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Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus: Holocaust-Überlebende Ruth Klüger lobt die Kanzlerin

Die Schriftstellerin Ruth Klüger (2.v.l.) umringt von Gauck und Lammert. Die 84-Jährige überlebte den Holocaust.

Die Schriftstellerin Ruth Klüger (2.v.l.) umringt von Gauck und Lammert. Die 84-Jährige überlebte den Holocaust.

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dpa

Berlin -

„Wir schaffen das.“ Kaum sind die Worte gefallen, gibt es stehende Ovationen im Bundestag. Angela Merkel würde das wohl nicht gelingen. Doch es ist die amerikanische Schriftstellerin und Holocaust-Überlebende Ruth Klüger, welche den – wie sie es nennt – „schlichten und dabei heroischen Slogan“ der Kanzlerin zitiert. Mit seiner Großzügigkeit gegenüber Flüchtlingen beweise Deutschland, dass es Jahrzehnte nach der Nazi-Zeit zu einem Vorbild geworden sei. „Ich bin eine von den vielen Außenstehenden, die von Verwunderung zu Bewunderung übergegangen sind“, sagt Klüger.

Es ist der Höhepunkt einer so persönlichen wie politischen Rede, die sie im Bundestag anlässlich des Gedenktags für die Opfer des Nationalsozialismus hält. Klüger wurde 1931 in Wien als Tochter eines jüdischen Arztes geboren. Als sie elf Jahre alt war, wurde die Familie nach Theresienstadt deportiert und von dort ins Vernichtungslager Auschwitz. Im Sommer 1944 gelang es ihr, sich in eine Gruppe einzuschmuggeln, die für das Arbeitslager Christianstadt ausgewählt wurde.

Innere Sabotage im Lager

Das rettete ihr das Leben. Es muss wohl eine solche Zeitzeugin kommen, damit auf der Regierungsbank einmal alle Minister sichtbar konzentriert zuhören. Klüger berichtet mit ruhiger Stimme vom Leben im Arbeitslager. Doch dann kommen immer wieder Sätze, bei denen sie in ein schnelles Stakkato wechselt – fast so, als könne sie damit der Erinnerung entfliehen. „Stehen, einfach stehen ist mir noch heute so widerlich, dass ich manchmal aus einer Schlange ausscheide und weggehe, wenn ich schon fast dran bin“, sagt die 84-Jährige in Anspielung auf den Appell im Lager.

Sie erzählt von den kleinen Erfolgen der inneren Sabotage im Lager, der lethargisch verrichteten Arbeit. Aber auch von der Kälte. Ein Sklave habe zumindest einen Geldwert, den der Besitzer verliere, wenn er ihn verhungern oder erfrieren lasse. „Die Zwangsarbeiter der Nazis waren wertlos, die Ausbeuter konnten sich immer noch neue verschaffen“, sagt Klüger. Es sind Worte, die aufrütteln.

Bundestagspräsident Norbert Lammert sagt, Folter und Leid verließen die Opfer nie. Ihre Leiden mahnten, dass Willkür und Unfreiheit nie wieder die Herrschaft übernehmen dürften. Dankbar nimmt er die aktuellen Bezüge, die Klüger zur Flüchtlingsdebatte hergestellt hat, auf – und auch er ruft in den Bundestag: „Wir schaffen das.“