blz_logo12,9

Interview mit Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer: „Ende der Gewaltspirale ist nicht in Sicht“

Die Silvesternacht in Köln, in der es zu einer Eskalation der Massen kam.

Die Silvesternacht in Köln, in der es zu einer Eskalation der Massen kam.

Foto:

dpa

Herr Heitmeyer, Bundesjustizminister Heiko Maas wird nicht müde zu behaupten, die Silvester-Übergriffe in Köln oder Hamburg seien Folge einer organisierten Kriminalität. Teilen Sie seine Ansicht?

Die Sichtweise ist völlig falsch und ich weiß auch nicht, wie einem Justizminister eine solche Fehleinschätzung unterlaufen kann. Der BKA-Präsident hat dies inzwischen auch bestätigt. Organisierte Kriminalität hat klare Strukturen, harte Hierarchien, vermeidet Öffentlichkeit und zielt auf materielle Gewinne. In Köln war die Strukturlosigkeit das Kennzeichen auf dem Hintergrund eines gemeinsamen Hintergrundes zur Demonstration von Macht.

Wie mobilisieren Tätergruppen?

Nun, es ist ja inzwischen wirklich nicht neu, wie das über die neuen Kommunikationsmittel verläuft. Wir kennen das von den gewaltbereiten Fußballfans und auch von den Ausschreitungen in Paris, London und anderswo. Entscheidend ist die gemeinsame Motivation, um auch ein gemeinsames Auftreten zu inszenieren.

Politiker haben immer wieder betont, es handle sich um einen „Zivilisationsbruch“. Sehen Sie das als Gewaltforscher auch so?

Das ist wieder eine völlige Fehleinschätzung, denn zurecht wird der Begriff des Zivilisationsbruchs nur mit dem Holocaust in Verbindung gebracht. Auch hier geht es wohl eher um die Medienaufmerksamkeit für einen Minister.

Wie funktioniert die Eskalation von Massen aus Sicht der Wissenschaft? Welche Mechanismen greifen da ineinander?

Es müssen verschiedene Faktoren zusammenwirken, um die Eskalationsmechanismen in Gang zu setzen. In Köln war eine notwendige Bedingung, dass eine Opfergruppe, die Frauen, markiert wurde. Dies ist nicht hinreichend. Es muss eine kritische Masse von gleichgesinnten Tätern zusammenkommen und der Termin, also Silvester mit den eigenen Elementen wie Lärm, Alkohol, gelockerten Regeln, verdichteter Raum mit schnellem Körperkontakt und Dunkelheit dazukommen. Die Masse erleichtert die Vorkommnisse, weil Taten nicht individuell zugerechnet werden können und schnelle Fluchtwege zum Teil zur Verfügung stehen. Hinzu kommt die Kontrollfähigkeit der Polizei bzw. der zeitweilige Kontrollverlust im Verhältnis zur kritischen Masse. Zumal, da es immer eine schwierige Balance für die Polizei bedeutet, zwischen Unterreaktion, die die Täter ermuntert, und Überreaktion, die Aggressivität und Solidarisierungen verstärkt.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: So kommen Gewaltspiralen in Gang

nächste Seite Seite 1 von 2

  • Nachrichten
  • Panorama
Newsticker

Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?