20.02.2012

Joachim Gauck: Die Sehnsucht nach Freiheit

Von Bernhard Honnigfort
Joachim Gauck ist Kandidat für die Wahl zum Bundespräsidenten.
Joachim Gauck ist Kandidat für die Wahl zum Bundespräsidenten.
Foto: dapd

Journalist war sein Traumberuf. Er wurde Pfarrer in der DDR. Die Wendezeit brachte Joachim Gauck in die Politik. Unbequem ist er bis heute.

Hinter uns liegt das Wochenende der Generation 70 plus. Ihm gehört, so sieht es derzeit aus, die Zukunft: Otto Rehhagel, 73 Jahre jung, soll den Berliner Fußballbundesligisten Hertha BSC vor dem Abstieg retten. Auf den Rentner Joachim Gauck, 72, kommt eine noch etwas größere Aufgabe zu: Er darf das beschädigte Amt des Bundespräsidenten reparieren und künftig vor weiteren Beschädigungen bewahren.

Am Wochenende, als die Größen fast aller Parteien in Berlin zusammensaßen – die Linke durfte nur zusehen –, um einen Wulff-Nachfolger auszurufen, war Gauck in Wien. „Ich habe doch zu diesem Thema die ganze Zeit nichts gesagt. Deshalb warte ich mal bis morgen oder übermorgen. Schaun mer mal“, sagte er dort. Der Leipziger Volkszeitung berichtete aber am Wochenende, gegenüber SPD und Grüne hätte er gesagt, er sei noch einmal bereit.

Joachim Gauck - der zweite Anlauf

Bildergalerie ( 15 Bilder )

Das ist er nun. Am Sonntagabend rang sich die CDU, vom Koalitionspartner FDP gedrängt, endlich zu Gauck durch. Bis zuletzt hatte sie sich gesträubt und gefürchtet, bei einer Zustimmung zum Wulff-Kontrahenten von 2010 das Gesicht zu verlieren. Am Abend bat Angela Merkel Gauck dann ins Kanzleramt. Er dürfte mit stillem Vergnügen registriert haben, wie sich die Malaise des Christian Wulff aus Hannover in seine zweite Chance verwandelt hat. Nicht, weil er ein missgünstiger oder nachtragender Mann wäre. Gewiss nicht. Aber es dürfte ihn schon amüsiert haben, dass die Geschichte für ihn noch einmal auf die Wiederholungstaste gedrückt hat.

Gaucks Grundsätze

„Ich würde in der Tradition all derjenigen Bundespräsidenten stehen, die sich gehütet haben, die Politik der Bundesregierungen zu zensieren. Mancher wünscht sich ja einen Bundespräsidenten wie einen Kaiser, als letzte Instanz über allem - das darf er nicht sein.“ (25.6.2010, bei seinem ersten Anlauf zur Präsidentschaft über sein Amtsverständnis.)

Im Jahr 2010 wäre er schon einmal um ein Haar Präsident geworden. Er war der Kandidat einer großen Mehrheit der Deutschen, er hatte ihre Herzen erobert. Aber dann scheiterte er am Willen der Kanzlerin: Angela Merkel wollte keinen gemeinsamen Kandidaten mit SPD und Grünen. Es musste ein CDU-Mann sein. Es ging um Schwarz und Gelb. Gauck, zuvor von SPD-Chef Sigmar Gabriel angerufen und ins Rennen geschickt, trat gegen Wulff an und verlor knapp die Wahl. Aber nicht den Respekt und die Zuneigung der Deutschen. Er war ein großartiger Verlierer.

Auch diesmal wieder, wohin man schaut: Überall Sympathie für den Herrn Pastor aus Rostock. SPD, Grüne, die FDP, 54 Prozent aller Deutschen wollten ihn. Nur die CDU und Kanzlerin Merkel mussten sich überwinden und über ihre Schatten springen. Was kurios ist, denn eigentlich steht Gauck der Union schon lange ein bisschen näher als den Sozialdemokraten und Grünen.

Die Wahl

Der Bundespräsident wird von der Bundesversammlung gewählt, die nur zu diesem Zweck zusammentritt. Die Wahl muss laut Verfassung spätestens 30 Tage nach Ausscheiden des Staatsoberhaupts erfolgen – im aktuellen Fall also spätestens am 18. März. Zusammengerufen wird die nächste, die
15. Bundesversammlung vom Bundestagspräsidenten.

Die Bundesversammlung setzt sich zusammen aus den Bundestagmitgliedern und der gleichen Anzahl Vertreter aus den Bundesländern. Die Landtage können auch Nicht-Politiker benennen. In der nächsten Versammlung sitzen 1 240 Wahlfrauen und -männer. Aktuell läge die absolute Mehrheit damit bei 621 Stimmen. Schwarz-Gelb hat derzeit nur eine knappe Mehrheit.

Union und FDP hätten nach Berechnungen des Internetportals Wahlrecht.de gegenwärtig eine absolute Mehrheit von vier, im besten Fall von acht Stimmen. Wobei das nicht ganz klar ist, weil teilweise über die Sitze per Los entschieden werden muss, etwa wenn CDU und SPD in einem Land gleich stark sind.

Joachim Gauck ist ein vielbeschäftigter Herr mit randvollem Kalender. Er reist durch die Republik und tut das, was er am allerbesten kann: Er hält Reden, er ermuntert die Menschen, dass zu tun, was ihm immer wichtig war: Für die Freiheit einstehen und sich verteidigen. Er begründet, warum Deutschland ein gutes Land ist, in dem er gerne lebt. Er kann das, er hat den Untergang der DDR erfahren und weiß deshalb, was einem so passieren kann und worauf es im Leben und in der Politik ankommen sollte. Gauck ist mit den Jahren ein gelassener Mann geworden. Wo er auftaucht, erzählt er auch immer ein bisschen aus seinem großen Leben, das bequem für zwei Menschen gereicht hätte. Er macht das auf charmante Weise und mit vornehmem norddeutschen Akzent.

Seinen Vater Joachim, einen Kapitän, verschleppten nach dem Krieg die Sowjets. Er verschwand in einem sibirischen Lager, angeblich wegen „Hetze“. Erst 1955 kam er frei. Das Schicksal des Vaters, der Volksaufstand 1953: Das ist der Hintergrund, der Gauck junior zu einem kritischen, antisowjetisch eingestellten jungen Mann formte.

Journalist werden, sein Traum, ging nicht unter den Bedingungen der DDR. So wurde er Theologe und Pastor im Nordosten, zunächst in Lüssow, später in Rostock. Die Stasi nahm ihn ab 1974 ins Visier und empfahl später „gezielte Zersetzungsmaßnahmen“ gegen den den jungen Mann. Aber dazu ist es wohl nie gekommen.

Als 1989 die friedliche Revolution die DDR wegfegte, wurde der Theologe zum Bürgerrechtler und dann zum Politiker. Über die Partei „Neues Forum“ zog er in die letzte Volkskammer ein. Dort machte er sich für die Auflösung des Mielke-Ministeriums stark. So wurde er schließlich der Sonderbeauftragte für die Stasi-Unterlagen. Und als Deutschland wiedervereinigt war, bestätigte ihn Bundespräsident Richard von Weizsäcker in dem Amt, das fortan seinen Namen tragen sollte: Gauck-Behörde. Das Verb „gaucken“ bezeichnete die Überprüfung nach einer Stasi-Vergangenheit.

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