28.01.2012

Globalisierungskritiker: Zwischen Idealismus und Partystimmung

Von Wolfgang Kunath
        

Mundial heißt weltumspannend: Teilnehmerinnen am diesjährigen Weltsozialforum in Porto Alegre, das an diesem Sonntag zu Ende geht.
Mundial heißt weltumspannend: Teilnehmerinnen am diesjährigen Weltsozialforum in Porto Alegre, das an diesem Sonntag zu Ende geht.
Foto: dapd/Jonathan Heckler
Porto Alegre –  

In Porto Alegre tagen die Globalisierungskritiker. Ihre Bewegung ist in die Jahre gekommen, die neuen Protestbewegungen wie der Arabische Frühling oder Occupy kommen kaum vor.

Man kann sich die Welt natürlich auch zurechtbiegen. „Schutz der Umwelt“, steht auf dem Spruchband, das die Kommunistische Partei Brasiliens zu der Demonstration mitgebracht hat, mit der traditionell das Weltsozialforum der Globalisierungskritiker eröffnet wird. Die Forderung erstaunt wenig – erstaunlich ist bloß, dass die KP es wagt, das Wort Umweltschutz überhaupt noch in den Mund zu nehmen. War es nicht ihr Genosse Aldo Rebelo, heute Sportminister unter Präsidentin Dilma Rousseff, der das neue Waldgesetz verantwortet hat, das ganz im Sinne der Agrarlobby ausgefallen ist? „Völlig falsch!“, schreit einer der Demonstranten, „Aldo hat Kompromisse schließen müssen, so ist das eben in der Demokratie!“ Ach, so soll man das sehen.

Man kann sich die Welt natürlich auch vereinfachen, selbst wenn bei einer so grobkörnigen Abbildung die Debatten ziemlich langweilig werden. Jetzt sind die USA und Europa in der Krise – da triumphiert die lateinamerikanische Linke, die ja stets auch nationalistisch gewesen ist. „Jetzt können sie von uns lernen, weil heute wir die Regierungen haben, die sich um die Völker kümmern“, wettert eine Vertreterin der Vereinigten Sozialistischen Partei Venezuelas. Hugo Chávez als Vorbild für Europa? Man erfährt immer noch etwas Neues.

"Eine andere Welt ist möglich"

Das Weltsozialforum entstand 2001 als Treffen von Globalisierungskritikern. Es bildet seither den Gegenpol zum jährlichen Weltwirtschaftsforum in Davos. Sein Motto lautet: „Eine andere Welt ist möglich.“
In der Charta der Prinzipien lädt das Forum alle Gruppen und Bewegungen der Zivilgesellschaft zur Mitarbeit ein, die „sich dem Neoliberalismus, der Weltherrschaft des Kapitals und jeder möglichen Form des Imperialismus widersetzen“.
Zur sozialen Agenda gehörte von Beginn an das ökologische Bekenntnis: Gemeinsames Ziel seien „fruchtbare Verhältnisse innerhalb der Menschheit und zwischen ihr und der Erde“.
Gastgeber des ersten und mehrerer weiterer Treffen war das brasilianische Porto Alegre. Im vergangenen Jahr tagte das zehnte Weltsozialforum in Dakar in Senegal, etwa 90 000 Menschen nahmen teil. In diesem Jahr kehrte die Veranstaltung an ihren Ursprungsort zurück.

Und man kann die Welt natürlich auch als Spaßveranstaltung ansehen. Im Demonstrationszug in Porto Alegre fährt tatsächlich ein Lastwagen mit, auf der eine Musikgruppe Karnevals-Sambas spielt – womöglich mit politischen Texten, aber die versteht sowieso keiner beim Mittanzen. „Zu viel Party, zu wenig Idealismus“, murrt ein pensionierter Bankbeamter, der dem Zug zuschaut. Er hat in den 80er-Jahren als Studentenführer bei den Demonstrationen mitgemacht, die das Ende der Militärherrschaft besiegelten. Da war von Spaßgesellschaft noch keine Rede.

Nichtigkeiten und Wichtigkeiten

Aber glücklicherweise führt der Treibsand der ideologischen Nichtigkeiten auch jede Menge Goldkörnchen mit sich: Information und Wissen, Nachdenken und Abwägung, Kontakt und Vernetzung. Mehr als 900 Veranstaltungen gibt es binnen sechs Tagen. Zum Beispiel diese über Brasiliens Atompolitik: Das Land baut gerade seinen dritten Reaktor und plant den vierten. Die Öffentlichkeit lässt das erstaunlich kalt: Keine Debatte, keine Proteste – gerade so, als würde eine Bonbonfabrik errichtet. Dass Deutschland – Atomausstieg hin, Atomausstieg her – dieses Geschäft mit einer Exportbürgerschaft in Milliardenhöhe absichern will, weil die deutsche Niederlassung der französischen Atomfirma Areva den Reaktor liefert, ist in Brasilien natürlich eher eine Marginalie.

Die Heinrich-Böll-Stiftung hat die winzigen Grüppchen der AKW-Gegner zusammengebracht, eine Studie über die Auswirkungen des Uranabbaus finanziert und ein Seminar organisiert, das am Ende rappelvoll ist. Hier entsteht sogar ein intensiver, stiller Moment der Betroffenheit, nämlich als Odesson Alves Ferreira seine Hände zeigt. 1987 fasste er aus Unkenntnis eine winzige Cäsium-137-Kapsel aus einem ausrangierten Bestrahlungsgerät an. Jetzt fehlt ihm ein Zeigefinger, an der anderen Hand hat er eine Geschwulst fast so dick wie der Handteller.

Nichtigkeit und Wichtigkeit haben sich beim Forum immer schon gemischt, ebenso wie das organisatorische Durcheinander seine Folklore ausmachte. Dennoch wirkt das Treffen der alternativen Bewegungen aus aller Welt in diesem Jahr etwas verpeilt, akademisch, steril. Nicht nur, weil es ein sogenanntes thematisches Forum ist und in den Hörsälen der Staatlichen Universität von Porto Alegre stattfindet, so dass viele aus der bunten sozialen Szene gar nicht gekommen sind. Es fehlt mehr. Und Wichtiges.

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