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Berliner Zeitung | Interview mit Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer: „Ende der Gewaltspirale ist nicht in Sicht“
15. January 2016
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Interview mit Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer: „Ende der Gewaltspirale ist nicht in Sicht“

Die Silvesternacht in Köln, in der es zu einer Eskalation der Massen kam.

Die Silvesternacht in Köln, in der es zu einer Eskalation der Massen kam.

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dpa

Herr Heitmeyer, Bundesjustizminister Heiko Maas wird nicht müde zu behaupten, die Silvester-Übergriffe in Köln oder Hamburg seien Folge einer organisierten Kriminalität. Teilen Sie seine Ansicht?

Die Sichtweise ist völlig falsch und ich weiß auch nicht, wie einem Justizminister eine solche Fehleinschätzung unterlaufen kann. Der BKA-Präsident hat dies inzwischen auch bestätigt. Organisierte Kriminalität hat klare Strukturen, harte Hierarchien, vermeidet Öffentlichkeit und zielt auf materielle Gewinne. In Köln war die Strukturlosigkeit das Kennzeichen auf dem Hintergrund eines gemeinsamen Hintergrundes zur Demonstration von Macht.

Wie mobilisieren Tätergruppen?

Nun, es ist ja inzwischen wirklich nicht neu, wie das über die neuen Kommunikationsmittel verläuft. Wir kennen das von den gewaltbereiten Fußballfans und auch von den Ausschreitungen in Paris, London und anderswo. Entscheidend ist die gemeinsame Motivation, um auch ein gemeinsames Auftreten zu inszenieren.

Politiker haben immer wieder betont, es handle sich um einen „Zivilisationsbruch“. Sehen Sie das als Gewaltforscher auch so?

Das ist wieder eine völlige Fehleinschätzung, denn zurecht wird der Begriff des Zivilisationsbruchs nur mit dem Holocaust in Verbindung gebracht. Auch hier geht es wohl eher um die Medienaufmerksamkeit für einen Minister.

Wie funktioniert die Eskalation von Massen aus Sicht der Wissenschaft? Welche Mechanismen greifen da ineinander?

Es müssen verschiedene Faktoren zusammenwirken, um die Eskalationsmechanismen in Gang zu setzen. In Köln war eine notwendige Bedingung, dass eine Opfergruppe, die Frauen, markiert wurde. Dies ist nicht hinreichend. Es muss eine kritische Masse von gleichgesinnten Tätern zusammenkommen und der Termin, also Silvester mit den eigenen Elementen wie Lärm, Alkohol, gelockerten Regeln, verdichteter Raum mit schnellem Körperkontakt und Dunkelheit dazukommen. Die Masse erleichtert die Vorkommnisse, weil Taten nicht individuell zugerechnet werden können und schnelle Fluchtwege zum Teil zur Verfügung stehen. Hinzu kommt die Kontrollfähigkeit der Polizei bzw. der zeitweilige Kontrollverlust im Verhältnis zur kritischen Masse. Zumal, da es immer eine schwierige Balance für die Polizei bedeutet, zwischen Unterreaktion, die die Täter ermuntert, und Überreaktion, die Aggressivität und Solidarisierungen verstärkt.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: So kommen Gewaltspiralen in Gang

Wie ist es mit der Gewaltbereitschaft von Tätern aus Nordafrika?

Die jungen Generationen in Nordafrika befinden sich in einer dramatischen Lage, die sich nicht verändern wird. Eine sehr große Zahl junger Männer kämpft um wenige Chancen gesellschaftlicher Anerkennung über Arbeit. Dadurch entsteht Aggressivität, zumal, wenn es in patriarchalischen Verhältnissen entsprechende Rollenvorbilder gibt mit der Botschaft von der Überlegenheit des Mannes und der Ungleichwertigkeit von Frauen. Als viertes kommt hinzu, dass die Kommunikationsmittel die Verlockungen des Westens zeigen. Sie haben nichts zu verlieren – außer Elend und Hoffnungslosigkeit. Resignation ist eine Reaktion, dem gegenüber sind Gewalt und Radikalisierung dann attraktive Quellen von Anerkennung. Auf wessen Kosten auch immer – und da sind Frauen das schwächste Opfer.

Die Bevölkerungszusammensetzung in Deutschland verändert sich gerade deutlich. Wie wichtig ist es nun, eine Verständigung darüber zu finden, was Integration ist ?

Der Begriff der „Integration“ ist ja zu einer Leerformel verkommen und wird zumeist als Nebelwerfer eingesetzt. Es geht nach unserer Konzeption um drei Gelegenheitsstrukturen, die diese Gesellschaft bereitstellen muss: Chancen auf materielle Reproduktion, also eigene materielle Versorgung über Arbeit und damit verbundenen Anerkennungsmöglichkeiten, zweitens um Vergesellschaftung, also dass man in der Öffentlichkeit eine Stimme hat und wahrgenommen wird, und drittens um Vergemeinschaftung, also die Anerkennung der eigenen Identität und der eigenen Gruppe. Erst dann ist auch zu erwarten, dass es zu Anerkennung von Regeln und Normen in dieser Gesellschaft kommt.

Wie stark wird der Rechtspopulismus hierzulande on den Ereignissen profitieren?

Rechtspopulistische Bewegungen sind auf emotional ausbeutbare Signalereignisse angewiesen. Köln war ein solches Signalereignis gegen das rationale Hinweise nicht mehr ankommen. Und wenn dann noch die Parolen wie „Ganze Härte des Gesetzes“ ständig wiederholt werden, obwohl sie gar nicht eingelöst werden kann, erfolgt die verstärkte Verhöhnung von Politik durch Bevölkerungskreise, die ohnehin ihre rohe Bürgerlichkeit pflegen.

Jüngst wurden in Köln Ausländer auf offener Straße angegriffen. Die Täter verstehen die Debatte offenbar als Freibrief zur Gewaltanwendung.

Ja, die Kölner Ereignisse sind Legitimationen zur Anwendung von „Gegengewalt“. So kommen Gewaltspiralen in Gang, deren Ende nicht abzusehen ist, zumal die Radikalisierungsparolen der rechtspopulistischen Bewegungen immer schärfer werden müssen, weil sonst keine Medien berichten und Öffentlichkeitsresonanz ausbleibt.

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