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Grüne Woche in Berlin: Warum die Kölner Übergriffe auch auf der Grünen Woche spürbar sind

Zahlreiche Besucher sind auf der Internationalen Grünen Woche am in Berlin unterwegs.

Zahlreiche Besucher sind auf der Internationalen Grünen Woche am in Berlin unterwegs.

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dpa

Berlin -

Es duftet nach Kreuzkümmel und ätherischen Ölen. Zuckersüße Kekse mit Mandelglasur und getrockneten Datteln liegen zu Pyramiden aufgetürmt an den Ständen, von der Decke hängen kugelförmige Lampen, die den marokkanischen Pavillon in gedämpftes Licht tauchen.

Flötenmusik und Trommeln beschallen den Raum des Partnerlandes der Internationalen Grünen Woche in Berlin. Besucher kaufen Gewürze, Arganöl und frischen Kaffee, machen Selfies vor Messingkannen und schauen den Tänzern in froschgrünen Kostümen zu.

Daneben drängen sich Gäste an einem Stand, an dem Frauen in glitzernden Kleidern und bunt-bestickten Kopftüchern Safran und Pfeffer feilbieten, ein Marokkaner zeigt stolz auf seinem Handy ein Film über die Herstellung des Olivenöls, das er verkauft. Tausendundeine Nacht in Berlin. Die Halle ist voll. Zum ersten Mal ist ein afrikanisches Land Partnerland der beliebten Berliner Messe. Gerade jetzt.

Die Parallelen zuKöln

Nordafrika, Marokko, Köln, Berlin. Knapp drei Wochen sind seit den grässlichen sexuellen Übergriffen am Kölner Hauptbahnhof vergangen, die Debatten über Flüchtlinge, Werte, Frauenbilder und Grenzschließungen reißen nicht ab. Unter den Tatverdächtigen der Silvesternacht sollen mutmaßlich Männer aus Nordafrika und Algerien sein. Asylbewerber aus Algerien sitzen inzwischen in Untersuchungshaft.

Nie war der Streit in der Flüchtlingsdebatte hitziger als nach Köln, nie waren die Stimmen nach schnelleren Abschiebungen, Kontingenten und Kultur- und Religionsunterschieden lauter, der Blick auf Länder wie Nordafrika mutmaßlich nie einseitiger, die Lager gespaltener. Doch wie nah ist dieser Konflikt um die sexuellen Übergriffe in Köln in diesen Tagen hier im marokkanischen Pavillon?

Gelassenheit in der Halle

„Ich wurde zweimal von Besuchern zu den Vorfällen Köln angesprochen", sagt Silvia Lacchia. Sonst merke sie von der Debatte nicht viel in der Halle. Die junge Frau verkauft Olivenöl aus Marokko und trägt ein langes rotes Samtkleid. Eine Frau habe sich dafür entschuldigt, dass die Deutschen so viele Vorurteile haben, erzählt sie. Einige seien überrascht gewesen, dass so viele Frauen an den Ständen arbeiteten. Algerien ist nicht bei der Grünen Woche vertreten, Tunesien lediglich mit einem kleinen Stand.

Das Ehepaar Wilms, das am diesen Tag in die Halle kommt, war schon mal in Marokko. Casablanca und Tanger habe ihnen gut gefallen, erzählt Marion Wilms. „Diese Landschaft“, sagt sie. Ob heute durch die Kölner Übergriffe ein komisches Gefühl mitschwinge, wenn sie an Marokko, an Nordafrika denke? „Irgendwie schon, aber ich weiß gar nicht warum, die Menschen sind alle so nett und freundlich", sagt Karl-Heinz Wilms. „Die Welt ist gefährlicher geworden. Köln, Istanbul, so etwas kann einem überall passieren", sagt Wilms. Und er würde wieder nach Marokko fahren, warum auch nicht.

Merkel ist Schuld

Vorbei an den Tischen und Stühlen zieht eine Tanzgruppe mit Trommlern und Sängern. Viele Besucher lächeln, halten ihre Smartphones auf die Tänzer und filmen, andere wippen mit dem Fuß.

„Ich habe die Ereignisse schon im Hinterkopf“, sagt die Berlinerin Sabine Hoffmann. Aber: Schuld an allem sei Merkels Politik. „Die wähle ich nicht mehr, ich bin sauer“, schimpft sie. Grenzen müssten eben sein. Gegen die Flüchtlinge habe sie aber keine Vorbehalte.

Petra Jungmann und ihre Tochter Ute rühren gerade in einem frischen, heißen Minztee, dem typisch marokkanischen Getränk, das man aus kleinen Gläsern trinkt. „Sehr süß, aber lecker", sagt Ute Jungmann. Sie wohnt in Berlin-Kreuzberg, ihre Tochter im afrikanischen Viertel in Berlin. „Man kann das, was in Köln passiert ist, doch nicht verallgemeinern", findet Petra Jungmann. Jeder habe das Recht auf ein besseres Leben. Sie sagt, sie könne verstehen, dass die Menschen nach Deutschland kommen.

Hier in Klein-Marokko im Berliner ICC ist der raue Ton der politischen Debatten dieser Tage offenbar viel weicher. Und vielleicht ist es ja sogar ein Glücksfall, dass Marokko in diesem Jahr das Partnerland der Grünen Woche ist, gerade jetzt.