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Gründe für AfD-Erfolg : Sachsen-Anhalt ist ein Notstandsgebiet

Magdeburg AfD

AfD-Plakat vor Hochhausgebiet in Magdeburg.

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dpa

Warum hat die AfD bei der Wahl in Sachsen-Anhalt Spitzenwerte erreicht? Wie kam es zu der vieltausendfach getroffenen individuellen Entscheidung, einer Partei die Stimme zu geben, die Rassisten wie Björn Höcke in ihren Reihen hat und  für sich sprechen lässt?

Wer nicht annimmt, dass solche Hassprediger einem Viertel der Wahlbürger die Gehirne weggeätzt haben, muss die Antwort in den Städten und Städtchen des Landes suchen. Im Wahlkampf war die AfD überall und inhaltlich vielfältig vertreten: „Stoppt Schulschließungen“, „Ja zur Familie“, „Kinder willkommen“, „TTIP verhindern“, „Asylchaos stoppen“ – die Plakate klebten bis in verschlafene Waldsträßchen hinein. „Zeit für SPD“ oder „Zeit für gute Löhne“ verlangte die Konkurrenz inhaltsarm und unfrisch. Für die CDU guckte ein älterer Herr vom Plakat „Reiner Haseloff, unser Landesvater“. Gähn.

Keine Region hat es härter getroffen

Unzufriedene sahen in der Plakate-Landschaft, was sie fühlten: Die etablierten Parteien, also auch Die Linke, haben ihre Chancen vertan, das Land voranzubringen. Dass es ein Verdienst sein könnte, ein weiteres Abrutschen verhindert zu haben, gilt nicht.

Sachsen-Anhalt ist im deutschen Vergleich ein Notstandsgebiet. Von 2,8 Millionen Einwohnern zur Wendezeit sind 2,2 Millionen übrig geblieben, in zehn Jahren werden 1,9 Millionen übrig sein. 700.000 Arbeitsplätze fielen dem Strukturwandel zum Opfer, keine Region Deutschlands hat es härter getroffen.

Von den Dagebliebenen ist ein Viertel über 65 Jahre alt. Weggegangen sind die Jungen, Aktiven, vor allem die Frauen zwischen 18 und 30 Jahren. Dramatisch sind die daraus resultierenden Verwerfungen. Landkreise melden Frauendefizite von bis zu 20 Prozent. Das heißt: Jeder fünfte junge Mann hat dort keine Chance auf Familiengründung. Eine ausgewogene gesellschaftliche Entwicklung wird unmöglich.

Die Elendsliste findet auf den Straßen ihre reale Entsprechung

Die Perspektiven schwinden weiter: Das Geburtendefizit erreicht mit minus 6,5 je 1000 Einwohner deutschen Spitzenstand. Der Wanderungssaldo hat in Sachsen-Anhalt den größten negativen Wert. Der Anteil der Schulabgänger ohne Abschluss ist mit 9,7 Prozent der zweithöchste bundesweit.

Die fortsetzungsfähige Elendsliste findet auf den Straßen ihre reale Entsprechung, zum Beispiel in Gräfenhainichen, an einem Mittag der vergangenen Woche. Alte Frauen, den Einkaufsbeutel am Rollator, mühen sich Richtung Fleischereimobil, vorbei an Lücken, die eingefallene Altstadthäuschen hinterlassen haben, vorbei an vernagelten oder blinden Schaufenstern, die von gescheiterten Versuchen zur Existenzgründung künden. Eine Gruppe schwarzafrikanischer junger Männer macht den Rollatoren-Frauen Platz, eine nicht unfreundliche Begegnung von Menschen aus zwei fernen Welten.

Über dem Land liegt Resignation

Deutsche arbeitslose Männer, wenig qualifiziert, ohne Frauen, das Mittagsbierchen in der Hand, beäugen misstrauisch von der Grünanlage aus die jungen, unqualifizierten männlichen Neuankömmlinge. Hier trifft aufeinander, was nicht zusammen funktioniert. Rivalen in gleichen Segmenten. Jüngere Männer waren die Hauptwählergruppe der AfD in Sachsen-Anhalt. 38 Prozent der Arbeitslosen wählten die Partei.

Es gibt weitere landesspezifische Faktoren für den AfD-Erfolg. Selbst Leute, die Willkommensfeste für Flüchtlinge organisierten, haben AfD gewählt: Weil man die letzte Schule am Ort erhalten, die Einstellung der Bahnlinie nicht hinnehmen will, weil man 30 oder gar 50 Kilometer Anfahrt zum Facharzt für unzumutbar hält. Was sollen alte Leute machen, die nicht mehr Auto fahren können? Da müssen die Kinder und Enkel Urlaub für Klinikbegleitung nehmen. Der Alltag ist in einem für Berliner schwer vorstellbaren Maß beschwerlich.

Über dem Land liegt Resignation. Die AfD zu wählen, ist unter diesen Umständen kein rechter, rassistischer Akt, sondern eine Botschaft des Protests gegen die Vernachlässigung, das Abgehängtsein. Man mag darin eine Opfermentalität von Jammerossis sehen oder begründete Sorge vor weiterem Absinken. Klar ist: Die Leute wollen ernst genommen werden. Dass diese Wahl das Image der Sachsen-Anhalter weiter lädiert, ist den Leuten klar: „Nu sin mer widder de Bösen“, ist sich das halbe Dutzend Passagiere samt Fahrer im abendlichen Anrufbus nach Bitterfeld einig.

Dort fuhr die AfD 31,9 Prozent ein, bei stark angestiegener Wahlbeteiligung. Ob die neuen Gesichter von der AfD das Blatt wenden können? „Ne, das nich.“ So viel Realismus muss sein. Aber sie sollen der Magdeburger Regierungskoalition der Abgewirtschafteten Beine machen.

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