21.12.2011

Interview: "Es geht nicht um Schulbildung, sondern um Herzensbildung"

Von Timot Szent-Ivanyi.
Johannes Singhammer (CSU) ist Gesundheitsexperte und Vize-Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.
Johannes Singhammer (CSU) ist Gesundheitsexperte und Vize-Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.
Foto: dpa
Berlin –  

Johannes Singhammer, der Gesundheitsexperte und Vizevorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion ist der Meinung, die Pläne der EU zur besseren Ausbildung des Pflegepersonals lösen das Fachkräfte-Problem nicht.

Herr Singhammer, die schwarz-gelbe Koalition lehnt die EU-Pläne ab. Was haben Sie gegen eine bessere Ausbildung von Krankenpflegern oder Hebammen?

Überhaupt nichts. Aber eine Verlängerung der Schulausbildung auf zwölf Jahre für die Gesundheitsberufe würde den bereits bestehenden eklatanten Fachkräftemangel drastisch verschärfen. Denn dann würde eine Lücke von zwei Jahren entstehen, in denen keine frisch ausgebildeten Pfleger oder Krankenschwestern zur Verfügung stehen werden. Das macht doch überhaupt keinen Sinn.

Nach den zwei Jahren gäbe es aber besser ausgebildete Menschen.

Die Frage der Schulausbildung ist aber nicht entscheidend für die Qualität zum Beispiel der Pflege. Die Menschen, die diesen Beruf wählen, brauchen Herzensbildung. Sie müssen einen emotionalen Zugang zu den Patienten haben. Wie lange jemand zur Schule geht, ist dabei völlig irrelevant. Damit das nochmal klar ist: Es geht um die Dauer der Schulzeit, nicht um die Fachausbildung. Sollten die Pläne umgesetzt werden, wären übrigens nicht nur junge Menschen davon betroffen.

Warum?

Gerade bei den Krankenpflegern haben wir einen sehr hohen Prozentsatz an Beschäftigten, die aus anderen Berufen kommen. Da sind zum Beispiel Mütter, die nach der Kindererziehung in die Krankenpflege wechseln. Würde man nun eine Verlängerung der Schulzeit verlangen, dann könnte diese große Gruppe den Beruf nicht mehr ergreifen. Warum sollte eine 45-jährige Frau, die ihre Kinder großgezogen hat, noch einmal zusätzlich zwei Jahre die Schulbank drücken, um Krankenpflegerin werden zu können? Wir werden diese Quereinsteiger durch die höheren Zugangshürden verlieren, was unser Arbeitskräfteproblem nochmals wachsen lässt.

Das Problem könnte durch Zuwanderung gelöst werden. Schließlich geht es der Kommission bei ihrem Vorstoß um die EU-weite Anerkennung von Berufsabschlüssen, damit die Mobilität der der Arbeitnehmer gefördert wird.

Ich habe mir die Zahlen der europäischen Statistikbehörde angeschaut. Praktisch alle EU-Staaten leiden unter einem Mangel an Krankenpflegern, auch die osteuropäischen Länder. Die Regierungen in Ungarn oder der Tschechischen Republik werden nicht erfreut darüber sein, wenn wir dann auch noch die Fachkräfte abwerben. Nein, es gibt auf dem europäischen Arbeitsmarkt keine Alternative.

Befürworter einer längeren Ausbildung argumentieren auch, das würde den Pflegeberuf aufwerten. Dagegen ist doch wohl nichts einzuwenden?

Überhaupt nicht. Doch die Attraktivität ist nicht abhängig von der Dauer der Schulausbildung. Sie ist abhängig von einer Bezahlung, die der enormen physischen und psychischen Belastung gerecht wird. Das ist heute in der Regel nicht der Fall. Es geht um bessere Arbeitsbedingungen, um weniger Bürokratie. Und wir brauchen eine größere Durchlässigkeit bei den Gesundheitsberufen. Im Rahmen der geplanten Pflegereform sprechen wir beispielsweise über eine Zusammenführung der Fachausbildung in der Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege. Auch das macht eine Beschäftigung in dieser Branche attraktiv. Eine Akademisierung des Pflegeberufs brauchen wir nicht. Es ist ja nicht so, dass unser Gesundheitssystem schlecht wäre. Ganz im Gegenteil. Wir müssen uns von niemandem sagen lassen, dass wir Nachhilfe brauchen.

Sie haben vor zehn Tagen mit Gesundheitskommissar John Dalli über das Thema gesprochen. Wie hat er auf Ihre Argumente reagiert?

Wir haben fast eine Stunde über alle Einzelheiten gesprochen. Er ist sehr aufgeschlossen gegenüber der deutschen Position. Doch Dalli ist leider nicht zuständig, weil das Ganze nicht unter dem Gesichtspunkt des Gesundheitswesens gesehen wird, sondern als Problem des Binnenmarktes. Er hatte mir zwar zugesagt, nochmals mit Binnenkommissar Michael Barnier zu sprechen. Doch große Hoffnungen machte er mir damals nicht.

Was groß sind die Chancen für Deutschland, Barniers Pläne noch zu stoppen?

Wir bräuchten die Hilfe anderer Länder, was sich derzeit nicht abzeichnet. Bisher haben wir keine großen Unterstützer. Jetzt müssen wir mit den Partnern sprechen, um die Verschärfung zu verhindern. Es wird allerdings nicht einfach, die deutsche Position durchzusetzen.

Das Gespräch führte Timot Szent-Ivanyi.

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