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Gleichberechtigung der Frau: Menschenrechte und Muschi-Hanteln

Anne Wizorek, die Initiatorin der Internet-Bewegung #Aufschrei, in einem Berliner Café.

Anne Wizorek, die Initiatorin der Internet-Bewegung #Aufschrei, in einem Berliner Café.

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Berliner Zeitung/Benjamin Pritzkuleit

Berlin -

Wenn Anne Wizorek davon erzählt, wie der Feminismus der neuen Generation in das Bewusstsein der Deutschen trat, dann sagt sie: „Bummm!“ Wie Explosionen eben so klingen. Sie hat die Explosion in einer Januarnacht ausgelöst, unabsichtlich. Mit Bekannten hatte sie auf Twitter Erfahrungen ausgetauscht, über Sexismus im Alltag. Das Stichwort, unter dem die Geschichten gesammelt wurden, hatte Anne Wizorek vorgeschlagen: #Aufschrei. „Wir waren eine kleine Community, die sich Trost zusprach.“

Doch als sie am nächsten Morgen den Computer anschaltete, da war es keine kleine Community mehr, es waren Tausende Menschen, die Geschichten erzählten. Von unangenehmen Blicken, von Tatschereien und sogar von Vergewaltigungen. Und weil in jenen Tagen auch das Magazin Stern über die anzüglichen Bemerkungen des FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle gegenüber einer Reporterin berichtete, wurde Anne Wizorek plötzlich zum Gesicht eines jungen Feminismus. Sie wurde interviewt, porträtiert und saß sogar bei Günther Jauch.

Jetzt sitzt sie vor einem Café im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Blond, schmal, beleuchtet von der Frühlingssonne. Sie redet über die vergangenen Wochen und darüber, wie die Medien bemerkt hätten, dass es junge Feministinnen gebe. „Als würden sie unter einen Stein gucken und sagen: Huch, eine neue Spezies!“ Sie lacht. Sie weiß, dass es anders ist. Dass der #Aufschrei einen Nerv getroffen hat, weil die Zeit reif war für eine neue feministische Generation.

Anne Wizorek ist 31 Jahre alt, aufgewachsen ist sie in der DDR. „Mein Umfeld war nicht so durchtränkt von Geschlechterstereotypen“, sagt sie. Ihre Mutter war Maschinenbau-Ingenieurin. Zum Feminismus kam Anne Wizorek über US-Blogs wie Feministing. Und über Aktivistinnen wie Jessica Valenti oder Amanda Marcotte, die bloggen und zugleich für etablierte Zeitungen wie The Guardian schreiben. Sie werden ernst genommen. Ihre Blogs sind das Vorbild für die deutsche feministische Blogosphäre, ob es sich um Anne Wizoreks Blog Kleinerdrei handelt oder um die großen Plattformen wie die Mädchenmannschaft.

Das Problem Alice Schwarzer

Die Vorbildfunktion der Amerikanerinnen für die jungen deutschen Feministinnen ist groß. Zum Beispiel auch bei jener Frage, für wen der Feminismus kämpfen sollte. Anne Wizorek sagt: „Wir brauchen ein stärkeres Bewusstsein für die ausschließenden Strukturen in unserer Gesellschaft.“ Es folgen ein paar komplizierte Wörter: Intersektionalität, Inklusion, Geschlechterbinarität.

Doch die Aussage dahinter ist eindeutig: Feminismus soll nicht nur gegen die Unterdrückung der Frau kämpfen, sondern auch gegen Homophobie, Rassismus und für all jene, die sich weder als Mann noch als Frau fühlen. Schließlich erleide eine junge Migrantin nicht nur Diskriminierungen als Frau, sondern auch Rassismus. Anders als eine deutsche Akademikerin. Anne Wizorek blinzelt in die Sonne und sagt: „Das Problem des Feminismus in Deutschland ist, dass Alice Schwarzer über jeder Debatte schwebt.“

Seit den Siebzigerjahren definierte Alice Schwarzer für die Öffentlichkeit, was Feminismus war: weiße, heterosexuelle Frauen, die gegen Abtreibungsverbot und Pornografie sind. Gegen alles, was nicht dem Bild einer selbstbewussten westlichen Frau entspricht. Als sich Alice Schwarzer zuletzt öffentlich mit dem Thema Migrantinnen beschäftigte, wollte sie das Kopftuch verbieten lassen.

Das passt nicht zu den Ideen von Anne Wizorek. Es sind die Vorstellungen der Feministinnen aus der sogenannten zweiten Welle des Feminismus, die sich in den Sechzigerjahren entwickelte. Die erste Welle war an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstanden und hatte in Deutschland in Clara Zetkin ihre prägende Protagonistin.

Jene Frauen, die jetzt mit dem #Aufschrei ins Bewusstsein der Öffentlichkeit getreten sind, werden von der Wissenschaft als dritte Welle bezeichnet. Ihren Anfang nahm diese Welle vor zwanzig Jahren in den USA, als Musikerinnen der Riot-Grrrl-Bewegung gegen die männliche Dominanz auf der Bühne kämpften. In Deutschland kam von diesen Ideen bisher kaum etwas an. Außer in einem Altbau am Hackeschen Markt.

Dort sitzt Sonja Eismann, in einem Raum mit hohen Decken und Holzboden. Der Raum ist ziemlich leer. In der Mitte steht ein Tisch mit zwei Minipflanzen, an einer Wand hängen Fotos, an einer anderen ein paar Magazine. Darauf abgebildet sind Frauen wie die Rapperin Lady Bitch Ray und die Sängerin Beth Ditto. Es sind die Titelbilder des Missy Magazine, das hier produziert wird. Sonja Eismann ist eine der Gründerinnen und Herausgeberinnen. Sie streicht sich den dunkelbraunen Pony aus der Stirn und sagt: „Wir wollen jungen Mädchen Vorbilder geben, die Dinge machen, die man nicht erwartet.“

Sonja Eismann, Ende dreißig, ist Kulturwissenschaftlerin und eine Veteranin der neuen Feministinnen-Generation. Schon Ende der Neunziger hatte sie ein Magazin zum Thema Popkultur und Feminismus gegründet, später ein Buch über das Thema geschrieben und Radiosendungen moderiert. Auf einer feministischen Veranstaltung lernte sie eine der anderen Missy-Gründerinnen kennen. „Unsere Utopie war, ein geiles Frauenmagazin zu machen.“ 2008 erschien das erste Heft – genau zu jener Zeit, als der Feminismus der dritten Welle einen ersten kurzen Auftritt in den Medien hatte.

Damals kam Charlotte Roche mit ihrem Roman „Feuchtgebiete“ heraus. Es gab eine aufflackernde Debatte, in der sich Feministinnen darüber beklagten, dass sich seit den Siebzigern nichts verändert habe. Junge Autorinnen meldeten sich mit Büchern wie „Wir Alpha-Mädchen“ und „Neue deutsche Mädchen“ zu Wort, in denen sie gleichen Lohn für gleiche Arbeit forderten und die Chance einer Karriere trotz Kind. Der größte Unterschied zum alten Feminismus war, dass Männer als Partner angesehen wurden und Sex Spaß machen durfte. Die Debatte verlosch bald wieder. Das Missy Magazine blieb. Und mit ihm einige der Themen.

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Auf dem Cover einer der Ausgaben steht: „Muschi-Hanteln im Test“. Im Heft werden Kugeln für das Beckenboden-Training ausprobiert. Sonja Eismann kichert. Dann sagt sie: „Das ist kein Feminismus light. Uns geht es um Empowerment von Frauen.“ Deshalb gibt es im Heft neben dem feministischen Diskurs auch Rubriken, die den Leserinnen zum Beispiel erklären, wie man Fliesen legt. Sonja Eismann beugt sich vor. „Wir wollten nie die bessere Emma sein. Bei uns gibt es Theorie und Popkultur, aber beides aus einer implizit feministischen Perspektive.“

Die Zielgruppe für diese Mischung sind urbane, sozial engagierte Akademikerinnen. 20.000 Exemplare ist die Auflage mittlerweile hoch, einmal im Quartal erscheint das Heft. Leben kann davon keine der Handvoll Frauen, die hier arbeiten. Die Büros werden von einem Mitglied der Redaktion gestellt. „Selbstausbeutung“, sagt Sonja Eismann. Das funktioniere nur, weil die Redaktion ihr Produkt liebe. Und das Gefühl habe, etwas zunehmend Relevantes zu machen. „Seit Kurzem werden wir wieder häufiger gebeten, uns zu feministischen Themen zu äußern.“

Sonja Eismann gießt vorsichtig ein bisschen Wasser über die Blümchen auf dem Tisch. Der Feminismus sei stärker geworden und vielfältiger. Zum ersten Mal seit Langem spiele ein Filmstar wie James Franco offen mit Geschlechterrollen und ein HipHopper wie Frank Ocean oute sich als bisexuell. „Es geht nicht mehr nur um Quoten für besser gestellte Frauen, sondern um Feminismus als Frage von Hautfarbe, Klasse und Privilegien“, sagt Sonja Eismann. Der Hintergrund dieser Entwicklungen? Sie gießt noch etwas Wasser nach. „Angesichts des Erfolgs der Sexismus-Debatte muss man wohl sagen: das Internet.“

In einem einzelnen Magazin können Ideen überleben. Im Internet können sie gedeihen. Feministische Ideen sind im Internet so stark gediehen, dass ihre Aktivistinnen nun den gesellschaftlichen Diskurs beeinflussen. Es geht darum, was als akzeptables Verhalten angesehen wird und was nicht. Bisher war das ein Privileg von Politikern und Journalisten, meist älteren, weißen Männern. Das Internet gibt jenen eine Stimme, die vorher keine hatten. Die Sexismus-Debatte ist genauso ein Zeichen dafür wie die Diskussion um rassistische Formulierungen in Kinderbuchklassikern.

Was im Arabischen Frühling verklärend als die demokratische Kraft des Netzes gepriesen wurde, kommt auch in einer Gesellschaft, in der die Machthaber Diskussionen nicht mit Panzern beenden, zur Geltung. Zwar liegt die Macht in vielen Bereichen der Gesellschaft noch immer bei den Männern, die Deutungshoheit über ihre Worte jedoch nicht mehr. Sie ist aus den Hinterzimmern hinausgewandert in die Cafés, in denen junge Menschen mit Laptop sitzen. Frauen wie Anne Wizorek.

Oder Magda Albrecht. „Die Behauptung, dass das Netz keine gesellschaftliche Wirklichkeit ist, ist Quatsch“, sagt sie. Magda Albrecht ist Mitte zwanzig und schreibt ihre Masterarbeit über Slutwalks. Die sogenannten Schlampenmärsche, bei denen Frauen ihr Recht auf sexuelle Selbstbestimmung demonstrieren, entstanden als Reaktion auf den Auftritt eines Polizisten an einer kanadischen Universität. Er hatte Frauen geraten, sich nicht wie „Schlampen“ anzuziehen, wenn sie nicht Opfer sexueller Gewalt werden wollten. Mit den Slutwalks beschäftigt sich Magda Albrecht auch als Mitglied der Mädchenmannschaft, dem hierzulande bekanntesten feministischen Blog. Dessen Geschichte zeichnet den Weg nach, die der neue Feminismus in seiner wichtigsten Sphäre, dem Internet, in den letzten Jahren genommen hat. Sie zeigt die Chancen, die das Netz für ihn birgt. Und die Gefahren.

Vor fünf Jahren wurde die Mädchenmannschaft ins Leben gerufen, heute zählt sie 120.000 Zugriffe im Monat. In Momenten der Empörung schnellt diese Zahl besonders in die Höhe. So auch vor einem Jahr, als der Stromkonzern Eon einen Clip zu seinem Slogan „E wie Einfach“ schaltete. Eine Frau wacht im Ehebett auf und beklagt, sie könne nicht schlafen. Daraufhin bekommt sie von ihrem Mann einen Kopfstoß, wonach sie offenbar bewusstlos zurück ins Kissen sinkt: „Ist doch ganz einfach.“ Der Blog forderte zum Protest auf. Der Konzern zog das Video zurück. „Das Internet hat für die feministische Community eine definierende Rolle“, sagt Magda Albrecht. „Wir können uns vernetzen, und wir sind sichtbar.“

Mehr als Gleichberechtigung

Seit etwa zwei Jahren schreibt sie für die Mädchenmannschaft. Ehrenamtlich, genau wie die anderen, die bei der Plattform arbeiten. Auch Magda Albrechts feministische Weltsicht wurde von den USA beeinflusst. Während eines Austauschjahres besuchte sie feministische Seminare, arbeitete für Magazine und organisierte Veranstaltungen. Heute sei es in Deutschland wieder selbstverständlicher zu erklären, dass man Feministin ist, als noch vor zehn Jahren, sagt sie. Von einem neuen Feminismus, einer dritten Welle, will sie allerdings nicht sprechen. „Dritte Welle würde ja bedeuten, dass es zwischendrin nichts gab, was nicht stimmt. Und neuer Feminismus würde heißen, dass wir alle dieselbe Position haben.“

Tatsächlich führt die neue Vielfalt des Feminismus häufig zu Krach zwischen den verschiedenen Positionen. Früher ging es um Forderungen, die alle unterschreiben konnten, wie jene nach gleichem Lohn. Jetzt geht es um Konzepte und Selbstverständnis. Zum Beispiel darum, ob sich weiße Frauen bei einem Slutwalk die Gesichter schwarz färben dürfen, um auf die Situation von Migrantinnen aufmerksam zu machen. Oder ob das nicht gerade rassistisch sei. In der Mädchenmannschaft kam es über solche Fragen zum Bruch.

Die Gründerinnen, die mit dem Blog auch unpolitische Frauen für den Feminismus begeistern wollten, klagten über Konzepte in einer akademischen Sprache, von der sich Frauen ausgeschlossen fühlen können. Die neuen Mitglieder, wie Magda Albrecht, fanden, dass diese Konzepte endlich auch Minderheiten einen Platz sichern. Die Neuen setzten sich durch, die Alten gründeten neue Projekte. Magda Albrecht zuckt mit den Schultern. „Ich führe lieber eine kritische Diskussion in diesem Blog, als dass ich versuche, antifeministische Menschen, die keine Lust auf Diskussion haben, von meinen Positionen zu überzeugen. Das ist Zeitverschwendung.“

Vielleicht ist eine solche Lagerbildung unvermeidbar, wenn eine Bewegung wächst und sich weiterentwickelt. Man kennt das von jungen Parteien. Wahrscheinlich ist es sogar der falsche Zeitpunkt, Differenzen offen auszutragen, wenn man gerade in das Bewusstsein der Öffentlichkeit tritt. Bei allen unterschiedlichen Auffassungen im Detail eint die Lager mehr als sie trennt. Zum Beispiel das Bewusstsein, dass Feminismus mehr ist, als für die Gleichberechtigung von Mann und Frau einzutreten. Und auch, dass es ein Problem ist, wenn in der Szene zwar viel über Migrantinnen geredet wird, dies aber vor allem von weißen, deutschen Akademikerinnen.

„Ich fände es traurig, wenn wir niemanden mehr überzeugen wollen“, sagt Anne Wizorek und zieht ihren Mantel zu. Man müsse eben Kompromisse machen. Für viele sei es schon schwer zu akzeptieren, dass weiße Frauen diskriminiert würden. „Da kann ich in Interviews nichts über die Diskriminierung von behinderten Frauen, Migrantinnen und Transmenschen erzählen.“ Schon für diese Verknappung wird sie gehasst. Ihren Posteingang teilt sie jetzt in feindliche und freundliche Mails. „Wenn es mir schlecht geht, schaue ich in den netten Ordner und denke: Ja! Für Menschen wie euch mache ich das!“ 7000 Anhänger hat sie mittlerweile als @marthadear auf Twitter. Anne Wizorek überlegt kurz, dann lächelt sie. „Damit lässt sich doch etwas anfangen.“ Der Feminismus ihrer Generation hat gerade erst begonnen.

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