image001
Nachrichten aus Berlin und der ganzen Welt

Interview mit Sahra Wagenknecht: „Berlin hat Unsummen in den Sand gesetzt“

Sahra Wagenknecht hofft auf einen Machtwechsel in Athen.

Sahra Wagenknecht hofft auf einen Machtwechsel in Athen.

Foto:

dpa

Berlin -

Frau Wagenknecht, am kommenden Sonntag wählt Griechenland. Wollen Sie denn wirklich, dass das Linksbündnis Syriza von Alexis Tsipras gewinnt?

Natürlich. Griechenland könnte das Signal sein, dass sich Länder nicht länger den unsäglichen Kürzungsdiktaten der Troika unterwerfen, die die Krise nur verschärfen.

Wenn Tsipras gewinnt und seine Pläne wahr macht, könnte Griechenland aus der Eurozone fliegen.

Ich gehe nicht davon aus, dass Griechenland aus der Eurozone fliegt.

Die Bundesregierung stellt sich angeblich schon darauf ein.

Das ist ein durchsichtiger Versuch, sich in den griechischen Wahlkampf einzumischen. Die Bundesregierung will nicht zugeben, dass sie mit ihrer verfehlten Euro-Politik Unsummen in den Sand gesetzt hat. Europas Steuerzahler haben Griechenland inzwischen 240 Milliarden Euro geliehen. Doch dieses Geld ist nicht nach Griechenland geflossen, sondern zu 95 Prozent an den Finanzsektor. So konnten sich Banken und Hedgefonds aus der Verantwortung stehlen. Die Griechen werden es nicht zurückzahlen können. Diese schlimme Wahrheit will Angela Merkel den Wählern nicht sagen.

Griechenland braucht Schuldenschnitt

Angeblich spricht Tsipras mit der Bundesregierung. Wird das Einknicken da schon vorbereitet?

Dass er mit Vertretern der Bundesregierung redet, ist doch sinnvoll. Aber Griechenland braucht einen Schuldenschnitt. Und wir brauchen europaweit eine Vermögensabgabe für Multimillionäre, die heute wesentlich reicher sind als vor Ausbruch der Krise. Bisher haben in allen Ländern die Falschen für die Krisenfolgen bezahlt.

Das heißt, Sie erwarten, dass sich die Beteiligten in der Mitte treffen.

Ich erhoffe mir eine Diskussion über eine andere europäische Politik. Seit Jahren wächst in Europa die Ungleichheit. Die Mittelschicht wird schmaler, die Armut größer, und an der Spitze sammelt sich immer mehr Reichtum – bei weiter wachsenden Staatsschulden. Selbst Frau Merkel sollte irgendwann begreifen, dass diese Politik in die Katastrophe führt. Wir haben ja auch in anderen Ländern erstarkende Linksbündnisse wie in Spanien.

Sie spielen auf die linkspopulistische Bewegung Podemos in Spanien an. Zugleich gibt es in Frankreich den rechtsextremen Front National. Wird Ihnen beim Hochschaukeln dieser Extreme nicht selbst etwas bange?

Das sind nicht zwei Extreme. Syriza und Podemos sind linke Bewegungen mit vernünftigen Forderungen. Das Schlimme ist, dass Wohlstandsverluste und Abstiegsängste auch dazu führen, dass rechtspopulistische Parteien Resonanz bekommen. Wenn die Bundesregierung erst aufwacht, wenn Marine Le Pen französische Präsidentin wird, dann ist es zu spät.

Linken-Spitze will sich mit Pegida-Anhängern treffen

Da wären wir bei Pegida. Gregor Gysi will mit Pegida-Anhängern reden. Sie auch?

Ja. Die Organisatoren von Pegida schüren rassistische Ressentiments und machen Stimmung gegen Flüchtlinge. Aber es gibt eine Reihe von Leuten, die da hingehen, weil sie die herrschende Politik ablehnen, weil sie empört sind über prekäre Jobs und miese Renten. Sie haben das Gefühl, da ist endlich mal eine Protestbewegung. Natürlich muss man mit diesen Leuten reden und ihnen deutlich machen, dass das nicht einfach eine Protestbewegung ist, sondern eine Bewegung, die Protest genau in die falsche Richtung lenkt, die Sündenböcke sucht, statt die wirklich Schuldigen und die Profiteure zu nennen.

Als Protestpartei galt bisher doch die Linke.

Das sind wir nach wie vor. Aber die Menschen haben erlebt, dass Deutschland in den letzten 15 Jahren von verschiedenen Parteien regiert wurde und die Politik stets die gleiche geblieben ist. Natürlich haben viele Zweifel, ob sie überhaupt noch einer Partei vertrauen können, ob nicht alle in der Opposition schöne Reden schwingen, sich aber nichts ändert, wenn sie regieren. Wir müssen deutlicher machen: Wir sind nicht wie die anderen und lassen uns nicht kaufen.

Ist Pegida typisch ostdeutsch?

Nein. Natürlich ist es besonders absurd, wenn ausgerechnet in Dresden, wo nahezu keine Muslime leben, vor der Islamisierung des Abendlandes gewarnt wird. Aber Befragungen der Pegida-Teilnehmer zeigen, dass vielen das Thema Islam und Zuwanderung ziemlich egal ist. Natürlich gibt es auch Ressentiments, aber die findet man im Westen genauso.