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Interview: Das große Geschäft mit der Flüchtlingskrise

Zwei Security Mitarbeiter halten Wache vor einer Flüchtlingsunterkunft

Immer mehr Flüchtlingsunterkünfte werden privatisiert und an Sicherheitsfirmen ausgelagert.

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dpa

Berlin -

Der australische Bestsellerautor und Guardian-Kolumnist Antony Loewenstein, bekannt unter anderem für „My Israel Question“ (2006), hat sein neues, vielbeachtetes Buch „Disaster Capitalism“ weltweit recherchiert und nun in Berlin vorgestellt. Im Interview erklärt er, wie in Deutschland und der Welt Geschäfte mit der Flüchtlingskrise gemacht werden.

Herr Loewenstein, Sie recherchieren seit Jahren zum Thema Privatisierung der Flüchtlingsbetreuung. Was heißt das genau?

Es geht vor allem um die Privatisierung von Flüchtlingsunterkünften. Meine Heimat Australien ist das einzige westliche Land, das alle Unterkünfte für Migranten an private Anbieter ausgelagert hat. In diesen Lagern, die sich zum Teil auf Pazifikinseln befinden, gab es unzählige Fälle von körperlichem und sexuellen Missbrauchs durch Sicherheitsleute. Weil die Betreiber Profit machen wollen, heuern sie schlecht ausgebildetes und unqualifiziertes Personal an. Auch die Gesundheitsversorgung ist unzureichend, weil die Firmen eben wenig Geld dafür ausgeben wollen.

Könnten solche Vorfälle nicht auch in staatlich geführten Einrichtungen passieren?

Natürlich gibt es derartige Probleme auch in öffentlichen Einrichtungen. Aber es gibt klare Anhaltspunkte dafür, dass überall dort, wo Flüchtlinge als Profitmasse angesehen werden, die Bedingungen in den Einrichtungen für Personal wie Flüchtlinge schlechter sind. Es gibt keine Anreize für Firmen, Geld für gute Leistungen anzubieten.

Sehen Sie das Problem auch in Deutschland?

Ja, auch Deutschland und einige Nachbarländer haben die Flüchtlingsbetreuung zum Teil an private Firmen ausgelagert. European Homecare und ORS sind wichtige Player.

European Homecare stand 2014  in der Kritik, weil Wachleute in einer Einrichtung in Burbach Flüchtlinge misshandelten. Im vorigen Jahr gab es Kritik an den Zustände in einem Flüchtlingslager bei Wien.

Solche Probleme sind unvermeidlich. Aber Regierungen, die die Flüchtlingsunterbringung an private Firmen auslagern, ist das egal. Gerade Traiskirchen ist ein perfektes Beispiel für das Versagen einer privat geführten Einrichtung: Der Betreiber ORS hat bewusst entschieden, so wenig Geld wie möglich für Essen und Wohnraum auszugeben. Das Resultat war, dass Flüchtlinge unter freiem Himmel schlafen mussten und schlechtes, teils vergammeltes Essen bekamen. Der Überbelegung wurden keine Grenzen gesetzt.

Wie steht es um das Personal in privaten Einrichtungen?

Das Personal ist oft schlechter ausgebildet und kann nicht angemessen mit Problemen umgehen, die sich aus der Arbeit mit traumatisierten Flüchtlingen ergeben. Meine Recherchen in Australien, den USA und Großbritannien zeigten, dass Personal in privaten Einrichtungen kaum Hilfe bei der Bewältigung des Arbeitsstress‘ erhalten und oft psychische Probleme entwickeln. In den öffentlichen Flüchtlingseinrichtungen, die ich in verschiedenen Ländern besucht habe, ist das viel seltener der Fall.

Deutschland hat im vorigen Jahr Hunderttausende Flüchtlinge aufgenommen. Viele Gemeinden sind hoch verschuldet und mit der Versorgung überfordert. Ist es da nicht naheliegend, Hilfe bei privaten Anbietern zu suchen?

Kurzfristig vielleicht schon und ich kann jeden Lokalpolitiker verstehen, der das Problem – vielleicht auch noch vor der nächsten Wahl – schnell lösen möchte.  Aber auf Basis der Erfahrungen in Australien, Großbritannien und den USA ist es fast sicher, dass es zu Missbrauch kommen wird. Ich bin der Meinung, dass bestimmte gesellschaftliche Aufgaben – dazu zähle ich die Versorgung von Flüchtlingen – nicht privatisiert werden sollten. Diese sehr verwundbare Personengruppe sollte kein Objekt von Profitinteressen sein.

Ist die Flüchtlingsunterbringung für die Unternehmen lukrativ?

Die Firma Serco hat einen exklusiven Deal mit der australischen Regierung, alle Einrichtungen auf dem Festland zu betreiben. Da geht es um eine Summe von mehr als einer Milliarde Dollar. Es gibt also sehr viel Geld zu verdienen.

Was hätten Kommunen davon, alle Heime selbst zu betreiben?

Private Anbieter sind längerfristig teurer. Wenn ständig neue Flüchtlinge in großen Zahlen kommen, versuchen Anbieter ihre Verträge neu zu verhandeln, um bessere Konditionen herauszuholen. Das habe ich bereits in Australien, Großbritannien und den USA beobachtet. Die Verträge, die zunächst billig erscheinen, können so schnell teuer werden. Für die Kommunen könnte es sich also auch finanziell auszahlen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.


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