24.02.2012

Joachim Gauck: Aus der Platte nach Bellevue

Von Nikolaus Bernau
        

Frühjahr 1989, Marienkirche, Rostock: Pfarrer Joachim Gauck betet Fürbitten.
Frühjahr 1989, Marienkirche, Rostock: Pfarrer Joachim Gauck betet Fürbitten.
Foto: dpa
Berlin –  

Joachim Gauck predigte fast 30 Jahre in Rostock, prägte die Stadt und sie ihn. Seine Kandidatur löst dort auch Widerspruch aus. In Cafés, im Bus, beim Bäcker und vor allem in den Leserbriefspalten streiten die Bürger über den designierten Bundespräsidenten.

In der Buchhandlung des Rostocker Hauptbahnhofs muss der Verkäufer passen. Nein, die Autobiografie von Joachim Gauck habe man nicht. In den Lokalzeitungen dagegen ist das Interesse an dem Mann, der fast 30 Jahre in Rostock Pfarrer war und heute für das Amt des Bundespräsidenten kandidiert, groß. Geschildert wird sein Kampf für die Freiheit jedes einzelnen. Er wird gefeiert für sein ehrliches Erinnern. Das provoziert Widerspruch.

Joachim Gauck - der zweite Anlauf

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Rostock streitet in Cafés, im Bus, beim Bäcker, vor allem in den Leserbriefspalten über Gauck: Der kann richtig gut zuhören. Der kann wunderbar reden. Der ist eitel – schon dieser wehende Mantel. Spielt sich auf als Widerständler der ersten Stunde. Aber das hat er nie von sich behauptet, lies mal nach. Der ist doch schon ein Wessi. Das seine Söhne ausreisen durften, das ist doch verdächtig.

Bremen entsendet nur fünf Delegierte

Bei der Wahl zum Bundespräsidenten am 18. März hat Joachim Gauck gute Chancen, im ersten Wahlgang zum neuen Staatsoberhaupt gewählt zu werden: In der Bundesversammlung, deren Zusammensetzung jetzt feststeht, entfallen rund 1.100 der etwa 1 240 Wahlmänner und Wahlfrauen auf Union, FDP, SPD und Grüne, die Gauck nominiert haben. Die Linkspartei, die vermutlich auf einen eigenen Kandidaten setzt, schickt 124 oder 125 Mitglieder, die anderen Parteien 16 Vertreter.

Die Bundesversammlung setzt sich aus sämtlichen 620 Bundestagsabgeordneten und der gleichen Anzahl an Delegierten der Bundesländer zusammen. Entscheidend für die Zahl der Vertreter eines Bundeslandes ist dessen Bevölkerung.

Der Zuteilung liegen nach Angaben des Innenministeriums vom Freitag die aktuellen Zahlen der amtlichen Bevölkerungsstatistik zugrunde.

Walter Kempowski, der war doch auch amerikanischer Spion, oder? Freitag vorletzter Woche, also kurz vor Gaucks Nominierung, verkündete die Ostsee-Zeitung Ergebnisse einer Internetumfrage, laut der 60 Prozent der Rostocker gegen eine Ehrenbürgerschaft für Joachim Gauck sind. Im April soll sie in der Bürgerschaft debattiert werden. Die Linke, größte Fraktion im Rostocker Stadtparlament, lehnt wie auf Bundesebene, Gauck als Präsident ab. Der gerade wiedergewählte Oberbürgermeister Roland Methling – 58 Prozent trotz diverser Skandale und SED-Vergangenheit – hofft dagegen, dass sich Gauck für die Sommerregatta Hanse-Sail einsetzt. Der Bundespräsident als Werbeträger. Nun ja.

Johann-Georg Jaeger von Rostocks Bündnis 90/Grünen – die einzige Partei, zu der Gauck je gehört hat – freut sich auf die Reden: „Gauck ist jemand, der deutlich und klar formuliert. Daran müssen sich die Geister scheiden.“ Jaeger hat 1989 die Gottesdienste mitgestaltet, die auch in Rostock die Revolution einleiteten. Damals wurden in allen Stadtkirchen die gleichen Predigttexte verlesen. Aber Gauck sei speziell gewesen: „Der schafft es, die Leute zu Tränen zu rühren, ohne sentimental zu werden. Ein Spagat, der viel Selbstbewusstsein braucht.“

Wo alles begann

Evershagen. Ein ruhiger Vorort Rostocks auf dem Weg nach Warnemünde, gegründet 1971. Plattenbauten der besseren Art. Hier haben nicht Baukombinate, sondern Architekten und Stadtplaner entworfen. Frisch weht der Wind von der Ostsee durch die luftigen Gartenhöfe. Hier fing der Weg des Joachim Gauck an, der ihn vermutlich am 18. März ins Berliner Schloss Bellevue führen wird. Als er vor vierzig Jahren die Treppenaufgänge hinauf- und hinabstieg, klingelte, vorsichtig fragen musste, ob es sich denn um eine evangelische Familie handele – sonst hätte er wegen Belästigung angezeigt werden können – und dann zum Gottesdienst einlud.

Man traf sich in den Kirchen in der Nachbarschaft oder in Privatwohnungen. Erst 1983 fand man ein Domizil. Damals durfte die katholische Gemeinde sich ganz am Rand von Evershagen die Thomas-Morus-Kirche bauen. Das Geld kam aus der Bundesrepublik, nicht einmal bei den Bauarbeiten durften die Gemeindemitglieder helfen. Die Evangelischen wurden Untermieter. Sie sind es bis heute.

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