blz_logo12,9

Interview mit Kardinal Müller: Was ist im Islam anders als im Christentum?

kardinal müller vatikan

Kardinal Gerhard Ludwig Müller.

Foto:

dpa

Herr Kardinal, Sie haben in Köln unter dem Titel referiert, „Die Wahrheit wird euch frei machen“. In vielen Ländern sitzen Regimegegner in Haft, weil sie die Wahrheit gesagt haben, viele Journalisten, auch ein Whistleblower wie Edward Snowden. Wem gilt eigentlich Ihre Botschaft?

Es geht in diesem Bibelwort aus dem Johannes-Evangelium um die existenzielle Freiheit des Menschen, die aus dem Glauben an Gott kommt: die Freiheit von der Angst um sich selbst, Freiheit von Sünde und der Verfallenheit an das Nichts. In diesem Sinn kann ein ungerecht Gefangener innerlich freier sein als seine Peiniger. Männer wie Pater Maximilian Kolbe oder Dietrich Bonhoeffer bezeugen uns das. Oder heute auch die Christen, die vom IS enthauptet worden sind, weil sie ihrem Glauben treu bleiben wollten.

Wie wollen Sie vermeiden, dass aus dieser Sicht – die Opfer sind freier als die Täter - ein Freifahrtschein für Diktatoren und Terroristen wird?

Ich versuche, es konkret zu machen: Dietrich Bonhoeffer hat sich dem Unrechtsregime der Nationalsozialisten aktiv entgegengestellt. Der Kampf gegen Ungerechtigkeit ist notwendig. Aber es kann die Stunde der Ohnmacht kommen. Dann gilt es, sich nicht vom Bösen überwältigen zu lassen, sondern die innere Freiheit zu bewahren; wie Jesus sagt, sich nicht vor denen zu fürchten, die zwar den Leib, aber nicht die Seele töten können (Matthäus 10,28). Beides kommt im Titel von Bonhoeffers wichtigstem Werk zum Ausdruck: „Widerstand und Ergebung“.

Was heißt das heute für die Auseinandersetzung mit den Terroristen des IS?

Ich halte neben politischen auch militärische Maßnahmen für erlaubt und unter Umständen für erforderlich, aber nicht für ausreichend. Als Christen muss es uns mindestes ebenso sehr um die Überzeugung gehen, dass es ein Widerspruch in sich ist, im Namen Gottes, der nur das Gute will, Böses zu tun. Ich sehe deshalb eine große Aufgabe für die religiösen Führer besonders des Islams darin, das Gros der Gläubigen zu trennen von der Ideologie der Islamisten. Das sind Feinde der Menschenrechte, die von Gott selbst in die Natur des Menschen gelegt sind.

Macht es einen Unterschied, ob es der Gott der Christen oder Gott der Muslime ist, in dessen Namen Menschen behaupten zu agieren?

Böses zu tun, ist niemals legitim und schon gar nicht im Namen Gottes. Nach den Quellen des Islams – der Koran, die Scharia – gibt es aber einen Unterschied in der Legitimation von Gewalt. Dennoch ist auch für die Muslime Gott der Schöpfer des Lebens, der Allbarmherzige und Gnädige. Schon nach den Gesetzen der Logik sollte man deshalb auf den inneren Widerspruch von Gewalt im Namen Gottes stoßen. Darauf dürfen wir Christen die Muslime hinweisen, auch wenn wir uns mit selbstgerechten Belehrungen zurückhalten sollten. 

In der Kirchengeschichte hat es auch ganz schön lange gedauert, bis dieser Widerspruch aufgefallen ist.

Die Botschaft Jesu  lässt aber keine Legitimation von Gewalt zu. Es war religions- und machtpolitischer Missbrauch, der dazu geführt hat - in geschichtlichen Konstellationen, die mit der heutigen Situation nicht zu vergleichen sind.

Und das ist im Islam anders?

Das Gottesverständnis ist unterschiedlich. Im Christentum ist Liebe die zentrale Wesensaussage von Gott, aus der sich seine grenzenlose Geduld und Barmherzigkeit für uns ergeben. Der Islam kennt keine solche Selbstoffenbarung Gottes, sondern nur eine Willenskundgabe und stellt einzelne Sätze des Propheten über Gott und seine Weisungen nebeneinander. Dazu gehört eben unter Umständen auch gewaltsames oder kriegerisches Handeln im Namen Gottes. Aber ich hoffe, dass auch eine andere Interpretation legitim ist und sich durchsetzt.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was Kardinal Müller von „Christenbeschützer“ Wladimir Putin hält.

nächste Seite Seite 1 von 5

  • Nachrichten
  • Panorama
Newsticker