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Interview mit Anne Wizorek zu den Übergriffen in Köln : „Rassistische Standpunkte überwiegen in der jetzigen Debatte“

Die Frau, die aufschreit: Anne Wizorek (Archivbild)

Die Frau, die aufschreit: Anne Wizorek (Archivbild)

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blz/pritzkuleit

Berlin -

Frau Wizorek, Sie haben bei Twitter den #Aufschrei gegen Rainer Brüderle angeführt. Schreien Sie jetzt auch?

Aufschrei wurde nicht gegen Rainer Brüderle initiiert. Das war ein zeitlich zufälliges Zusammentreffen. Deshalb ist es ein bisschen bizarr, dass man uns vorwirft, wir hätten Brüderle kritisiert, kritisierten aber nicht das, was in Köln passiert ist. Wir beschäftigen uns tagtäglich mit diesen Themen und verdeutlichen, dass Sexismus und sexualisierte Gewalt zusammen hängen.

Trotzdem steht der Vorwurf der Tabuisierung gegen die linke und liberale Öffentlichkeit im Raum.

Er ist absurd. Wir verurteilen sexualisierte Gewalt von Migranten genauso wie von Nicht-Migranten. Jeder Übergriff ist einer zu viel.

Noch ist nur teilweise klar, wer in Köln was genau getan hat und warum. Wie bewerten Sie denn das, was wir bisher wissen?

Dass Frauen im öffentlichen Raum sexuell belästigt werden, ist nicht neu. Aber die Massivität, in der das offenbar in Köln geschehen ist, die ist neu. Andererseits meldet das Oktoberfest pro Jahr im Schnitt zehn Vergewaltigungen; die Dunkelziffer wird auf 200 geschätzt. Im Karneval werden Frauen K.O.-Tropfen verabreicht. Darüber finden keine Debatten statt. Dabei zeichnet sich sexualisierte Gewalt dadurch aus, dass sie überall und von allen Schichten verübt wird, von Migranten ebenso wie von Nicht-Migranten.

Es macht aus Ihrer Sicht also keinen Unterschied, dass die Täter offenbar einen Migrationshintergrund hatten?

Nein. Warum sollte es das? Alle Menschen, die das tun, müssen bestraft werden. Der Unterschied besteht darin, dass die Vorfälle nun instrumentalisiert werden – gerade auch von Leuten, die solche Vorfälle während der Aufschrei-Debatte noch verharmlosten. Rechtskonservative, und leider auch einige Feministinnen, nutzen die Geschehnisse in Köln nun für rassistische Hetze.

Ist es nicht so, dass Männer aus der islamischen Welt mit einem anderen Frauenbild aufwachsen und deshalb eher zu sexueller Gewalt neigen?

Sexismus beschränkt sich nicht auf diese Menschengruppe. Er durchzieht unsere gesamte Gesellschaft – und das ist das Problem, über das wir reden müssen. Wir dürfen das Thema nicht nur dann entdecken, wenn es um Täter mit Migrationshintergrund geht. Die Leute, die die Vorfälle von Köln kritisieren, sind gleichzeitig oft jene, die sexualisierte Gewalt von Deutschen verharmlosen und betroffenen Frauen die Schuld daran geben.

Trotzdem: Potenzieren viele junge Männer aus muslimischen Ländern womöglich das Dilemma? Ein knappes Drittel der verdächtigen Sexualstraftäter sind Ausländer.

Die Probleme Sexismus und sexualisierte Gewalt sind wie gesagt schon längst da. Warum wir sie immer erst in den Fokus nehmen, wenn sie von muslimischen Männern ausgehen, verstehe ich allerdings nicht. Auch ein Rainer Brüderle war zum Beispiel unter Hauptstadt-Journalistinnen als notorischer Belästiger bekannt, aber mir ist nicht bekannt, dass er dem Islam angehört. Die deutschen muslimischen Männer, die sich für eine gleichberechtigte Gesellschaft stark machen, kommen wiederum in der Debatte gar nicht erst vor.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Anne Wizorek die Probleme im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise sieht.

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