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Gespaltene Meinungen: Das hält Deutschland wirklich von Angela Merkel

Merkel bei Anne Will

Der Auftritt von Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Talkshow von Anne Will löste nicht nur Begeisterungsstürme aus.

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dpa

Berlin -

Am Montagmorgen zieht ein ungewohnter Duft durch das Bundeskanzleramt. Oben vor dem Büro der Hausherrin wogt ein buntes Blütenmeer. „Blumen für Merkel“ hat jemand auf Facebook geschrieben. „Die offene Flüchtlingspolitik der Kanzlerin unterstützen“. Und auf Englisch: „Let's support Merkel's open migration policies!“ 130 Blumensträuße wurden daraufhin unten an der Pforte abgegeben. So viele passten selbst in das riesige Chefbüro nicht hinein.

Aber keineswegs alle sind so begeistert vom Auftritt der Bundeskanzlerin bei Anne Will, der dem ARD-Talk mit sechs Millionen Zuschauern eine Rekordquote bescherte. Weil Frank Buschmann, ein bekannter Sportjournalist, noch während der Sendung seine Begeisterung heraustwitterte, erntete er umgehend einen Shitstorm. Soviel immerhin scheint richtig an Horst Seehofers Diagnose. „Das Land ist gespalten“, sagte er dem Magazin Der Spiegel. Die Menschen seien verunsichert.

„Merkel negiert, dass sie den Sonderweg in der EU geht“

Zu den schärfsten Kritikern gehört einer, der demnächst gern mit der Partei der Kanzlerin koalieren würde: „Merkel negiert, dass sie den Sonderweg in der EU geht. Wende nicht erkennbar. Prinzip Hoffnung“, lautet der knappe Kommentar von Christian Lindner. Damit kein Zweifel an seiner Meinung bleibt, sagt der FDP-Chef sie noch einmal, nicht durch die Blume, sondern durch ein Bild: Mit dem Smartphone hat er den Einband des Buches fotografiert, das er auf dem Flug in den Wahlkampf nach Baden-Württemberg gelesen hat: „Barbara Tuchmann, Die Torheit der Regierenden. Von Troja bis Vietnam.“ Wenigstens in diesem  Punkt scheint er einer Meinung mit Merkel. Wir leben in historisch wichtigen Zeiten.

Der grüne Bundestagsabgeordnete Dieter Janecek verpackt seine Zustimmung zur Kanzlerin in einen ironischen Tweet: „Die Campaigner basteln schon für 2017: Wer Merkel will, muss Grün wählen.“ So geht es hin und her im Netz. Derweil setzt Ruprecht Polenz daheim in Münster und stellt für seine Facebook-Site seine Lieblingssätze aus der Sendung zusammen. Unter anderem: „Meine verdammte Pflicht und Schuldigkeit besteht darin, dafür zu sorgen, dass Europa einen gemeinsamen Weg findet.“

Der 69-Jährige war mal kurze Zeit Generalsekretär der CDU und hat sich später ohne Erfolg für die Aufnahme der Türkei in die EU eingesetzt. Eine Position, die er heute für ziemlich aktuell hält, da Merkel versucht, mit Hilfe der Regierung in Ankara die Außengrenze der Gemeinschaft gegen Flüchtlinge abzuschotten.

Positives und negatives Feedback für Merkels Politik

Als wäre er noch Parteimanager, versucht Polenz das Beste aus der Situation heraus (oder in sie hinein) zu interpretieren: Die CDU werde nach dem 13. März bestimmt weiter den Ministerpräsidenten in Sachsen-Anhalt stellen, sagt er im Gespräch mit der Berliner Zeitung. Darüber hinaus sei er optimistisch, dass noch ein einer, vielleicht sogar zwei dazu kämen. In Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. Und dann berichtet er begeistert, dass es in seiner Heimat einen „Münster-Konsens“ gebe, Flüchtlinge willkommen zu heißen. Sicher gebe es auch Kritik, aber keine politische Panik.

Aber Polenz erinnert sich noch gut an seine Zeit bis vor zwei Jahren im Bundestag: „Die Kollegen diskutieren das schon etwas aufgeregter“. Auch in den höheren Rängen des Finanzministerium, dessen Chef Wolfgang Schäuble nicht nur von Abgeordneten in der Union als mögliche Alternative zu Merkel gehandelt wird, herrscht offenbar Nervosität. Wichtige Positionen würden derzeit nicht mehr besetzt, heißt es. Weil man mit einem neuen Hausherrn rechnet?

Merkel und Seehofer als „Dreamteam“

Unter den aktiven CDU-Politikern ist das Echo auf Merkels TV-Solo eher gering.  Die „erkennbaren Fortschritte auf allen Ebenen“ führten dazu, dass ihr Kurs im Parteivorstand weiterhin großen Rückhalt erfahre, behauptete Peter Tauber am Montagmorgen. Die CSU bleibt wie zu erwarten unzufrieden – ist aber wenig überrascht. Er habe nicht erwartet, dass Die Kanzlerin so schnell ihre Meinung ändere, erklärt Parteichef Horst Seehofer. Als Der Spiegel ihn im Interview (geführt vor Merkels Auftritt) fragte: „Wird die CSU Merkel als Kanzlerkandidatin unterstützen, wenn sie bei ihrem Kurs bleibt?“ verweigerte er die Atwort: „Nächste Frage“.

Eine originelle Idee hat Entwicklungsminister Gerd Müller. Merkel und Seehofer seien gemeinsam ein „Dreamteam“, sagte er dem Redeaktionsnetzwerk Deutschland. Mit den beiden ließen sich „50 Prozent und mehr an Stimmen holen“. Der ARD-Deutschlandtrend sieht die Union aktuell bei 36 Prozent. Aber Angela Merkels Popularität ist vom Tiefpunkt bei 38 Prozent wieder auf mehr als 40 gestiegen.


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