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Interview mit Ole von Beust: "Schwulenehe ist etwas sehr Konservatives"

Ole von Beust ist vom furchtsamen Kurs seiner Partei oft enttäuscht. Sein Vertrauen ruht auf Angela Merkel. „Gnade uns Gott, wenn sie mal nicht mehr da ist“, sagt er.
Ole von Beust ist vom furchtsamen Kurs seiner Partei oft enttäuscht. Sein Vertrauen ruht auf Angela Merkel. „Gnade uns Gott, wenn sie mal nicht mehr da ist“, sagt er.
Foto: dpa

Ole von Beust, ehemaliger Hamburger Bürgermeister, CDU-Politiker und bekennender Schwuler, über die Ängste seiner Partei und die Probleme mit der Großstadtkompetenz.

Es war der eigene Vater, der den damaligen Ersten Bürgermeister von Hamburg als homosexuell outete. Ole von Beusts Karriere schadete es nicht. Er holte die absolute Mehrheit und schmiedete später die erste schwarz-grüne Koalition auf Landesebene. Fast neun Jahre war der beliebte CDU-Politiker Bürgermeister der Hansestadt. Amtsmüde geworden trat er vor drei Jahren zurück. Seine Partei liegt seitdem auf dem Boden. Der 57-Jährige genießt dagegen sein neues Leben als Anwalt und Unternehmensberater. Aus der Politik hält er sich heraus, den Unionsstreit um die Gleichstellung von Homosexuellen hat er mit Befremden verfolgt.

Herr von Beust, Sie wurden damals von Ihrem Vater zwangsgeoutet. Haben Sie ihm inzwischen verziehen?

Längst. Im Nachhinein hatte er Recht und es hat mir eher genützt als geschadet. Allerdings war ich damals ziemlich perplex.

Sie waren der erste schwule CDU-Regierungschef…

Ich nehme es zumindest an, man weiß ja auch nicht alles. (lacht)

Stimmt. Sie waren also der erste offen schwule CDU-Regierungschef. Was ging Ihnen durch den Kopf, als sich jüngst führende CDU-Politiker für eine Gleichstellung homosexueller Lebenspartnerschaften aussprachen?

Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass einige in der CDU-Spitze tatsächlich über ihren Schatten gesprungen waren. Ich dachte, endlich ist der Knoten geplatzt, und mit dem Thema wird auch in meiner Partei gelassen und sachgerecht umgegangen. Umso enttäuschter war ich, als nachher nichts daraus geworden ist.

Die CDU-Spitze hatte ihren Mut sehr schnell wieder verloren. Warum?

In der Unions-Führung herrscht die Sorge vor dem Vorwurf, die CDU würde ihre konservative Stammklientel vernachlässigen. Man fürchtet Schlagzeilen, dass die CDU schon wieder eine konservative Bastion aufgibt und nach links rückt. Dabei hat das Thema Gleichstellung überhaupt nichts mit links oder rechts zu tun. Ich vermute auch, dass es ein dringender Wunsch der CSU war, die Gleichstellung vor der Landtagswahl nicht zu thematisieren, weil man den bayerischen Wähler für konservativer hält und nicht verschrecken wollte.

Beide Befürchtungen halten Sie für unbegründet?

Ja. Es gibt nichts Konservativeres als die Ehe. Wenn Menschen, ob nun gleichgeschlechtlich oder nicht, eine dauerhafte Bindung eingehen, sich Treue und Fürsorge versprechen und den Staat entlasten, dann ist das doch ein sehr konservativer Gedanke. Der britische Premier David Cameron hat mal gesagt, er sei für die Gleichstellung, gerade weil er ein Konservativer sei. Mir hat noch keiner rational begründen können, warum es gegen konservative Prinzipien sein soll, wenn gleichgeschlechtliche Menschen feste Bindungen eingehen und genauso privilegiert werden wie Verheiratete.

"Ich bin Christdemokrat und nicht Konservativer"

Aber viele Stammwähler tun sich schwer mit den jüngsten Positionsverschiebungen. Erst der Atomausstieg, dann das Ende der Wehrpflicht.

Aber es ist doch nicht der Markenkern der Union, gegen schwule Ehen oder für Atomkraft zu sein. Wenn man mich fragt, sage ich ohnehin, ich bin Christdemokrat und nicht Konservativer. Wie will man konservativ heute überhaupt noch definieren? In Zeiten der Globalisierung können Sie mit lokaler und nationaler Politik Veränderungen nicht mehr aufhalten. Was bleibt, ist ein diffuses Bauchgefühl, was alles konservativ sein soll. Aber das muss einer Begründung standhalten.

Sie gehen nicht davon aus, dass es einen Aufstand der Basis geben würde?

Nein. Die CDU-Spitze vermutet eine starke konservative Gruppierung, die sie mit einer offensiven Gleichstellungspolitik vergraulen würde und übersieht dabei, dass das selbst für die bürgerliche Klientel gar kein Thema ist. Ich nehme den Ehen ja auch nichts weg. Die werden deshalb nicht schlechter gestellt. Wir haben in Deutschland 17 oder 18 Millionen heterosexuelle Ehen und 30 000 eingetragene Partnerschaften. 99,98 Prozent leben also in einer klassischen Ehe. Wegen 0,02 Prozent soll die jetzt gefährdet sein? Das ist doch absurd. Wähler in den Großstädten schreckt man mit so einer Politik sogar ab. Für sie ist die Haltung zu dem Thema ein Indiz für die Offenheit einer Partei. Das macht es für viele sehr schwer, die CDU zu wählen.

Gegen die steuerliche Gleichstellung haben die wenigsten etwas, beim Thema Adoption dürften die Meinungen etwas auseinandergehen.

Das kann ich gut verstehen. Sogar ich tue mich damit schwer. Aber ich weiß, dass es genug Untersuchungen gibt, wonach es für die Kinder keinen Unterschied macht. In Wirklichkeit geht es doch sowieso nur um einen geringen Kreis von Betroffenen. Es wird aber so getan, als ob dann Hunderttausende Homosexuelle Kinder adoptieren wollen.

Der CSU-Generalsekretär findet, die Union müsse der stillen Mehrheit eine Stimme gegen eine schrille Minderheit geben.

Das hat mich richtig geärgert. Aus meiner Sicht ist es für eine christliche Partei wichtig zu sagen, dass sich die moralische Reife einer Gesellschaft gerade darin zeigt, wie sie mit einer Minderheit umgeht. Sich dem Mainstream anzuschließen, ist billig. Mit christdemokratischer Politik hat das nichts mehr zu tun. Die Diskussion gerade in der CDU läuft auch verbal sehr verquast. Da heißt es oft, dass die Menschen ihren eigenen Lebensentwurf machen dürfen. Ob ich schwul bin oder nicht ist kein Lebensentwurf. Ich habe mir mein Schwulsein nicht ausgesucht.

"Stärke der CDU liegt allein in Angela Merkel"

Offenkundig hält man es in der Unionsspitze für opportun, wenn man dem Wähler sagen kann, Karlsruhe habe zur steuerlichen Gleichstellung gezwungen.

Mag sein. Das Problem ist nur, dass nach dem Urteil die Diskussion losgehen wird, wie rückständig die Union ist, wenn sie schon wieder von Karlsruhe zu einer modernen Politik gezwungen werden muss. Die Fragen über Großstadtkompetenz und was eine moderne Partei auszeichnen muss, haben wir dann mitten im Wahlkampf. Und das ist schädlicher, als wenn man sich jetzt einen Ruck gegeben hätte.

Ist der CDU nicht jede Großstadtkompetenz verlorengegangen?

Zumindest die Kompetenzvermutung ist weg. Das liegt daran, dass die CDU bei bestimmten Positionen eine Politik vertritt, die schwer großstadtkompatibel ist. Wenn Eltern zum Beispiel keinen Kindergartenplatz bekommen oder horrende Gebühren zahlen müssen und auf der anderen Seite Millionen für das Betreuungsgeld ausgegeben werden, dann haben Sie als Partei ein Glaubwürdigkeitsproblem. Das ist eine anachronistische Politik, die an den Problemen der Großstädte vorbei geht. Wie bei der Gleichstellung hat sich die CDU auch bei der Integration oder der Drogenpolitik lange sehr schwer getan. Deshalb wird sie gerade in Städten als nicht auf der Höhe der gesellschaftlichen Themen gesehen, so sehr man auf der anderen Seite die Kanzlerin schätzt.

Dass die CDU das Großstadtproblem hat, ist ja nicht neu. Warum folgt nichts daraus?

Sie müssen die Kraft haben, über Ihren Schatten zu springen. Aber dieser Mut fehlt zu häufig. Die beste Analyse hilft nichts, wenn ich mein Verhalten nicht ändere, und zwar überzeugend ändere. Die Stärke der CDU liegt allein in Angela Merkel. Gnade uns Gott, wenn sie mal nicht mehr da ist, aus welchem Grund auch immer. Dann fallen wir als Union in ein großes Loch.

Das Gespräch führte Mira Gajevic.

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