29.12.2011

Istanbuler Sammeltaxis: Kampf um den Dolmus

Von Frank Nordhausen
Mehmet Yücel vor seinem Minibus. Die gelben Schilder zeigen die Strecke an.
Mehmet Yücel vor seinem Minibus. Die gelben Schilder zeigen die Strecke an.
Foto: Frank Nordhausen
Istanbul –  

Sammeltaxis gehören zu Istanbul wie Zucker zum Tee. Deshalb schafft es der Bürgermeister nicht, sie durch neue Stadtbusse zu ersetzen. Istanbul ohne Dolmus oder Minibus? Für die Bewohner unvorstellbar.

Der Busbahnhof im Istanbuler Stadtteil Aksaray ist ein guter Startpunkt für ein Sammeltaxi; hier sind viele Fahrgäste garantiert. Bevor Mehmet Yücel die Schicht übernimmt, inspiziert er seinen Kleinbus. „Stimmt alles“, brummt er. Keine neuen Kratzer, Tank voll, Schiebetür intakt. Der kleine, kräftig gebaute Mann setzt sich hinter das riesige Lenkrad, rückt die Mütze zurecht, lässt den Motor kommen. Die ersten Passagiere steigen zu. „Ich habe jetzt vierzig Minuten“, sagt Yücel, „und die Zeit muss ich einhalten.“

Vierzig Minuten vom Busbahnhof bis zur Endstation im Bezirk Bakirköy, durch den dichten Istanbuler Nachmittagsverkehr. In Yücels Gefährt sind schon nach zwei Minuten Fahrt und drei Stopps alle Sitzplätze belegt, wer später kommt, muss stehen, was verboten ist und Strafe kostet, aber vor zwei Jahren zu einer Rebellion der Fahrer führte. Der Premierminister selbst habe die Polizei dann zurückgepfiffen, erzählt Yücel. „Wozu soll leerer Platz auch gut sein?“. Jedenfalls nicht fürs Sammeltaxi, das zu Istanbul gehört wie der Zucker zum Tee.

Kein Korsett von Haltestellen

Jeder, der am Straßenrand den Arm herausstreckt, wird eingesammelt, und jeder darf dort aussteigen, wo es ihm gefällt und der Fahrer halten kann. „Das ist Freiheit“, sagt Yücel. Kein Korsett von Haltestellen. Flexibilität. Genau das hat die weißen Kastenwagen der Marke Deutz groß gemacht. Ohne sie wäre der chaotische Verkehr in der rasant wachsenden Metropole mit derzeit etwa 15 Millionen Einwohnern nie zu bewältigen gewesen.

Die Bosporus-Brücke verbindet den europäischen und den asiatischen Teil Istanbuls. Etwa 15 Millionen Menschen leben in der Stadt.
Die Bosporus-Brücke verbindet den europäischen und den asiatischen Teil Istanbuls. Etwa 15 Millionen Menschen leben in der Stadt.
Foto: dpa

Stopp, volle Beschleunigung, Stopp. Mehmet Yücel ist ein Künstler der Fahrgastbeförderung, er kann gleichzeitig lenken, tuten, reden. Und dabei die Lichthupe auf Dauerfeuer stellen, um am Straßenrand stehende Fahrgäste einzusammeln. Kann Gas geben und zugleich das Geld, das die Passagiere von hinten nach vorne durchreichen, kassieren. Lange Fahrt zwei Lira, kurze Fahrt 1,40 – etwa 60 Eurocent. Studenten die Hälfte. „Wie kommst Du billiger durch Istanbul?“, fragt Yücel. „Und woran erkennst du einen guten Fahrer?“ Nun, woran? „Immer freundlich sein. Immer die Ruhe bewahren.“

Ruhig zu bleiben fällt Mehmet Yücel und seinen Kollegen derzeit schwerer als gewohnt. Anfang Januar gab es Krach um einen Bericht der Stadtverwaltung. Bürgermeister Kadir Topbas nannte Sammeltaxis einer modernen Metropole unwürdig, weil zu anarchisch, zu ärmlich und zu regellos. Sie sollten verschwinden und ersetzt werden durch nagelneue Busse in städtischer Regie, so wie in Europa. Die Fahrer könnten ja bleiben, hieß es. „Wir Fahrer sind sofort auf die Barrikaden gestiegen“, erzählt Yücel. „Der Schandplan kam auf die Titelseiten der Zeitungen.“ Schon eine Woche später trat der Bürgermeister den Rückzug an. Er sei missinterpretiert worden, es gehe nur um zwei neue Metrobuslinien, also Express-Busse, im asiatischen Teil der Stadt, die zwar auch 650 Minibusse und Dolmus-Taxis überflüssig machten. Aber natürlich mit Kompensation.

„Fünf---zehn Plätze, Bruder, nicht acht“

Das Wort Dolmus, der übliche Name für Sammeltaxis in der Türkei, bedeutet „voll“ und trifft die Sache gut. Nur ist es in Istanbul mal wieder viel komplizierter. Wer Mehmet Yücel einen Dolmus-Chauffeur nennt, macht ihn sich nicht zum Freund. „Ha! Ich fahre Minibus“, poltert er los. Ein Dolmus, sagt der 52-Jährige abschätzig, habe nur acht Sitzplätze – ein Minibus aber 15. Nur Ausländer könnten das verwechseln. „Fünf---zehn Plätze, Bruder, fünf---zehn, nicht acht!“

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