Joachim Gauck ist Kandidat für die Wahl zum Bundespräsidenten. Foto: dapd
Joachim Gauck ist Kandidat für die Wahl zum Bundespräsidenten. Foto: dapd
Journalist war sein Traumberuf. Er wurde Pfarrer in der DDR. Die Wendezeit brachte Joachim Gauck in die Politik. Unbequem ist er bis heute.
Hinter uns liegt das Wochenende der Generation 70 plus. Ihm gehört, so sieht es derzeit aus, die Zukunft: Otto Rehhagel, 73 Jahre jung, soll den Berliner Fußballbundesligisten Hertha BSC vor dem Abstieg retten. Auf den Rentner Joachim Gauck, 72, kommt eine noch etwas größere Aufgabe zu: Er darf das beschädigte Amt des Bundespräsidenten reparieren und künftig vor weiteren Beschädigungen bewahren.
Am Wochenende, als die Größen fast aller Parteien in Berlin zusammensaßen – die Linke durfte nur zusehen –, um einen Wulff-Nachfolger auszurufen, war Gauck in Wien. „Ich habe doch zu diesem Thema die ganze Zeit nichts gesagt. Deshalb warte ich mal bis morgen oder übermorgen. Schaun mer mal“, sagte er dort. Der Leipziger Volkszeitung berichtete aber am Wochenende, gegenüber SPD und Grüne hätte er gesagt, er sei noch einmal bereit.
Ostdeutsche Staatsspitze. Angela Merkel ist die erste Kanzlerin aus den neuen Bundesländer. Joachim Gauck wird der erste Präsident aus dem Osten sein.
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Joachim Gauck kann als neuer Bundespräsident nach Einschätzung der Kanzlerin „wichtige Impulse geben für die Herausforderungen unserer Zeit“ und die Herausforderungen der Zukunft.
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Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel (l.) setzt darauf, dass der künftige Bundespräsident Joachim Gauck die Kluft zwischen Bürgern und Politik überwinden hilft. Gabriel würdigte ausdrücklich die fairen und offenen Gespräche mit der Koalition.
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Joachim Gauck selbst zeigte sich überwältigt von den Ereignissen. Er war erst am Sonntag kurzfristig aus Wien nach Berlin geflogen. Die Kanzlerin habe ihn telefonisch im Taxi erreicht. "Ich bin noch nicht einmal gewaschen", sagte er vor laufender Kamera.
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Er wolle die Menschen einladen, Verantwortung zu übernehmen und nicht nur Zuschauer und kritische Begleiter zu sein, sagte der 72-Jährige weiter.
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Vor zwei Jahren war Gauck noch knapp in der Bundesversammlung gescheitert - sein Gegenkandidat Christian Wulff erhielt allerdings erst im dritten Wahlgang ausreichend Stimmen.
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In der Bevölkerung genießt der ehemalige Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde seit jeher großes Ansehen.
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Die neue First Lady heißt Daniela Schadt und ist Politik-Redakteurin bei der Nürnberger Zeitung.
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Das Schloss Bellevue kennen die beiden schon. Dieses Foto zeigt sie bei einem Sommerfest im Juli 2010. Bald wir es Joachim Gaucks offizieller Arbeitsplatz sein.
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Menschlich: Bei der Pressekonferenz bat das neue Staatsoberhaupt, ihm erste Fehler im künftigen Amt zu verzeihen...
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Man dürfe nicht erwarten, dass er ein „Supermann und ein fehlerloser Mensch“ sei, sagte Gauck am Sonntagabend.
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Der geborene Rostocker arbeitete in der DDR als Pfarrer und engagierte sich im Wendejahr 1989 im Neuen Forum, wo er sich um die Aufdeckung des Überwachungsapparates der DDR kümmerte.
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Vor allem sein authentischer Kampf für die Freiheit macht ihn bei den Menschen beliebt.
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In den Blitzumfragen nach dem Wulff-Rücktritt hatte Gauck im Bürgervotum die Nase vorn. Bleibt nur zu hoffen, dass nach den vorzeitige abgetretenen Horst Köhler und Christian Wulff nun Ruhe ins Amt einkehrt.
Die Spitzen von CDU, CSU, SPD und Grünen treten vor die Presse. Zuvor hatten sie sich auf Joachim Gauck als gemeinsamen Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten geeinigt. Von links: Claudia Roth (Grüne), Sigmar Gabriel (SPD), Angela Merkel (CDU), Joachim Gauck, Jürgen Trittin (Grüne), Cem Özdemir (Grüne), Philipp Rösler (FDP) und Horst Seehofer (CSU).
Das ist er nun. Am Sonntagabend rang sich die CDU, vom Koalitionspartner FDP gedrängt, endlich zu Gauck durch. Bis zuletzt hatte sie sich gesträubt und gefürchtet, bei einer Zustimmung zum Wulff-Kontrahenten von 2010 das Gesicht zu verlieren. Am Abend bat Angela Merkel Gauck dann ins Kanzleramt. Er dürfte mit stillem Vergnügen registriert haben, wie sich die Malaise des Christian Wulff aus Hannover in seine zweite Chance verwandelt hat. Nicht, weil er ein missgünstiger oder nachtragender Mann wäre. Gewiss nicht. Aber es dürfte ihn schon amüsiert haben, dass die Geschichte für ihn noch einmal auf die Wiederholungstaste gedrückt hat.
„Ich würde in der Tradition all derjenigen Bundespräsidenten stehen, die sich gehütet haben, die Politik der Bundesregierungen zu zensieren. Mancher wünscht sich ja einen Bundespräsidenten wie einen Kaiser, als letzte Instanz über allem - das darf er nicht sein.“ (25.6.2010, bei seinem ersten Anlauf zur Präsidentschaft über sein Amtsverständnis.)
„Das wird schnell verebben.“ (16.10.2011, über die internationale Protestbewegung „Occupy“)
„Denn als Bürger der DDR haben ich und viele andere Menschen im ganzen Osten Europas Ohnmacht erlebt und trotz Ohnmacht Ähnliches geschafft: Es gibt ein wahres Leben im falschen.“ (10.10.2010 bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an den israelischen Schriftsteller David Grossmann)
„Widerstand ist nicht, Widerstand wird.“
„Deutschland hat eine Liebhaberin der Freiheit verloren, und ich wünschte mir, sie würde viele Menschen anstecken mit dieser Liebe zur Freiheit und auch dazu, eine eigene Meinung zu haben und sie laut und deutlich zu vertreten.“ (12.9.2010 zum Tod der DDR-Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley)
"Unsäglich albern." (16.10.2011, über die Finanzmarkt-Debatte)
„Wir dürfen uns von den Fanatikern und Mördern nicht unser Lebensprinzip diktieren lassen.“ (27.7.2011, bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele gegen die Einschränkung von Freiheitsrechten aus Sicherheitsaspekten als Reaktion auf Terror)
Im Jahr 2010 wäre er schon einmal um ein Haar Präsident geworden. Er war der Kandidat einer großen Mehrheit der Deutschen, er hatte ihre Herzen erobert. Aber dann scheiterte er am Willen der Kanzlerin: Angela Merkel wollte keinen gemeinsamen Kandidaten mit SPD und Grünen. Es musste ein CDU-Mann sein. Es ging um Schwarz und Gelb. Gauck, zuvor von SPD-Chef Sigmar Gabriel angerufen und ins Rennen geschickt, trat gegen Wulff an und verlor knapp die Wahl. Aber nicht den Respekt und die Zuneigung der Deutschen. Er war ein großartiger Verlierer.
Auch diesmal wieder, wohin man schaut: Überall Sympathie für den Herrn Pastor aus Rostock. SPD, Grüne, die FDP, 54 Prozent aller Deutschen wollten ihn. Nur die CDU und Kanzlerin Merkel mussten sich überwinden und über ihre Schatten springen. Was kurios ist, denn eigentlich steht Gauck der Union schon lange ein bisschen näher als den Sozialdemokraten und Grünen.
Die Wahl
Der Bundespräsident wird von der Bundesversammlung gewählt, die nur zu diesem Zweck zusammentritt. Die Wahl muss laut Verfassung spätestens 30 Tage nach Ausscheiden des Staatsoberhaupts erfolgen – im aktuellen Fall also spätestens am 18. März. Zusammengerufen wird die nächste, die 15. Bundesversammlung vom Bundestagspräsidenten.
Die Bundesversammlung setzt sich zusammen aus den Bundestagmitgliedern und der gleichen Anzahl Vertreter aus den Bundesländern. Die Landtage können auch Nicht-Politiker benennen. In der nächsten Versammlung sitzen 1 240 Wahlfrauen und -männer. Aktuell läge die absolute Mehrheit damit bei 621 Stimmen. Schwarz-Gelb hat derzeit nur eine knappe Mehrheit.
Union und FDP hätten nach Berechnungen des Internetportals Wahlrecht.de gegenwärtig eine absolute Mehrheit von vier, im besten Fall von acht Stimmen. Wobei das nicht ganz klar ist, weil teilweise über die Sitze per Los entschieden werden muss, etwa wenn CDU und SPD in einem Land gleich stark sind.
Joachim Gauck ist ein vielbeschäftigter Herr mit randvollem Kalender. Er reist durch die Republik und tut das, was er am allerbesten kann: Er hält Reden, er ermuntert die Menschen, dass zu tun, was ihm immer wichtig war: Für die Freiheit einstehen und sich verteidigen. Er begründet, warum Deutschland ein gutes Land ist, in dem er gerne lebt. Er kann das, er hat den Untergang der DDR erfahren und weiß deshalb, was einem so passieren kann und worauf es im Leben und in der Politik ankommen sollte. Gauck ist mit den Jahren ein gelassener Mann geworden. Wo er auftaucht, erzählt er auch immer ein bisschen aus seinem großen Leben, das bequem für zwei Menschen gereicht hätte. Er macht das auf charmante Weise und mit vornehmem norddeutschen Akzent.
Seinen Vater Joachim, einen Kapitän, verschleppten nach dem Krieg die Sowjets. Er verschwand in einem sibirischen Lager, angeblich wegen „Hetze“. Erst 1955 kam er frei. Das Schicksal des Vaters, der Volksaufstand 1953: Das ist der Hintergrund, der Gauck junior zu einem kritischen, antisowjetisch eingestellten jungen Mann formte.
Journalist werden, sein Traum, ging nicht unter den Bedingungen der DDR. So wurde er Theologe und Pastor im Nordosten, zunächst in Lüssow, später in Rostock. Die Stasi nahm ihn ab 1974 ins Visier und empfahl später „gezielte Zersetzungsmaßnahmen“ gegen den den jungen Mann. Aber dazu ist es wohl nie gekommen.
Als 1989 die friedliche Revolution die DDR wegfegte, wurde der Theologe zum Bürgerrechtler und dann zum Politiker. Über die Partei „Neues Forum“ zog er in die letzte Volkskammer ein. Dort machte er sich für die Auflösung des Mielke-Ministeriums stark. So wurde er schließlich der Sonderbeauftragte für die Stasi-Unterlagen. Und als Deutschland wiedervereinigt war, bestätigte ihn Bundespräsident Richard von Weizsäcker in dem Amt, das fortan seinen Namen tragen sollte: Gauck-Behörde. Das Verb „gaucken“ bezeichnete die Überprüfung nach einer Stasi-Vergangenheit.
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