. Eher werde er als Märtyrer auf heimatlichem Boden sterben, als ins Ausland flüchten, hatte Muammar al-Gaddafi immer wieder getönt. Er scheint, wie angedroht, buchstäblich bis zum letzten Blutstropfen gekämpft zu haben. Am Donnerstag wurde der „Bruder Führer“ oder der „König der Könige Afrikas“, wie er sich mitunter zu betiteln pflegte, bei Kämpfen in Sirte, seiner libyschen Heimatstadt und letzten Bastion, getötet. „Wir verkünden der Welt, dass Gaddafi durch die Hände der Revolution getötet wurde. Das ist ein historischer Moment, es ist das Ende der Tyrannei und der Diktatur.“ So meldete es am Nachmittag der Libysche Übergangsrat, nachdem zunächst von der Verhaftung des Diktators die Rede gewesen war. Offen blieb zu dieser Zeit noch, ob Gaddafi verwundet gefangen genommen wurde und später seinen Verletzungen erlegen ist, ob er eventuell einem Racheakt zum Opfer fiel oder er tatsächlich im Kampf gefallen ist. Einiges spricht dafür, dass ein Fahrzeugkonvoi mit Muammar al-Gaddafi von Flugzeugen der Nato beschossen wurde, als er sich aus Sirte entfernte.

So unklar die genauem Umstände seines Todes im Moment noch seien mögen, eines ist sicher: In Libyen ist eine Epoche zu Ende gegangen. Der italienische Regierungschef Silvio Berlusconi, in Gaddafis besseren Zeiten einer seiner engsten Vertrauten, fand schnell die ihm gemäßen Worte für den Abgang des Tyrannen: „Sic transit gloria mundi“, ließ er verlauten. So vergeht der Ruhm der Welt.

Zweiundvierzig Jahre lang hatte sich Gaddafi an der Macht gehalten und sich bis zuletzt an sie geklammert. Er gehörte mit Saddam Hussein und Hafiz al-Assad, dem Vater des heutigen Präsident Syriens, zu den wichtigsten Exponenten einer panarabischen Emanzipationsbewegung, deren prominentester Führer Gamal Abdel Nasser gewesen ist. Der antikoloniale Aufbruch in der arabischen Welt nach dem Zweiten Weltkrieg mündete aber letztlich in der Herrschaft von Autokraten. Und Gaddafi war nicht nur einer der bizarrsten, sondern auch der totalitärsten, wenn das Adjektiv denn überhaupt eine Steigerung zulässt.

Herrscher über das Öl

Wie kein anderer arabischer Diktator hat er die Zivilgesellschaft seines Landes vollständig zerstört. Gaddafi brauchte – im Unterschied zu Saddam Hussein, Mubarak oder Ben Ali – nicht einmal eine Regierungspartei, um seine Macht zu zementieren. Politische Organisationen waren in Libyen generell verboten. Nachdem die gesellschaftlichen Strukturen zerstört waren, rief Gaddafi Mitte der Siebzigerjahre die Massen zum Sturm auf den Staat auf. Er versprach, sämtliche Ministerien abzuschaffen. Etwa die Hälfte hat er dann doch belassen. In seiner Großen Sozialistischen Libysch-Arabischen Volks-Dschamhirija, wie das von ihm errichtete politische System offiziell hieß, sollte sich das Volk selbst regieren. Die lokalen staatlichen Verwaltungseinrichtungen wurden durch Volkskomitees ersetzt und das nationale Parlament durch einen Allgemeinen Volkskongress. Faktisch waren deren Entscheidungen von oben gesteuert. Alles wurde Maskerade. Am Schluss hatte Gaddafi gar kein Amt mehr inne, von dem er hätte zurücktreten können. In einem System des inneren Terrors besaß er die alleinige Macht.

Dem internationalen Terror hingegen, der Unterstützung und Durchführung terroristischer Aktionen im Ausland, hatte Gaddafi in den Neunzigerjahren abgeschworen. Als er dann auch noch auf die Produktion von Massenvernichtungsmitteln verzichtete, wurde er wieder in den Schoß der internationalen Gemeinschaft aufgenommen. Gerhard Schröder, Nicolas Sarkozy, Silvio Berlusconi – sie alle pilgerten nach Tripolis, um mit dem Herrscher über das libysche Öl Geschäfte zu machen, sie ließen sich ins Beduinenzelt des Revolutionsführers einladen und huldigten dem Diktator, der auf der Liste der weltweit geächteten Schurken jahrelang ganz oben gestanden hatte. Man muss davon ausgehen, dass der skrupellose Umgang der Europäer mit dem launischen Libyer angehalten hätte, wäre nicht im Dezember des vergangenen Jahres in Tunesien ein arbeitsloser Gemüsehändler an seinem Leben in dem Regime verzweifelt. Die Revolte, die seine Selbstverbrennung auflöste, griff erst auf Ägypten über und erreichte schließlich auch Libyen.

Der Aufstand begann in Bengasi. Die zweitgrößte Stadt konnte sich innerhalb von drei Tagen befreien, da Truppenteile zu den Rebellen überliefen. Etwa fünf Monate lang blieb Libyen faktisch zweigeteilt. In der im Osten des Landes gelegenen Region Cyrenaika hatten die Aufständischen die Macht übernommen, mit zum Teil dubiosem Führungspersonal. Ihr wichtigster Repräsentant, Abdul Dschalil, war noch drei Tage nach Beginn des Aufstandes Gaddafis Justizminister, während ihr Armeechef, der im Juli – vermutlich von islamistischen Kämpfern – erschossene Abdul Fatah Junis, in Tripolis noch das Innenministerium führte, als der Aufstand losbrach. In Tripolitanien, dem Westteil des Landes, konnten sich Gaddafis Truppen – abgesehen von der Hafenstadt Misrata und den Berbergebieten südlich von Tripolis – im Wesentlichen bis Mitte August halten.

Im August gelang den Rebellen mit Hilfe der Nato die Eroberung von Tripolis. Gaddafi floh. Es war die entscheidende Wende im Krieg. Danach ging es nur noch darum, die letzten Bastionen des alten Regimes, die Städte Ban Walid und Sirte, der Kontrolle von Gaddafis Spezialeinheiten zu entreißen. Ein Teil seiner Familie, seine Frau, zwei Söhne und eine Tochter, hatte sich da bereits nach Algerien abgesetzt, ein weiterer Sohn nach Niger. Zwei andere Söhne sind vermutlich bei den militärischen Auseinandersetzungen gefallen. Wo sich aber Muammar al-Gaddafi versteckte, das war zwei Monate lang, seit der Durchsuchung seiner dreifach ummauerten Residenz in Tripolis, ein Mysterium. Zuletzt wähnte man ihn unter dem Schutz von Tuareg-Rebellen im nigerisch-algerisch-libyschen Grenzgebiet.

Einige Tuareg-Stämme hielten ihm wohl bis zuletzt die Treue. Gaddafi hat schon zu Beginn der Siebzigerjahre Angehörige der Tuareg für seine „Islamische Legion“ rekrutiert, die eine wichtige Rolle bei einer Vereinigung und auch Arabisierung der Sahel-Zone spielen sollte. Es blieb ein Traum, genauso wie das Projekt einer panarabischen von Gaddafi geführten Staatengemeinschaft. Die islamischen Legionäre kamen dann vor allem zur Destabilisierung nicht willfähriger Staaten zum Einsatz, im Tschad, in Uganda, im Libanon. Noch drei Stunden vor der Nachricht von Gaddafis Tod warnte der Nationale Übergangsrat Libyens, der Diktator sei dabei, in Mali und anderen Staaten der Sahelzone Söldner zu rekrutieren, mit denen er sich an die Macht zurückkämpfen wolle.

Durst nach Rache

Nach der Eroberung von Sirte und dem Tod von Gaddafi wird der Übergangsrat die Befreiung ganz Libyens verkünden. Nun, da der Krieg beendet ist, schlägt die Stunde der Politik. Und man darf sich auf harte Auseinandersetzungen gefasst machen. Das Interregnum des Übergangsrats geht zu Ende. Vor allem die Islamisten, deren Truppen bei der Eroberung von Tripolis führend waren, werden Machtpositionen in einer neuen Regierung fordern. Ob sich die Wendehälse halten können, die in der Führung des Übergangsrats die wichtigsten Positionen einnehmen, ist mehr als fraglich.

Völlig ungewiss ist es, welche Rolle die Stämme spielen werden. Unter König Idris, der 1969 von Gaddafi gestürzt wurde, besaßen sie verbriefte Rechte. Gaddafi hatte sie zunächst entmachtet, später aber seine eigene Macht gerade auf Stämme aufgebaut. Er hat auch immer wieder Stämme gegeneinander ausgespielt, die einen – vor allem jene im Osten – vernachlässigt, andere – besonders seinen eigenen – bevorzugt. Möglicherweise wird man in einer Übergangsphase auf Stammesinteressen eine gewisse Rücksicht nehmen, um das Land wirklich zu befrieden. Auf lange Sicht stehen sie einer Demokratisierung entgegen.

Libyen steht vor riesigen Problemen. Das Land ist zerstört, nicht so sehr militärisch, sondern vor allem politisch und kulturell. Es gibt keine staatlichen Strukturen und noch keine öffentliche Debatte über die Zukunft des Landes. Was es gibt, das sind Menschen, deren Gehirne von der jahrelangen totalitären Diktatur vernebelt sind, Menschen, die nach Rache dürsten. Ein Herrschaftssystem ist zerbrochen, in dem der nationale Reichtum nach Regeln der Vetternwirtschaft verteilt und der Zugang zu Pfründen durch Loyalitäten erkauft wurde.

Libyen ist das reichste Land Afrikas. Das birgt Gefahren und bietet Chancen. Wird das Öl, das schon bald wieder so reichlich wie früher durch die Pipelines fließen wird, zu Verteilungskämpfen und damit zu politischen und tribalen Auseinandersetzungen führen oder wird es den Aufbau einer Demokratie, die der wirtschaftlichen Absicherung bedarf, erleichtern? Gaddafi ist tot. Die Leute werden es feiern. Das ist der Anfang.

Obama zeigt sich erleichtert

US-Präsident Barack Obama äußerte sich über den Tod Gaddafis erleichtert. Damit ende für das libysche Volk ein langes und schmerzvolles Kapitel. Die Libyer könnten nun ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Gleichzeitig laste auf dem Volk eine große Verantwortung, ein tolerantes und demokratisches Land aufzubauen. Die Nato-Einsatz in Libyen werde bald beendet werden, sagte Obama.


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