Neuer Inhalt
Berliner Zeitung | Islamwissenschaftler Nordbruch: „Salafisten machen ähnliche Angebote wie Rechtsextreme“
23. March 2016
http://www.berliner-zeitung.de/23776246
©

Islamwissenschaftler Nordbruch: „Salafisten machen ähnliche Angebote wie Rechtsextreme“

Götz Nordbruch 230316

Der Islamwissenschaftler Dr. Götz Nordbruch.

Foto:

imago/Jens Jeske

Herr Nordbruch, was ist falsch gelaufen, wenn junge Muslime sich radikalisieren?

Wir beobachten seit längerem eine zunehmende Polarisierung. Das betrifft die Islamfeindlichkeit, die sich in Deutschland aktuell etwa bei Pegida äußert, aber auch eine Polarisierung aufseiten von jungen Muslimen. Letztere hat mit der Unsicherheit über die eigene Position in der Gesellschaft zu tun. Einerseits hat sich viel getan, was die Anerkennung von Muslimen angeht. Andererseits gibt es jene, die infrage stellen, ob Muslime überhaupt zur Gesellschaft dazugehören. Auf diese Weise entsteht eine Verunsicherung, die von Salafisten ausgenutzt wird.

 

Wie und warum gelingt ihnen das?

Salafisten bieten einfache und klare Antworten auf die Fragen, die viele muslimische Jugendliche haben. Sie bieten ihnen eine Gemeinschaft, die ihnen Orientierung und Halt gibt. Dieser Rückzug auf eine Gemeinschaft in Abgrenzung zur Gesellschaft drum herum führt natürlich nicht immer zu Gewalt. Bei wem das der Fall ist, hängt oft auch davon ab, in welche Kreise er genau gerät.

 

Was sind die Themen, mit denen Salafisten die jungen Menschen für sich einnehmen?

Es geht viel um die Politik im Nahen Osten. Da gibt es ein Grundgefühl, das besagt: Der Westen tritt angeblich immer für die Menschenrechte ein, führt aber Krieg gegen die Muslime. Und es gibt noch andere Themen, mit denen Salafisten die vermeintliche Unmoral der Gesellschaft darstellen: Geschlechterrollen, Homo-Ehe, Kapitalismus, Drogen und Pornografie. Es geht um gesellschaftliche Themen, die dann religiös aufgeladen werden. Deshalb ist die Sache auch für Konvertiten so attraktiv.

Welche Jugendlichen sind anfällig für die Radikalisierung, kann es jede Familie treffen?

Im Grunde schon. Die Biografien sind sehr vielfältig. Man hat immer das Bild der Kleinkriminellen, der gesellschaftlichen Verlierer im Auge. Die spielen auch eine große Rolle. Aber es betrifft in der Realität auch Jugendliche, denen eigentlich alle Chancen offenstehen. Sie sind gebildet, integriert und stammen auch aus stabilen Elternhäusern. Und trotzdem sind sie anfällig. Das Spektrum derer, die aus Europa zum Dschihad nach Syrien gegangen sind, deckt vom Arbeitslosen bis zum Universitätsmitarbeiter alles ab. Entscheidend sind also nicht nur soziale Probleme oder reale Ausgrenzung. Es geht auch um ein Bild von Muslimen als globale Opfer.

 

Was ist gerade für junge Männer, die besonders stark von der Propaganda angesprochen werden, attraktiv?

In der salafistischen Propaganda gibt es das Bild vom Mann als Löwen. Er ist in dieser Vorstellung jemand, der einerseits sehr mächtig und dominant ist, aber gleichzeitig auch eine wichtige Verantwortung für die Familie wahrnimmt. Im Gangsta-Rap etwa wird dem Mann auch die Dominanz zugesprochen, es fehlt aber die Dimension der Verantwortung, die Rolle und Aufgabe. Ich glaube, dass es in der Gedankenwelt vieler junger Männer attraktiv ist, zusätzlich zur Stärke auch eine wirkliche Rolle zugesprochen zu bekommen. Der Gangsta-Rap bietet da kaum eine Perspektive, es ist aber kein Zufall, dass sich auch aus dieser Szene junge Menschen dem Salafismus anschließen.

Auch junge Frauen spielen zunehmend eine Rolle in der Szene.

Es gibt dazu nur Schätzungen, aber zwischen 20 und 30 Prozent sind Frauen. Auch für viele von ihnen scheint es attraktiv, dass ihnen die salafistische Gedankenwelt eine feste Rolle zuschreibt – auch wenn das patriarchale System sie natürlich erheblich einengt. Das, was die allermeisten in der Gesellschaft als Freiheit erleben – nämlich die Möglichkeit zu wählen zwischen einer Karriere als Bankerin oder einem Leben als Hausfrau – ist zugleich eine enorme Herausforderung. Die rigiden Regeln der Salafisten nehmen einem die Last, selbst entscheiden zu müssen.

 

Eine komplizierte Welt einfacher machen. Ist das nicht auch der Trick von Rechtsextremen?

Genau. Die Angebote, die von Salafisten gemacht werden, sind in diesem Sinn nicht grundlegend anders als die, die von rechtsextremen Kameradschaften gemacht werden. Mit dem Unterschied natürlich, dass junge Muslime in der Gesellschaft tatsächlich mit Ressentiments konfrontiert sind. Zur Prävention ist es in beiden Fällen wichtig, Jugendlichen real aufzuzeigen, dass sie die Gesellschaft mitgestalten können.

Der Islam- und Sozialwissenschaftler Götz Nordbruch ist Mitbegründer von Ufuq (deutsch: Horizont), einer Initiative, die sich in der Präventionsarbeit gegen Radikalisierungstendenzen unter jungen Muslimen engagiert.


  • Nachrichten
  • Panorama
Newsticker